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Ingolstadt

01.11.2017

Trauer um Verstorbene kann zur chronischen Krankheit werden

Menschen, die unter Anhaltender Trauer leiden, wollen den Tod wichtiger Bezugspersonen nicht wahrhaben. Sie führen ihr Leben so, als wäre der Verstorbene noch da.
Bild: Thomas Balbierer

Trauer ist eine normale Reaktion auf den Verlust eine Menschen. Doch was, wenn der Schmerz nicht aufhört? In Ingolstadt läuft gerade eine Studie zur Anhaltenden Trauerstörung.

„Meine Frau ist bereits vor sieben Jahren gestorben. Im Laufe der Zeit nahm aber der Schmerz nicht ab. Wut, aber auch Schuldgefühle und Traurigkeit werden immer stärker.“*

In dem grünen Gebäude mit dem kunterbunt über dem Eingang tänzelnden Schriftzug „Via Vitae“, was auf Deutsch so viel heißt wie „Weg des Lebens“, wird derzeit viel über den Tod gesprochen. Im ersten Stock des Gebäudes an der Levelingstraße 7 in Ingolstadt befindet sich die psychotherapeutische Hochschulambulanz der Katholischen Universität (KU). Vom lichtdurchfluteten Empfang gelangt man in wenigen Schritten zu den modernen Therapieräumen. Hier startete im April eine bundesweite Studie, die die Behandlung einer offiziell noch gar nicht anerkannten Krankheit erforscht: der Anhaltenden Trauerstörung.

„Es gibt Phasen, in denen es mir gelingt, wenig an meine Frau zu denken. Es reicht aber aus, ein Bild zu sehen oder ihre Lieblingsmelodie zu hören und ich bin wieder im Kreis gefangen.“

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Unter Anhaltender Trauerstörung verstehen Psychologen die krankhafte Reaktion auf den Verlust eines Menschen. Betroffene wollen den Tod einer Bezugsperson nicht wahrhaben, ziehen sich aus ihrem Freundkreis zurück oder entwickeln Schuldgefühle. „Man darf aber normale Trauer nicht pathologisieren“, betont Dr. Hannah Comteße, Mitarbeiterin der psychotherapeutischen Hochschulambulanz. Deshalb gibt es im wissenschaftlichen Diskurs eine klare Unterscheidung zwischen normaler Trauer und der Anhaltenden Trauerstörung. Während der Schmerz des Verlustes bei normaler Trauer innerhalb eines halben Jahres abnimmt und der Trauernde sein Leben weiterleben kann, treten bei Anhaltender Trauer auch darüber hinaus heftige Sehnsucht, Verbitterung, Vermeidung oder Isolation auf. „Es gibt Patienten, die strukturieren ihren Alltag so, als ob der Verstorbene noch da wäre“, sagt Dr. Comteße.

Studie: Fast fünf Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen

„Ich muss tagtäglich an sie denken. Dann bin ich zornig auf den Autofahrer, der den Autounfall verursachte und fühle mich schuldig, weil ich meine Frau nicht begleitet hatte. Sofort werde ich von einer tiefen Traurigkeit überrollt sowie Angst, diese Gefühle nicht mehr loswerden zu können.“

Lange wurde die Trauerstörung, auch als „komplizierte Trauer“ bekannt, wissenschaftlich dem Feld der Traumatisierung zugeordnet. Bald könnte die Störung als eigene Erkrankung in das ICD, das internationale Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen, aufgenommen werden. Dieser Schritt wäre auch ein Erfolg für Professorin Dr. Rita Rosner, Inhaberin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie an der KU. Sie forscht seit Jahren zu dem Thema und leitet die bundesweite PROGRID-Studie, um ein neues Therapieverfahren für Patienten mit Anhaltender Trauer (Prolonged Grief Disorder) zu testen. Die Behandlung beinhaltet, im Vergleich zu einer zweiten Therapieform, die Konfrontation des Patienten mit belastenden Situationen. „Vordergründig beschäftigen sich die Betroffenen exzessiv mit dem Verstorbenen. Eigentlich vermeiden sie aber damit die Konfrontation mit der Endgültigkeit des Todes und somit eine Zuwendung an das Leben ohne diese Person“, schreiben Rosner und ihre Co-Autoren in dem Buch „Anhaltende Trauerstörung“. Darin schildern die Wissenschaftler auch Aufbau und Ablauf der in der PROGRID-Studie untersuchten Therapieformen. Für die Studie arbeiten Universitäten aus Frankfurt, Leipzig und Marburg mit der Katholischen Universität zusammen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt in den kommenden drei Jahren mit rund einer Million Euro.

Von außen wirkt das bunte Gebäude in der Levelingstraße fröhlich. In der psychotherapeutischen Hochschulambulanz im ersten Stock ist jedoch der Tod allgegenwärtig.
Bild: Thomas Balbierer

„Manchmal wünsche ich mir den Tod, damit ich wieder bei ihr sein kann.“

Die Ergebnisse könnten vielen Betroffenen helfen. Zur Häufigkeit der Störung gibt es auseinandergehende Schätzungen. Laut einer niederländischen Studie tritt sie bei fast fünf Prozent der Gesamtbevölkerung auf. Im Unterschied zu einer Depression, die in Episoden auftritt, bleibt die Intensität der Trauer konstant hoch. Medikamente helfen nicht. Dennoch sind sich Anhaltende Trauer und Depression nahe. Depressive Menschen sind gefährdeter, an der Trauerstörung zu erkranken.

"Es geht nicht darum, die Person zu vergessen"

„Gelegentlich, wenn ich im Bett liege, habe ich das Gefühl, sie zu spüren oder ihre Stimme zu hören. Dann realisiere ich, dass ich nur geträumt habe und falle in ein tiefes Loch.“

Betroffene rühren das Zimmer des Toten nicht an oder tragen Fotos und Andenken bei sich. Trotzdem vermeiden sie es, sich wirklich mit dem Verlust auseinanderzusetzen. Manche Patienten entwickeln Schuldgefühle, weil sie sich zum Beispiel nicht verabschieden konnten. Andere verbittern und ziehen sich aus dem Freundes- und Familienkreis zurück. Sie bekommen Probleme im Beruf oder leiden unter körperlichen Beeinträchtigungen.

„Meine gesundheitliche Verfassung hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Ich leide häufig an Infekten und muss regelmäßig Antibiotika nehmen. Letztes Jahr hatte ich zwei Bandscheibenvorfälle, habe aber nicht die Kraft, mich für Sport oder Bewegung aufzuraffen oder mein Essverhalten zu ändern.“

Von einer Art „Bindungsstörung“, spricht Dr. Hannah Comteße, die in an der psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ingolstadt die PROGRID-Studie mitbetreut. Die Betroffenen wollen den Tod nicht wahrhaben, leben ihr Leben so, als wäre die verstorbene Person noch da. „Die Bindung zum Verstorbenen ändert sich nicht“, sagt Dr. Comteße. Dabei sei gerade eine Veränderung der Beziehung nötig, um weiterleben zu können. „Es geht nicht darum, die Person zu vergessen“, erklärt die Psychologin. „Auch nicht darum, dem Patienten schöne Erinnerungen zu nehmen.“ Ziel der Therapie sei, „dass das Leben wieder lebenswert wird und dass die funktionalen Einschränkungen minimiert beziehungsweise eliminiert werden“, erklären die Entwickler der Therapie rund um Professorin Rita Rosner.

Chronische Trauer häufig bei plötzlichen Todesfällen

„Meine Frau war sehr gesellig und hatte viele gute Freunde. Wir haben mit ihnen viel unternommen. Nach ihrem Tod habe ich mich von diesen Freunden distanziert. Im Grunde lebe ich seit fünf Jahren sehr isoliert.“

Der Umstand des Todes kann Auslöser für eine Anhaltende Trauerstörung sein. Kam der Verlust sehr unerwartet oder war das Ableben der Person für den Patienten besonders traumatisch, kann das die Ursache chronischer Trauer sein. Auch wenn der Betroffene sich von der Person nicht verabschieden konnte, kann es zu der Störung kommen.

Erste Erfahrungen mit der neuen Behandlungsform verliefen positiv. Die PROGRID-Studie läuft seit April. Die Therapie besteht aus 20 bis 24 Einzelgesprächen und dauert fünf bis sechs Monate. Wer seit dem Verlust einer nahestehenden Person an körperlichen und seelischen Beschwerden leidet und zwischen 18 und 75 Jahren alt ist, kann an der Studie teilnehmen.

Dr. Agnes Nocon, Psychotherapeutin an der Hochschulambulanz der KU, sagt, dass bei chronisch Trauernden auch eine „Spontanremission“, also eine Heilung ohne Behandlung, eintreten könne. Doch oft genug seien Beruf und soziales Leben bis dahin bereits aus den Fugen geraten.

*Alle kursiven Zitate stammen aus einem Beispiel zur Trauerreaktion aus dem Buch „Anhaltende Trauerstörung: Manuale für die Einzel- und Gruppentherapie“ von Rita Rosner et al., Hogrefe (2015)

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