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Neuburg

28.03.2015

Vom Leben in einer anderen Zeit

Das Tanzcafé Hertlein (Aufnahmedatum unbekannt).
8 Bilder
Das Tanzcafé Hertlein (Aufnahmedatum unbekannt).
Bild: Stadtarchiv/Sammlung Fotoatelier Sayle

Aus dem Nachlass der Fotografen-Familie Sayle existieren 100000 Negative, die das gesellschaftliche Leben Neuburgs von 1895 bis 1970 zeigen. Stadtarchiv und Kulturamt stellen einen Teil davon jetzt aus.

Eigentlich hatte Stadtarchivarin Barbara Zeitelhack die Hoffnung längst aufgegeben. Zu oft schon hatte sie sich seit 1998 um den Nachlass der Neuburger Fotografen-Dynastie Sayle bemüht – stets ohne Erfolg. Die Erben wollten sich nicht von den 100000 Glas- und Filmnegativen trennen, die in drei Generationen ihrer Familie entstanden waren. Begonnen hatte mit dieser Tradition der Likörfabrikant und Seifensieder Max Sayle (1847-1924) als Hobbyfotograf. Sein Sohn Julius Sayle (1895-1979) meldete dann ein Fotoatelier in Neuburg an und dessen Sohn Max Julius Sayle (1936-2014) wiederum war Inhaber der „Fotomax OHG“. Alle drei haben in einzigartiger Weise ihre Zeit, die Neuburger Stadtgeschichte und Gesellschaft fotografisch dokumentiert – mit einem großen Gespür für Motive und Ästhetik. Ein großer Schatz ist auf diese Weise entstanden, der der Nachwelt wertvolle Eindrücke vom Leben längst vergangener Zeit erzählt.

Und dann war es schließlich doch soweit: 2013 gelang es der Stadt Neuburg, das Material den Erben – zwei Söhne von Max Julius leben in München – abzukaufen. Jetzt werden die Negative digitalisiert und nach und nach ins Internet gestellt. So gewinnt die Nachwelt Eindrücke vom Stadtbild Neuburgs, vom gesellschaftlichen Leben und der Arbeitswelt aus der Zeit zwischen 1895 und 1972. Eine erste öffentliche Präsentation findet jetzt im Neuburger Rathausfletz statt: Vom morgigen Sonntag, 29. März, bis zum 3. Mai werden 48 Fotografien dort unter dem Motto „Durchs Objektiv betrachtet“ ausgestellt. Und das soll nur der Anfang von einer ganzen Reihe weiterer Fotoexpositionen sein.

Die Aufnahmen der Fotografen Sayle begleiten viele Neuburger von der Wiege bis zu Bahre: Es existieren Kinderfotos, Fotos von Kommunion, Firmung, Hochzeiten, Jubiläen, Gräbern, aber auch Aufnahmen des eigenen Besitzes, der Autos und Privathäuser. „Da es anfangs kostspielig war, sich fotografieren zu lassen, gibt es solche Aufnahmen vor allem von der ’Upper Class’, dem gehobenen Bürgertum“, schildert Barbara Zeitelhack. Später dann wurden durch Passfotos auch weitere Bevölkerungsteile bildlich erfasst – auch beispielsweise die Zwangsarbeiter.

Daneben existieren Dokumente des gesellschaftlichen Lebens und der Vereine in Neuburg. Faschingsbälle und Einweihungen sind ebenso dokumentiert wie architektonische Veränderungen und Entwicklungen des Stadtbildes und der lokalen Gastronomie. Die ältesten Aufnahmen stammen aus der Zeit zwischen etwa 1895 und 1900 und sind dem Vater Julius Sayles, Max senior, zuzuschreiben. Die Entwicklung der Stadt in den 60er und 70er Jahren, geprägt durch rege Bautätigkeit und die Ansiedlung von Wirtschaftsunternehmen, dokumentieren die Schwarzweiß- und Farbfotografien von Max Sayle (geboren 1936). Beide leiteten hauptberuflich ihr Unternehmen, die Essig- und Likörfabrik.

Zwischen 1925 und 1954 wurde das Hobby Fotografie dann zur Profession: Fotograf Julius Sayle – so geht aus den Auftragsbüchern und auch aus seiner künstlerischen Handschrift hervor – widmete sich mehr und mehr dieser Tätigkeit. Arrangements und Ästhetik seiner Aufnahmen und die Art der Retusche sprechen für seine Urheberschaft. Daneben war Julius Sayle weiterhin zusätzlich als Wein- und Spirituosenfabrikant und Berufsfischer tätig.

Die Fotos nach 1952 stammen hingegen vom jüngsten der drei Sayles, Max Julius. Sein Talent zeigte sich früh: Mit einer Gruppenaufnahme errang er einen Preis beim Wettbewerb „Jugend fotografiert“ der internationalen Messe Photokina. Nach Abschluss der Ausbildung im väterlichen Geschäft arbeitete er zusammen mit seinem Vater im Neuburger Fotoatelier und absolvierte 1960 die Meisterklasse der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotografie in München.

Max Julius Sayle brachte sowohl mit seinen unkonventionellen Schaufensterdekorationen, als auch mit seiner modernen Bildästhetik und neuen Genres (Architektur- und Industriefotografie) frischen Wind in die Kleinstadt. „Das fiel auf und führte auch zu Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vater“, so Barbara Zeitelhack. Überliefert ist auch Max Julius Sayles einmaliger Versuch mit dem Medium Film: Anlässlich der 450-Jahr-Feier des ehemaligen Fürstentums „Junge Pfalz“ drehte er den Neuburg-Streifen, der noch existiert. 1972 zog es ihn dann nach München, wo er ein Fotoatelier eröffnete und schwerpunktmäßig Auftragsarbeiten im Bereich der Architektur- und Industriefotografie übernahm.

Info Die gemeinsame Ausstellung von Stadtarchiv und Kulturamt „Fotoatelier Sayle – Durchs Objektiv betrachtet“ wird am morgigen Sonntag, 29. März, um 11.30 Uhr in der Städtischen Galerie im Rathausfletz eröffnet. Zur Einführung spricht Abo Schmid, ein Freund Max Sayles. Die Ausstellung dauert bis zum 3. Mai und ist geöffnet zu folgenden Zeiten: Donnerstag und Freitag 17 bis 19 Uhr, sowie Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 19 Uhr.

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