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Demenz

23.05.2008

Wenn Gedächtnislücken immer größer werden

"88... 92... 96... 100... 104..." Auguste Leix überlegt angestrengt. Man merkt es an ihren tiefen Stirnfalten und ihren unruhigen Augen. Es ist eine Mischung aus Abwesenheit, Verdruss und Konzentration.

"104 plus vier sind Hundertund...", kommt die Hilfe vom anderen Tischende. Doch es hilft nichts, der Funke will nicht überspringen. Früher waren solche Aufgaben für Auguste Leix kein Problem. Im Schlaf hätte sie in Viererschritten rauf und runter rechnen können. Doch heute, mit 85 Jahren, ist alles anders. Die Demenz hat ihr Denken verlangsamt und ihr Erinnerungsvermögen verblasst. Der Schritt von 104 zu 108 ist in diesem Augenblick so groß wie die Lücke, die die Krankheit in ihrem Kopf hinterlassen hat.

Auguste Leix ist mit diesem Problem nicht allein. Fünf Senioren zwischen 68 und 92 Jahren sitzen an diesem Nachmittag um den Tisch im Pfarrheim Oberhausen, und alle haben sie eines gemeinsam: Sie leiden unter Demenz. Seit August 2002 gibt es schon die Demenzgruppe in Oberhausen, und Auguste Leix ist von Anfang an dabei. "Mir würde was fehlen, wenn es die Gruppe nicht mehr gebe", sagt die 85-Jährige.

"Und wenn Sie nicht da sind, fehlt auch was", wirft Dora Reiner ein und nickt wie zur Bestätigung mit dem Kopf. Es ist eine eingeschworene Gruppe, die sich da jeden Donnerstag zwischen 14 und 17 Uhr trifft, denn nicht selten sind sie neben den Angehörigen die einzigen Kontakte, die die Demenzerkrankten haben.

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"Wir wollen die Senioren aus der Vereinsamung holen, gleichzeitig aber auch die Angehörigen entlasten", erklärt Gruppenleiterin Mini Forster-Hüttlinger das Ziel des Projektes.

Die Gemeinderätin weiß genau, wovon sie spricht: Sie hat selbst jahrelang ihren demenzerkrankten Vater gepflegt und kennt die damit verbundene Belastung. Alltägliches wird plötzlich zur logistischen Herausforderung, denn Einkaufen, der Friseurbesuch, Behördengänge oder ein Grillabend mit Freunden sind ohne weiteres nicht mehr möglich.

Aus dieser Erfahrung ist die Idee gekeimt, eine Demenzgruppe zu gründen, bei der Familienangehörige für einige Stunden entlastet werden. Die Senioren werden immer donnerstags von zu Hause abgeholt und für drei Stunden im Pfarrheim betreut. Auch Ausflüge in die nähere Umgebung stehen hin und wieder auf dem Plan.

Nach Kaffee und Kuchen werden Spiele gemacht, die das Gedächtnis und die Motorik wieder in Schwung bringen, wie Rechenaufgaben, Memory, Basteln oder Gymnastik. Fünf Helferinnen stehen Forster-Hüttlinger dabei zur Seite, darunter Stilla Strigl und Monika Reißer. "Es gibt Untersuchungen, die gezeigt haben, dass Gedächtnistraining demotivierend für Demenzerkrankte ist", weiß die Gruppenleiterin. "Das kann ich allerdings nicht bestätigen. Im Gegenteil: Sie freuen sich über Erfolge und werden wieder mobiler", fügt sie hinzu.

Am Tisch der Senioren werden derweil die Koffer gepackt - ein bekanntes Kinderspiel, bei dem das Gedächtnis geschult wird. "Ich packe meine Koffer und nehme mit... Unterwäsche", fängt Käthe Leppmeier das Spiel an. "Ich packe meine Koffer und nehme mit... Unterwäsche und Schuhe", macht Dora Reiner weiter.

So geht es reihum: Jeder muss einen neuen Gegenstand nennen, sich aber auch an die bereits genannten Dinge erinnern. Je länger das Spiel dauert, umso schwieriger wird es - da stoßen die Betreuerinnen schon mal auf pragmatischen Widerstand. "Ich nehm' gar nix mit, weil ich net wegfahr'!", sagt Josefa Voit bestimmt.

Betreute Demenzgruppen gibt es in der Region einige, doch in Oberhausen ist das Konzept einmalig: Der wöchentliche Treff basiert auf ehrenamtlicher Tätigkeit und ist damit kostenlos für die Angehörigen. Alle Betreuerinnen arbeiten unentgeltlich, und die Kirche stellt das Pfarrheim kostenlos zur Verfügung.

Auch wenn die Gruppe Ende Mai in einen Raum im Jung & Alt-Wohnprojekt umzieht, muss sie nichts dafür bezahlen. Außerdem werden die Senioren abgeholt und abends wieder nach Hause gebracht. Finanzielle Unterstützung gibt es durch Spenden, aber hauptsächlich von der Caritas, über die die ehrenamtlichen Helfer auch versichert sind.

Mini Forster-Hüttlinger ist sich sicher, dass das Thema Demenz und Alzheimer in den nächsten Jahren noch eine große Herausforderung für die Gesellschaft werden wird. "Alzheimer wird uns in den nächsten Jahren auffressen", sagt sie. 1,2 Millionen Menschen sind es derzeit allein in Deutschland, die an dieser Krankheit leiden - Tendenz steigend.

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