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Neuburg

02.08.2019

Wie eine Neuburgerin die Nazis reinlegte

Paula Schlier im Jahr 1934 in Garmisch-Partenkirchen. Nur acht Jahre nach diesem Foto stand die junge Frau kurz davor, ins Konzentrationslager Dachau deportiert zu werden.
Bild: Brenner-Archiv

Plus 1926 veröffentlicht Paula Schlier Aufzeichnungen aus ihrem Leben. Darunter befinden sich Einträge über die Zeit, als sie sich bei den Nazis einschleust.

Es ist eine Lüge, die Paula Schlier das Leben rettet. Die Geheime Staatspolizei greift die gebürtige Neuburgerin am Ostersonntag 1942 in Garmisch-Partenkirchen auf und verhaftet sie. Ihr droht die Deportation ins Konzentrationslager Dachau. Hunderttausende werden dort während des Zweiten Weltkriegs vergast, gequält, ausgebeutet. Ein Schicksal, das auch Paula Schlier droht. Um sie zu retten, fasst der Neurologe Wilhelm Weindler, mit dem sie in Garmisch eine Praxis führt, einen waghalsigen Entschluss. Er attestiert seiner Kollegin religiösen Wahn.

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In der früheren Hofapotheke wurde Paula Schlier 1899 geboren.
Bild: Fabian Kluge

Welch Ironie dieser Diagnose innewohnt, erfährt Schlier erst nach Kriegsende. Denn ihr katholischer Beichtvater hat vertrauliche Briefe der Neuburgerin mit angeblich staatsfeindlichen Äußerungen weitergegeben. Über Umwege landen diese bei der Gestapo. Zwar glauben weder Sanitäter noch Amtsarzt, dass Schlier an religiösem Wahn leidet – in ihrer unvollendeten Autobiografie „Gescheitertes Leben – eine Danksagung“ ist zu lesen: „Der fehlt doch gar nichts“. Doch Weindler kann es verhindern, dass Schlier gesund geschrieben wird. Statt ins KZ geht es für sie in die Landesheilanstalt nach Eglfing-Haar. Während eines Krankenurlaubs gelingt ihr die Flucht nach Tirol.

Paula Schlier pflegt als Lazarettschwester verwundete Männer

Dabei beginnt Schliers Leben für damalige Zeiten harmonisch. Am 12. März 1899 wird sie im Haus der früheren Hofapotheke am Neuburger Karlsplatz geboren. Dort verbringt sie die ersten Jahre ihres Lebens, ehe ihr Vater Heinrich Schlier, ein Militärarzt, nach Ingolstadt versetzt wird. Über ihre Erinnerungen an Neuburg schreibt Schlier in ihrer unveröffentlichten Autobiografie: Da spaziert die fünfjährige Paula zum Beispiel mit ihrem jüngeren Bruder Heinrich und dem Kindermädchen durch die Stadt „zu dem Schlößchen-Café, das auf einem Hügel am anderen Donauufer liegt“. In Neuburg besucht Schlier die Schule zu den Englischen Fräulein, die heutige Maria-Ward-Mädchenrealschule. Sie erinnert sich besonders an den Turnunterricht. „Die Kletterübung half uns bei einem anderen Spiel: Wir Kinder von Neuburg durften die Glocken in der Hofkirche läuten lassen. Die Zugstricke baumelten in der Höhe und man musste hoch hüpfen, um sie zu fassen. War das ein Spiel!“

Wie eine Neuburgerin die Nazis reinlegte

Mit einem Spiel hat Schliers Jugend in Ingolstadt nichts mehr zu tun. Drei Jahre lang arbeitet sie als Lazarettschwester während des Ersten Weltkriegs. Sie sieht tausende Verwundete auf eisernen Bettgestellen in langen Viererreihen liegen. Im Saal der Leichtverwundeten spielt jeden Nachmittag Militärmusik, bei Siegen mit verstärktem Orchester. Im großen Saal weinen die Schwerkranken und bitten um Watte, um sich die Ohren zuzustopfen. Durch zehn offene Türen strömen Ärzte, Offiziere sowie Schwestern mit Uringläsern, Milchbrei und Schokolade. Bilder wie diese brennen sich in ihr Gedächtnis. Schlier verarbeitet sie in ihrem Werk „Petras Aufzeichnungen“, das 1926 erscheint. Als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit schildert sie die Grausamkeiten des Kriegs lapidar: „Die Hand sollte heilen, damit sie wieder durchschossen werden konnte.“ Schon als junge Frau versteht Paula Schlier, dass die Männer im Lazarett nur kleine Rädchen an dem Monstrum der Kriegsmaschine sind.

Paula Schlier leidet unter der Chancenungleichheit

Neben dieser Erkenntnis leidet die junge Neuburgerin immer mehr unter der Chancenungleichheit. Während ihr Bruder Heinrich als junger Mann selbstverständlich Abitur machen darf, um später Theologie zu studieren, wird seiner Schwester diese Möglichkeit verwehrt. Bereits als Jugendliche liest sie deshalb viel und entwickelt emanzipatorische Ideen. Sie erkennt, dass sie ihrem Elternhaus in Ingolstadt entfliehen muss.

Geschwisterliebe: Paula Schlier (links) zusammen mit ihrem Bruder Heinrich – einem späteren Theologen.
Bild: Brenner-Archiv

Mit 21 Jahren zieht Paula Schlier nach München und arbeitet als Sekretärin und Journalistin. In ihren Aufzeichnungen drückt sie nicht nur ihren Stolz darüber aus, sich eine eigene Mietwohnung in Schwabing leisten zu können. Sie nutzt die Großstadt außerdem, um abends als Gasthörerin die Universität zu besuchen, um sich weiterzubilden: „Ich lief um sechs Uhr abends in die Universität, hörte zwei Stunden Vorlesungen, nahm anschließend Gesangsunterricht oder ging in Vorträge und in Theater. Ich dachte, es müsse mir gelingen, neben dem Beruf ein Studium zu vollenden“, schreibt sie in „Petras Aufzeichnungen“.

Die Hoffnung, ihre Eltern würden sie dabei unterstützen, hat Schlier zu diesem Zeitpunkt schon lange aufgegeben. Viele andere Deutsche setzen ihre Hoffnung derweil – geplagt von Hyperinflation und Hungersnöten – in die aufstrebende NSDAP und Adolf Hitler.

Paula Schlier arbeitet Undercover beim Völkischen Beobachter

Die linksorientierte Schlier nimmt den Aufstieg der Nationalsozialisten zunächst nicht wirklich ernst, schreibt im Nürnberger Anzeiger Leitartikel – unter anderem über den antisemitischen Kern der Nazis. Doch schon bald strömen immer mehr Menschen zu den Reden Hitlers in die Münchner Brauhäuser. Schlier will die Hysterie um diesen Mann verstehen und wagt eine der ersten Undercover-Aktionen eines Journalisten im deutschsprachigen Raum: Als Stenotypistin nimmt sie eine Stelle im Völkischen Beobachter an, dem Hetzblatt der Nazis, dessen Redaktionsräume sich nur wenige Meter von Schliers Wohnung entfernt befinden.

So hat es laut Aufzeichnungen in den Redaktionsräumen des Völkischen Beobachters ausgesehen.
Bild: Brenner-Archiv

Über diese Zeit führt sie Tagebuch und plant wohl von Beginn an, die Einträge zu veröffentlichen. Darin gibt sie einen Einblick, mit welchen Methoden die Nationalsozialisten Stimmung machen, wie sie Hitler glorifizieren. „In diesem politischen Theater werden alle Gefühle durch übertriebene Gesten verkitscht, Kraftmeiereien für Stärke gehalten, Menschen durch Phrasen glücklich gemacht.“ Monate verbringt die Neuburgerin mit gewaltbereiten Männern unter einem Dach, begegnet dabei neben Hitler auch anderen bekannten Nationalsozialisten wie Alfred Rosenberg und Hermann Esser.

Neuburgerin Paula Schlier erlebt gescheiterten Hitler-Putsch

Besonders eindrücklich schildert Schlier die Erlebnisse vom Hitler-Ludendorff-Putsch in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 in München. Sie wird abends in die Redaktion bestellt, um eine Sonderausgabe anzufertigen, dass Hitler die deutsche Reichsregierung zerschlagen hat. Die Redakteure haben rote Ohren und bleiche oder auch erhitzte Gesichter. Überlaute Stimmen überschlagen sich. Ein Redakteur fuchtelt mit dem Revolver, droht allen seinen Feinden mit dem Strick und erklärt, von der Revolution längst gewusst zu haben. Die Redakteure sind angeheitert, auf den Tischen klebt der verschüttete Schnaps. Man holt neuen Wein und Delikatessen, erhebt die Gläser zum Wohl des neuen Staates und beginnt mit brechender Stimme, die Artikel für die erste Zeitung der neuen Zeit zu diktieren.

Das Foto zeigt handschriftliche Aufzeichnungen der gebürtigen Neuburger Autorin Paula Schlier. Sie führte unter anderem Tagebuch über ihre Zeit beim Nazi-Hetzblatt „Völkischer Beobachter“.
Bild: Fabian Kluge

Nach Vorbild des italienischen Faschisten Benito Mussolini will Hitler mit den Putschisten nach Berlin marschieren. Doch der Putsch scheitert. Die bayerische Polizei schießt, verletzt unter anderem SA-Kommandeur Hermann Göring. Hitler flieht und wird später doch festgenommen. Die NSDAP wird als Folge kurzzeitig verboten.

Nazis rächen sich an Neuburgerin Paula Schlier

Drei Jahre nach diesen Ereignissen veröffentlicht Paula Schlier „Petras Aufzeichnungen“. Einen entscheidenden Impuls dazu erhält sie von Ludwig von Ficker, den sie 1925 in Innsbruck kennenlernt. Er nennt Paula Schlier Petra, woraus sich der Name des Buches ergibt. Mit von Ficker hat sie eine jahrelange, intensive Beziehung. Er erkennt ihr literarisches Talent, fördert sie und macht sie zur Hauptmitarbeiterin der Zeitschrift Der Brenner, die er 1910 gründet.

In ihren Jahren als Teenager war Paula Schlier unter anderem im Lazarett in Ingolstadt als Pflegerin tätig.
Bild: Brenner-Archiv

Das Buch schlägt ein, erhält fast ausschließlich positive Kritiken – beispielsweise von der Münchner Post oder der Weltbühne. Von einem „ganz ungewöhnlichen Dokument der Zeit“ ist die Rede. Doch nur kurze Zeit später rächen sich die Nazis zum ersten Mal, indem sie eine sexistische und beleidigende Rezension des Buches im Völkischen Beobachter veröffentlichen. Chefredakteur und überzeugter Nationalsozialist Alfred Rosenberg ätzt in Richtung Schlier, betitelt sie als „gekränkte Leberwurst“ und unterstellt ihr eine „Psychopathia sexualis“ – sexuelle Perversionen, die wohl am besten ein Mann heilen könne.

Wissenschaftlerinnen forschen zu Paula Schlier

Schlier bleibt im Visier der Nazis. Als ihnen die vertraulichen Briefe in die Hände fallen, versuchen sie, sich der Neuburgerin zu entledigen. Doch der vermeintliche religiöse Wahn rettet sie. Schlier überlebt und zieht nach Tutzing, um ihre Mutter zu pflegen. Ihre späteren Werke können nicht an den Erfolg von „Petras Aufzeichnungen“ anknüpfen, auch weil sich der Einfluss Ludwig von Fickers rückblickend wohl negativ auf ihren Schreibstil auswirkt.

Erst im vergangenen Jahr erschien eine Neuauflage von Petras Aufzeichnungen.
Bild: Brenner-Archiv

Im Alter von 76 Jahren beginnt Schlier, ihre Autobiografie zu schreiben. Vollenden kann sie diese nicht. Paula Schlier stirbt am 28. Mai 1977 in Bad Heilbrunn. Die Autorin gerät in Vergessenheit, bis die Wissenschaftlerinnen Annette Steinsiek und Ursula Schneider vom Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck 2018 „Petras Aufzeichnungen“ mit einem nützlichen Kommentar und einem umfangreichen Nachwort neu veröffentlichen. Auch Dieter Distl, der ehemalige Kulturamtsleiter Neuburgs, hat Quellen zu der Neuburgerin gesammelt. In ihrer Geburtsstadt finden sich jedoch bis heute keine Spuren.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar "Neuburg sollte Paula Schlier würdigen" von Fabian Kluge.

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