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Heimatgeschichte

25.10.2014

Alle Wege führten nach Munningen

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Nachbildung eines Meilensteins südlich von Heuberg.

Zu Römerzeiten war der Ort im Ries ein Verkehrsknotenpunkt. Ein Gang durch die Historie

In den späten Regierungsjahren Kaiser Domitians, etwa um das Jahr 95 n. Chr., gelangte das Ries durch die Verschiebung der römischen Reichsgrenze nach Norden in den Einflussbereich des Imperium Romanum. Das neu gewonnene Gebiet wurde durch drei Hilfstruppen (auxiliariae) abgesichert. Im westlichen Teil des Riesbeckens wurde eine Kohorte (Infanterie) in Oberdorf am Ipf (Opie) stationiert. Vermutlich im Stadtgebiet von Nördlingen wurde ein weiteres Holz-Erde-Kastell erbaut, das als Besatzung wahrscheinlich eine 500 Mann starke Kohorte (Cohors quingenaria pedita) erhielt. Auch Munningen (Losodica) wurde Standort einer Infanterieeinheit, der noch eine kleine berittene Abteilung (Cohors quingenaria equitata) angegliedert war.

Im nördlichen Vorfeld des Rieses entstanden zeitgleich weitere Militärlager in Gnotzheim (Medianis), Unterschwaningen und Weißenburg (Biricianis), die den nördlichen und den östlichen Zugang ins Ries und zur Provinz Raetien sichern sollten. Mit dem Bau der Lager ging auch der Ausbau eines fest ausgebauten Straßennetzes einher, das die einzelnen Lager miteinander verband. Die Besetzung der Gebiete nördlich der Donau und des Rieskessels mit seiner keltischen Urbevölkerung geschah sicher weniger aus militärischen als aus wirtschaftlichen Gründen. Eine ernsthafte Bedrohung ging von den nördlich der Provinz siedelnden Hermunduren nicht aus. Tacitus (Historiker und Senator im alten Rom) berichtet in seiner Germania sogar von guten Beziehungen zu diesem Stamm.

Munningen war aufgrund seiner günstigen Lage am nördlichen Rieseingang ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Mit Sicherheit wurde ein Großteil der von Tacitus erwähnten Beziehungen zu den Hermunduren durch das Ries und damit über Munningen abgewickelt. Für das Militär war die Straße wohl eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen in unserem Gebiet überhaupt. Deshalb wurde sie vom freien Germanien in die Provinz Raetia durch die Lager von Munningen, Gnotzheim und Unterschwaningen besonders gesichert.

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Gut bekannt ist der Verlauf der Straßen die das Kastell und die zivile Siedlung mit den benachbarten Lagern verbanden. Die Verbindung nach Süden zur Provinzhauptstadt Augusta Vindelicorum wird zu einem großen Teil durch die Staatsstraße Munningen – Heroldingen markiert. Am Fuße des Rollenberges überschritt sie die Wörnitz und zog weiter über den Bock bei Harburg zum Kastell Burghöfe (Summuntorium) südlich der Donau. Bis hierher führte die bekannte Via Claudia von Verona über die Alpen nach Augsburg zur Donau.

Zum nördlich von Munningen gelegenen Kastell Gnotzheim führte eine gut ausgebaute Straße. Sie lief durch das Stadtgebiet von Oettingen und überschritt vermutlich im Bereich der Aumühle die Wörnitz. Von dort führte sie an Westheim vorbei durch Ostheim nach Gnotz-heim. Weite Strecken der alten Straße sind bis heute als Feldwege im Gelände erhalten. In der Hainsfarther Flur ist sie 1955 archäologisch untersucht worden. Ihre Breite belief sich auf 5,50 Meter. Nach Westen führten vom Kastell zwei Straßen weg. Die eine verband Munningen mit Ruffenhofen südlich des Hesselbergs. Sie dürfte allerdings erst nach der Aufgabe des Kastells gebaut worden sein. Die andere Straße führte nach Oberdorf am Ipf. Bei Flurbereinigungsarbeiten wurde der einstige Straßenkörper aufgedeckt. Er besaß die erstaunliche Breite von 7,80 Meter. Beide Trassen werden teilweise heute noch befahren oder sind im Gelände zu erkennen.

Nach Osten führte von Munningen eine Straße über den Hahnenkamm in das Altmühltal bei Treuchtlingen. Der Streckenkommissar der Reichslimeskommission, Heinrich Eidam, legte zwischen Döckingen und Treuchtlingen beim Hagenhof Reste von drei Gebäuden frei. Die Grundrisse deuten daraufhin, dass es sich bei der Ansiedlung auf der Hochfläche des Hahnenkamms nicht um ein bäuerliches Anwesen, sondern um eine Raststation für Reisende gehandelt hat. Eine Verkehrsverbindung, an die man heute nicht mehr denkt, könnte die Wörnitz gewesen sein, da die Römer auch kleinere Flüsse für den Transport nutzten. Nur wenige Jahre nach der Erbauung des Kastells wurde in Oettingen im Verlauf der Straße Munningen – Gnotzheim eine Siedlung errichtet, die in engem Zusammenhang mit Munningen zu sehen ist. Sie lag rund 900 Meter nördlich der Stadtmitte auf dem westlichen Wörnitzufer. Die Bebauung orientierte sich an einer durch die Siedlung führenden Straße. Bisher konnte die Lage von fünf Steingebäuden genau lokalisiert werden.

An einem archäologisch noch nicht gesicherten Punkt, bei der heutigen Aumühle, muss die Straße über die Wörnitz geführt haben. Vom östlichen Ufer des Flusses ist der einstige Straßenverlauf in den mittelfränkischen Raum hinein erhalten und archäologisch gesichert. Die Bewohner der Siedlung waren wohl mit der Überwachung und Instandhaltung der Straße und des Wörnitzübergangs betraut. Das Munninger Lager war nach den Grabungsergebnissen nur relativ kurze Zeit, höchstens 20 Jahre, mit einer Kohorte belegt. Dann wurde das Kastell planmäßig geräumt und abgerissen. Das lässt den Schluss zu, dass die militärische Besetzung des Rieses ohne größere Schwierigkeiten verlief und die Stationierung von Truppen nicht mehr notwendig war.

Unter der Regierung Kaiser Trajans (98-117 n. Chr.) wurde besonders im Mittelabschnitt des raetischen Limes die Grenze durch den Neubau oder die Erweiterung neuer Garnisonen wie Ruffenhofen, Theilenhofen und Dambach verstärkt. Zu diesem Zeitpunkt dürfte auch die Grenze durch Postenwege und hölzerne Wachtürme gesichert worden sein. Das Leben auf dem flachen Lande erlebte, bedingt durch friedliche Zeiten, einen deutlichen Aufschwung. Siedler kamen ins Land nördlich der Donau und erbauten hier ihre landwirtschaftlichen Anwesen. Aber auch ehemalige Soldaten, die nach 25 Jahren Dienstzeit beim Militär ausgeschieden waren, ließen sich auf den fruchtbaren Böden nieder. Im Ries sind weit mehr als 100 landwirtschaftliche Anwesen (Villae rusticae) entdeckt worden. Die günstige strategische Lage des Platzes, die die Römer bewogen hatte, in Munningen ein Lager zu errichten, war wohl auch der Grund, dass nach dem Abzug der Kohorte die Siedlung nicht aufgegeben wurde, sondern sich weiterentwickelt hat. Aus dem anfänglich kleinen Lagerdorf (Vicus) erwuchs allmählich eine größere Ansiedlung.

Einige der Steingebäude entstanden auf dem Gelände des einstigen Kastells. Eines der Steingebäude wurde von den Ausgräbern als Straßenstation (Mansio) gedeutet. Hier konnten Reisende ausruhen, übernachten und die Pferde wechseln. Offenbar wurde Munningen nicht vollständig vom Militär aufgegeben. Es gilt heute als sicher, dass sich auf dem Gelände des einstigen Kastells eine Nachschubstation für die Truppen am Limes befand. Eidam fand 1906 bei seinen Untersuchungen zwei größere Steingebäude, die er als Speicherbauten interpretierte, wie sie auch von anderen römischen Orten bekannt sind. Bei den Untersuchungen 2009 wurde im südlichen Bereich an der Straße nach Oberdorf ein dreischiffiger Bau mit einer Länge von mindestens 38, und einer Breite von 18 Meter aufgedeckt. Dabei wurden bis zu 70 cm starke Kiefernstämme entdeckt, die im Jahre 112 gefällt wurden. Bei dem Bau handelte es sich wahrscheinlich auch um einen Speicher. Ein großer Teil der von der bäuerlichen Bevölkerung produzierten Erzeugnisse, vor allem Getreide, muss in den Speicherbauten von Munningen gelagert worden sein. Von hier aus waren die benachbarten Limeskastelle auf den fest ausgebauten Straßen schnell zu erreichen. Damit war eine kontinuierliche Versorgung der Truppen gewährleistet. Ein weiteres Gebäude sollte nach der Fertigstellung möglicherweise als Sitz einer Verwaltung dienen, wurde aber nicht vollendet. Ein Badehaus wurde südlich des Kastells ausgegraben. Weitere Steingebäude in der Südostecke des ehemaligen Kastells, im südöstlichen Vicusbereich und ganz im Norden am Mühlbach sind noch unerforscht.

Der günstige Verkehrsknotenpunkt war auch für Händler und Gewerbetreibende interessant, die mit den Bewohnern der Siedlung und des Umlandes Geschäfte machen wollten. Funde von Schmelztiegeln, das Bruchstück eines Gusses in verlorener Form sowie Schlacken weisen auf eine Werkstatt zum Guss von Bronzegeräten hin. Auch die Herstellung von Gegenständen aus Bein wie Haarnadeln oder Spielsteine ist nachgewiesen. Die wissenschaftliche Auswertung der Keramik ergab, dass ein Geschirrhändler sein Depot in der Siedlung hatte.

Durch einen glücklichen Umstand ist uns der Name des römischen Platzes überliefert. Auf der sogenannten Peutingertafel, die Abschrift einer römischen Straßenkarte mit dem rund 80 000 Kilometer umfassenden Straßennetz der Römischen Kaiserzeit, ist auch eine durch das Ries ziehende Straße abgebildet. Auf der Karte sind alle wichtigen Orte und Kastelle und ihre jeweilige Entfernung voneinander enthalten. Die Entfernungsangaben in römischen Meilen (milia passuum = 1478 Meter) stehen nach der Ortsbezeichnung. Unsicher ist die Entstehungszeit der Straßenkarte. Von Wissenschaftlern wird die Zeit um 200 n.Chr. angenommen. Damals bestand allerdings das Kastell Munningen schon lange nicht mehr. In der Karte sind aber neben Kastellen auch Siedlungen mit einer offiziellen Straßenstation (Mansio) aufgeführt. Es ist daher zu vermuten, dass der Name Losodica sich nicht auf das Kastell bezieht, sondern auf die dort gelegene Straßenstation. Allerdings dürfte auch das Militärlager den Namen Losodica gehabt haben. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die verkehrsgeographische Weichenstellung durch die Römer bis heute erhalten hat, wenngleich Munningen später durch Oettingen abgelöst wurde.

Nach dem Abzug der Römer etwa um 260 n. Chr. bildeten die Straßen die Leitlinien bei der Neubesiedlung durch Alamannen und Franken und wurden bis in das Mittelalter genutzt. Wer heute in Munningen nach Resten der einstigen Siedlung sucht wird allerdings enttäuscht. Lediglich eine einfache Infotafel erinnert noch an die bedeutende Geschichte des Ortes.

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