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Geschichte

20.04.2015

Die unbekannten Toten

Siegfried Thum hat als Kind die Fliegerangriffe auf Nördlingen miterlebt.
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Siegfried Thum hat als Kind die Fliegerangriffe auf Nördlingen miterlebt.
Bild: Bachmann

Lange wusste man nicht, wer in den sogenannten Russengräbern beerdigt wurde. Bis Siegfried Thum Protokolle durcharbeitete. Auch er hat die Angriffe auf Nördlingen miterlebt

Oft ist Siegfried Thum über den Nördlinger Friedhof gelaufen. Privat oder bei seinen Führungen. Und zwei Grabstätten beschäftigten ihn stets besonders. Die beiden sogenannten Russengräber. Ohne Namen waren die Leichen dort vergraben worden, wohl zum Ende des Krieges. Thum, der in seinem Ruhestand für das Nördlinger Stadtarchiv ehrenamtlich arbeitet, fragt sich, warum die Männer gerade dort begraben sind, was ihr Schicksal gewesen sein mag...

70 Jahre zuvor ist Thum gerade mal sechs Jahre alt. Er sitzt im Keller des Hauses seiner Großeltern im Krippenweg in Nördlingen. Wieder einmal heulen an diesem Karfreitag im April 1945 die Sirenen, wieder einmal ist das Dröhnen der herannahenden Flugzeuge zu hören. Und dann kommen die Bomben. Erst ist nur ein Pfeifen zu hören, dann, laut krachend, die Detonation. Der Keller fängt an zu wanken, der kleine Knirps fühlt sich wie auf einem Schiff. Immer näher kommen die Einschläge. Die Menschen im Keller, Thums Großeltern, seine Tante mit zwei kleinen Kindern, sie alle fangen an zu beten. Doch es wird immer lauter.

„Ich weiß noch ganz genau, dass ich ein Schmalzbrot in der Hand gehalten habe. Und als es dann vorbei war, da lag dann lauter Putz auf meinem Brot“, erinnert sich der 76-Jährige heute. Und er weiß auch noch, wie sich die Familie zurück an die Oberfläche kämpfte. Denn an jenem Karfreitag vor 70 Jahren wurde auch das Haus der Thums zerstört. „Alles war kaputt.“ Es dauert drei Tage, bis der Hasenstall des Großvaters wieder freigeschaufelt ist. Die fünf Tiere darin überleben. „Die haben wir gestreichelt.“ Die Thums kommen bei Verwandten in Forheim unter. Doch oft geht es zurück nach Nördlingen, nach dem Rechten sehen.

An einem Tag ist der sechs Jahre alte Bub mit seinem Großvater beim Nachbarn, einem Fotografen. Der Opa ist im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden, sein Bein musste amputiert werden, er trägt eine Prothese. Damit der Fotograf Licht hat, gibt es im Atelier große Drahtglasfenster. In dieser Situation kommen die Flieger. Sie fliegen tief, sie schießen durch die Fenster hindurch. Gerade noch können sich Opa und Kind hinter einer schützenden Mauer retten.

„Damals wäre ich doch noch fast gestorben“, sagt Thum heute. Dabei hatten seine Eltern ihn doch extra nach Nördlingen geschickt, weil sie ihn dort sicherer glaubten als im heimischen Heidelberg. „Da wäre es besser gewesen“, meint der 76-Jährige heute. Denn schließlich sei Heidelberg verschont worden. Im Ries dagegen lebt Thum in einer ständigen Angst. Flugblätter hätten die Piloten damals abgeworfen, erzählt er heute, darauf sei gestanden: „Wir sind die lustigen Acht, wir kommen bei Tag und bei Nacht.“

Den schlimmsten Angriff, den genau heute vor 70 Jahren, muss Thum nicht miterleben. Doch er kommt mit seinen Großeltern am nächsten Tag nach Nördlingen und sieht das große Ausmaß der Zerstörung. „Hinter dem Gasthaus Engel, da war ein Volltreffer. Und in dem Loch hat sich Grundwasser gesammelt. Meine Großeltern haben mich immer davor gewarnt, dass ich da nicht reinfalle und versinke.“ Dort, wo heute das Viertel Am Rießturm sei, habe sich damals ein Bombenteppich befunden. Und gegenüber des Bahnhofs kamen in einem Gebäude mehrere Menschen ums Leben. Für das Nördlinger Stadtarchiv hat Thum die Protokolle des damaligen Stadtrats durchgearbeitet. Thema war damals auch der Angriff.

Genau wurde in den Protokollen dokumentiert, wer gestorben ist – und wie. 28 Männer und Frauen kamen bei den beiden Angriffswellen am Abend des 20. Aprils ums Leben. Auch zwei Russen. Roman Muschailenko und Hredorne Sudorenko. Die beiden Männer im Russengrab. 70 Jahre später sollen sie jetzt einen Grabstein bekommen.

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