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Nördlingen

04.11.2019

Ein Nördlinger ist auf das Herz eines anderen angewiesen

Herbert Faaß lebt mit einem Spenderherz.
Bild: Szilvia Izsó

Plus Herbert Faaß wird mit 43 Jahren zum ersten Mal wegen Herzproblemen in die Klinik gebracht. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich, bis nur noch eine Transplantation bleibt.

Wie schnell ärgern wir uns doch über Kleinigkeiten. Über den grauen Himmel, aus dem auch noch Regentropfen fallen. Über den Autofahrer vor uns, der uns den vermeintlich besten Parkplatz weggeschnappt hat. Über den Partner und die Kinder, die wieder einmal ihre Sachen nicht aufgeräumt haben. Doch wie klein, ja wie belanglos sind all diese Ärgernisse, wenn man die Geschichte von Herbert Faaß hört.

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43 Jahre war der heute 69-Jährige alt, als sich sein Leben drastisch veränderte. Damals hatte er sich gerade selbstständig gemacht, seine drei Söhne waren noch klein. Faaß verspürt plötzlich Atemnot, die Brust wird ihm eng. Er wird mit dem Notarzt ins Nördlinger Krankenhaus gebracht, von dort schickt ihn ein Mediziner für genauere Untersuchungen weiter an die Klinik nach Großhadern. Und als Faaß deren Ergebnis mitgeteilt wird, wird sein Bettnachbar ganz weiß im Gesicht: „Der war fertig, der Mann.“

Zunächste dachte Faaß, dass es nicht so dramatisch sei

Die Ärzte erklären Herbert Faaß damals, dass sein Herz so geschädigt sei, dass er unbedingt ein Spenderorgan brauche. Er selbst, so berichtet es der Nördlinger heute, habe das damals eher nüchtern gesehen – so etwa nach dem Motto: „Jetzt schauen wir mal, was da rauskommt.“ So schlecht habe er sich nicht gefühlt: „Ich habe mir gedacht, so dramatisch kann es nicht sein.“ Also lässt er sich zurück nach Nördlingen bringen. Doch sein Zustand verschlimmert sich. Mehrmals hat Faaß Kammerflimmern, mehrmals müssen ihn Sanitäter reanimieren. Bis die Ärzte ihm klar machen: So geht es nicht weiter.

Ein Nördlinger ist auf das Herz eines anderen angewiesen

Das war 1995. Der Nördlinger bekommt in diesem Jahr einen Defibrillator implantiert. Der rettet ihm in den folgenden Jahren mehrfach das Leben. Faaß erklärt die Funktion des Gerätes so: Sobald es Kammerflimmern erkennt, gibt es Energie ab, das Herz fängt wieder an zu schlagen. Wie oft der Defibrillator ihn ins Leben zurückholt, kann Faaß heute nicht mehr genau sagen. Zwölf bis 15 Mal, so meint er, werden es schon gewesen sein. Und jedes Mal muss er danach ins Krankenhaus, jedes Mal darf er ein halbes Jahr nicht Auto fahren, jedes Mal kehrt er in sein Unternehmen, an seinen Arbeitsplatz zurück. „Ich hatte damals eine Familie, etwa zehn Mitarbeiter. Ich habe mich verantwortlich gefühlt.“ 2004 baut Faaß sogar einen neuen Firmensitz in Nördlingen.

Wegen des Defibrillators wurde Faaß' Name von der Warteliste genommen

Drei Jahre später geht es ihm so schlecht, dass sich ein Nördlinger Arzt erneut an die Kollegen in Großhadern wendet. „Er sagte mir damals: Ich kann nicht mit ansehen, welchem Risiko Sie sich aussetzen.“ Wegen des Defibrillators ist Faaß von der Warteliste für Organempfänger genommen worden, jetzt wird sein Name wieder darauf gesetzt. Es geht ihm von Monat zu Monat schlechter. Bis er schließlich in München, im Krankenhaus bleiben muss: „Und dann warten Sie.“

Jede Woche werden Faaß und die anderen Patienten untersucht. Die Mediziner hätten ihm und den anderen beispielsweise Stresshormone injiziert, um zu sehen, wie belastbar das Herz noch sei, berichtet der Nördlinger. Das Ergebnis aller Untersuchungen mündet in einer Art Einordnung der Patienten: Wer braucht ein Spenderorgan dringender, wer kann noch eine Weile ohne überleben? Diesen psychischen Stress habe mancher irgendwann nicht mehr ausgehalten: „Ich hatte Mitpatienten, die haben ihren Koffer gepackt und sind gegangen.“

Faaß hält durch. Obwohl seine Chancen ob seiner Körpergröße von circa 1,90 Meter nicht so gut sind, wie die von anderen: „Da muss man erst einmal ein passendes Organ finden.“ Am 21. Juli 2008 ist es schließlich so weit. Alles muss schnell gehen, daran kann sich der Familienvater noch erinnern. Und daran, dass er sich wünscht, zu überleben: „Das hat funktioniert.“ Er muss sich noch einer weiteren OP unterziehen – das neue Herz benötigte einen Schrittmacher. Dann aber geht es jeden Tag ein Stück vorwärts, ein bisschen weiter, ein wenig zurück ins normale Leben. Schließlich darf Herbert Faaß auf Reha. Er bleibt jedoch nur zwei Wochen, dann kümmert er sich um seine todkranke Ehefrau. Sie stirbt nur wenige Monate, nachdem ihm das neue Herz transplantiert wurde.

Faaß geht respektvoll mit dem neuen Organ um

Faaß schreibt der Familie des Organspenders später einen Brief, bedankt sich bei diesen ihm fremden Menschen. Und er geht äußerst respektvoll mit diesem Organ, mit seinem Körper, mit seinem neuen Leben um. Er nimmt seine Kontrolltermine wahr. Er beachtet all die Regeln, die ihn vor einer Infektion schützen: kein Besuch im Hallen- oder Freibad, keine Sauna, kein rohes Fleisch, keine Nüsse – und vieles mehr.

Der 69-Jährige freut sich jeden Tag, wenn er aufstehen kann, wenn es seiner Familie, zu der mittlerweile auch seine zweite Ehefrau gehört, gut geht. „Wegen Kleinigkeiten habe ich mich noch nie aufgeregt“, sagt Herbert Faaß und lächelt. „Es kann immer noch anders ausgehen.“

Info: Zum Thema Organspende findet am Dienstag, 5. November, um 19.30 Uhr im Gemeindezentrum Sankt Georg statt. Referenten sind Dr. Thomas Handschuh, Pfarrer Philipp Beyhl und Pfarrer Benjamin Beck, sowie Herbert Faaß. Moderator Michael Jahnz wird auf verschiedene Fragen eingehen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

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