Hainsfarth

14.05.2013

Ein Vorspiel nur

Sprecher des Bayerischen Rundfunks lasen Texte zum Thema „Bücherverbrennung vor 80 Jahren“ in der Synagoge Hainsfarth, zugleich eine Benefizveranstaltung zugunsten der „Sternstunden“ (von links): Peter Weiß, Silvie Sperlich, Yvonne Hummel, Michael Atzinger, Friedrich Schloffer und Martin Fogt.
Bild: Ernst Mayer

Eindrucksvolle Sprechstunde in der ehemaligen Synagoge zur Bücherverbrennung vor 80 Jahren

Hainsfarth Heinrich Heine schrieb 1823 in einer Tragödie über den Untergang der blühenden maurischen Kultur in Andalusien den Satz: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Dabei dachte er sicher nicht daran, dass dieses Schicksal auch seine Werke einst betreffen würde, sie am 10. April 1933 auf dem Scheiterhaufen der verfemten Bücher landen würden und auch nicht an die Menschen, die dem nazistischen Rassenwahn zum Opfer fielen.

Diese Worte eines der bedeutendsten deutschen Dichter und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts wählten sich die Sprecher des Bayerischen Rundfunks als Titel für die Sprecherstunde zum Thema „Bücherverbrennung vor 80 Jahren“ in der ehemaligen Synagoge Hainsfarth, zugleich eine Benefizveranstaltung zugunsten des BR-Hilfswerks „Sternstunden“.

Passende Beiträge von Rieser Musikschülern

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Die passende Musik lieferten Schüler der Rieser Musikschule: Konstantin List und Michael Burger als Preisträger des Landeswettbewerbs „Jugend musiziert“ mit anspruchsvollen Akkordeonstücken; Ann-Christin Paus erwies sich mit einer Arie aus der Oper „Der Waffenschmied“ und dem Lied „Im person too“ als talentierte Sopranistin. Die schwierige Klavierbegleitung meisterte Ludwig Burger perfekt. Als Moderator wirkte Martin Fogt.

Vom Bücherverbrennen waren in erster Linie jüdische Schriftsteller betroffen, nicht nur wegen ihrer Herkunft sondern besonders wegen ihres kritischen Geistes. Bei Egon Friedell, der am Wiener Burgtheater als Schauspieler und Regisseur arbeitete, war es die von ihm verfasste „Kulturgeschichte der Neuzeit“, die nicht in das Geschichtsbild des Regimes passte. Michael Atzinger und Friedrich Schloffer lasen den Briefwechsel zwischen ihm und Hans Sassmann, dem er den Auftrag der Frankfurter Zeitung weitergab, die Eigenart der Österreicher zu schildern. Nach einer unendlichen Verzögerung kam Friedell zu der humorigen Erkenntnis, dass man in Österreich nur zum großen Mann würde, wenn man etwas „auffällig nicht tut“. Er stürzte sich am 16. März 1938, als die Gestapo vor seiner Tür stand, aus dem dritten Stock des Hauses in den Tod.

Bert Brecht stand lange schon auf der Todesliste der Nationalsozialisten. BR-Sprecherin Silvie Sperlich wählte von ihm die Geschichte „Der Soldat von Ciotat“. Der steht wie ein Denkmal unbeweglich in erdbraunem Mantel auf einem Steinsockel, Stahlhelm auf dem Kopf, Bajonett im Arm. Aufgrund einer Verschüttung im Krieg soll er die „Kunst der Unbeweglichkeit“ erlangt haben, die zusammen mit der „Krankheit der Unempfindlichkeit“ den unverwüstlichen Soldaten ausmache, der sich nicht von militärischen Grausamkeiten rühren lasse. Er stehe bereit, ohne zu wissen, warum und wofür. Brecht musste ins Ausland fliehen wie Oskar Maria Graf, aus dessen „Bayerischem Dekameron“ Friedrich Schloffer mit dem bayerischen Hochzeitsbrauch „Brautverstecken“ das bayrische Landleben in knallharter Direktheit vorstellte.

Mit erstaunlichem prophetischem Weitblick warnte Armin T. Wegner in seinem „Brief an Hitler“ – gelesen von Michael Atzinger – vor den Folgen der Bücherverbrennung. Nicht nur die Juden seien die Opfer, sondern auch die mithilfe vieler jüdischer Künstler, Wissenschaftler und Literaten entwickelte, viel bewunderte deutsche Kultur. Sehr konkret stellte Yvonne Hummel die rücksichtslose Bedrohung für Frauen und Kinder in Anna Seghers Erzählung „Aufstellen eines Maschinengewehrs im Wohnzimmer der Frau Kamptschik“ dar. Schutzbündler bringen ohne Rücksicht auf ihr schreiendes Kind im Hochstuhl in ihrem Wohnzimmer ein Maschinengewehr in Stellung.

„Das sind ja Juden!“, stellt der naive Mitläufer Cajetan Lechner in Lion Feuchtwangers Erzählung „Der Putsch“ ungläubig fest, als er die jüdische Rechtsanwaltskanzlei verlässt, die ihm als Beteiligtem nach dem missglückten Hitler-Putsch an der Münchner Feldherrnhalle Schutz und Hilfe bot. Peter Weiß fesselte die Zuhörer mit der spannenden Erzählung und beendete mit dem nachdenklichen Schluss die eindrucksvolle professionell gestaltete Lesestunde.

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