1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. „Fürchterliche Aufregung herrscht in der ganzen Stadt ...“

Gedenken

09.08.2014

„Fürchterliche Aufregung herrscht in der ganzen Stadt ...“

Copy%20of%20steinschw(1).tif
5 Bilder
Kommerzienrat Steinmeyer mit Tochter am Eingang des Oettinger Krankenhauses.
Bild: Heimatmuseum

Regionale Museen erinnern an den Kriegsbeginn vor 100 Jahren. Ausstellungen sind noch bis November zu sehen

Das Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 haben die Museen in Nördlingen und Oettingen zum Anlass genommen, in Sonderausstellungen an diese Zeit zu erinnern. Am Freitag, 1.August, boten beide Museen zudem ein besonderes Programm: Das Heimatmuseum Oettingen war von 14 bis 20 Uhr geöffnet, in Führungen durch die Ausstellung „Ziehe getrost in den Krieg“ um 16 Uhr und 18 Uhr wurde gezeigt, was die Verhängung des Kriegszustands für das Leben in der Region bedeutete und wie sich dies auf Männer, Frauen und Kinder auswirkte.

Fotografien aus der Kriegszeit

Die Sonderausstellung „Ereignis & Erinnerung. Privatfotos Nördlinger Soldaten aus dem 1. Weltkrieg 1914-1918“ im Stadtmuseum Nördlingen ist von 13.30 bis 16.30 Uhr zu sehen. In dieser Zeit läuft zusätzlich eine Bildpräsentation mit Fotografien, die Nördlingen während der Kriegszeit zeigen. Um 15 Uhr führt Museumsleiterin Andrea Kugler durch die Ausstellung. In beiden Rieser Museen ist die Zeit des Ersten Weltkriegs aus verschiedenen Aspekten thematisiert:

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Bislang noch nicht gezeigte Bilder

Das Stadtmuseum Nördlingen richtet seinen Blick mittels 72 Fotografien Nördlinger Soldaten auf die Kampfgebiete im Westen. Mit einfachen Kameras fotografierten u.a. der Kaufmann und freiwillige Sanitäter Hermann Strauß (*1893) sowie der Apotheker und Heimatforscher Dr. Ernst Frickhinger (1876-1940) ihren Kriegsalltag und die verwüsteten Regionen in Lothringen, Nord-Pas-de-Calais, Picardie, Artois und in Belgien zwischen 1914 und 1918. Die bislang noch nie gezeigten Bilder stellen heute ein unmittelbares Zeugnis unvorstellbarer Zerstörung dar und sind das Kernstück einer Sammlung, die die Stadt wohl schon während des 1. Weltkrieges anlegte.

Das Heimatmuseum Oettingen zeigt wie der Krieg an der sogenannten „Heimatfront“ Leben und Denken bestimmte. Patriotische Gesinnung und nationale Kriegsbegeisterung bestimmten die Gestaltung einfachster Alltagsgegenstände. Eichenlaub und Eisernes Kreuz finden sich auf Kissen, Pfeifen und Nähzeug. Feldpost, Not und Sammelaufrufe sind ebenso thematisiert wie Kriegsweihnacht und Gefallenengedenken. Persönliche Fotos und Aufzeichnungen erhellen unterschiedliche Lebensumstände: Marie Steinmeyer war im Oettinger „Vereinslazarett“ tätig und der „Hofphotograph“ Josef Fischer war als Regimentsfotograf eingesetzt. Eine Auswahl seiner Bilder ist in einer Präsentation erstmals veröffentlicht. Beide Ausstellungen sind bis Anfang November zu sehen.

Durch die Alarmglocke bekannt gegeben

Und wie wurde in den Zeitungen und in Chroniken über die Mobilmachung berichtet? Die Oettinger Stadtchronik schilderte den Kriegsbeginn folgendermaßen: „Nun wurde in ganz Deutschland der Kriegszustand erklärt und am 1. August 5 Uhr nachmittags erfolgte die Mobilmachung des gesamten Deutschen Heeres und der Marine. Am gleichen Tage abends 6 Uhr wurde vom Rathaus durch die Alarmglocke dieses Ereignis der hiesigen Bevölkerung bekannt gegeben.“

Extrablatt über das Attentat in Sarajewo

Die Sommermonate im Jahr 1914 standen im Zeichen drohender Kriegsgefahr. Zwar hatte das Oettingen Amts- und Anzeigeblatt mit einem Extrablatt über das Attentat in Sarajewo berichtet, aber die Brisanz der Lage war kein Thema in der örtlichen Zeitung. Hier waren die menschliche Tragödie, die Verzweiflung und Trauer im Mittelpunkt. Und dennoch, alle waren beunruhigt und Ende Juli überschlugen sich die Gerüchte. Noch im kleinsten Dorf wurde vom drohenden Krieg gesprochen.

Das Hauptereignis im Juli war und blieb für die Oettinger allerdings die Kirchweih. Sie spielte sich scheinbar unbeeindruckt von den drohenden militärischen Verwicklungen ab. Der Kronenwirt bemühte sich, den Nachbarstädtchen Wassertrüdingen und Gunzenhausen nachzueifern und Leben in die Stadt zu bringen. Für den Kirchweihsonntag (26. Juli) waren in der Krone ein Konzert und am Abend Tanz geplant. Die Tradition erwies sich aber als stärker. In einer Anzeige am Samstag sagte der unternehmungslustige Kronenwirt beides ab „wegen dem alten herkömmlichen Kirchweihfeste auf dem fürstlichen Sommerkeller“. Dort wurde die Kirchweih traditionell abgehalten, dort stand auch das „Elektrokarussell“ von Fr. Schinnerer, das für den Abend „feenhafte“ Beleuchtung versprach.

Die politische Lage spitzt sich zu

Während die Oettinger Schützen am Kirchweihmontag ihr Preis- und Königsschießen veranstalteten und der Veteranen- und Kriegerverein sich vormittags im „Wolf“ zum geselligen Zusammensein einfand, spitzte sich die politische Lage weiter zu. Am Dienstag erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg, es folgten europaweit Mobilmachungen und Kriegserklärungen. Am Mittwoch 29. Juli, es fand die „Nachkirchweih“ statt, meldete die Oettinger Zeitung „Wir müssen also gegenwärtigen, dass auch Deutschlands Söhne alsbald zu den Fahnen gerufen werden.“

Zwei Tage später traf im Rathaus bereits das Telegramm des Kriegsministeriums ein: „Kriegszustand durch Allerhöchste Verordnung vom 31. Juli 1914 verhängt.“ Der Mobilmachungsbefehl folgte per Telegramm am nächsten Tag. Die offizielle gedruckte Ausrufung des Kriegszustands wurde, handschriftlich um das Datum ergänzt, ausgehängt. Derzeit ist der Original-Aushang im Heimatmuseum Oettingen präsentiert. Und am Abend des 1.August wurde die Mobilmachung allgemein bekannt.

Von diesem Zeitpunkt an führte eine Oettingerin ein kleines Notizbüchlein. Anna, die Schwester des Gärtners Alois Miller (genannt Lui), schilderte darin knapp, wie sie die Ereignisse wahrnahm: „Heute Samstag Abend d. 1. August wurde ausgeschellt, Mobilmachung angeordnet. (Fürchterliche Aufregung herrscht in der ganzen Stadt). Die Sturmglocke läutet, Trompeten blasen. Alles Volk ist auf den Straßen und jammert: Erster Mobilmachungstag ist der zweite August. Den 6. Mobilmachungstag muss Lui fort. Es ist schrecklich! ... Sonntag d. 2. August erster Mobilmachungstag. Alles Volk geht heute ganz traurig zur Kirche, steht haufenweise beisammen und weint. Lui und viele andere, die fort müssen, sind heute zu den heiligen Sakramenten gegangen.“

Beunruhigende Meldungen, Angst vor Spionen, die Sorge um die Angehörigen und die Hoffnung auf einen raschen Kriegsverlauf prägten den Sommer 1914. Am Mittwoch, den 5. August, ist zu lesen: „Bald muß Lui fort. Auf dem Markt war wenig Geschäftsgang. Man sah lauter traurige Gesichter. England soll zu Rußland helfen, hat Deutschland den Krieg erklärt. Heute wurden hier Autos verfolgt. Lui war auch bei der Wache auf dem Keller.“

Tags darauf fuhr Alois Miller mit etlichen anderen Oettingern am Bahnhof ab. Zuhause begann das Bangen und Warten auf Nachrichten: Wenn irgend möglich wurden täglich Feldpostkarten geschrieben. Lässt sich aus den Karten und Briefen anfangs noch die Zuversicht herauslesen, der Krieg finde ein schnelles (und siegreiches) Ende, so trafen doch schon Ende August auch in Oettingen die ersten Todesmeldungen bei den Angehörigen ein. Und während Siegesnachrichten zu Feiern mit Fahnenschmuck, Glockengeläut, Gesang und Illumination auf dem Marktplatz Anlass gaben, wurden die Schrecken des Krieges vor Ort ebenfalls sichtbar: Erste Verwundete trafen im Oettinger „Vereinslazarett“, wie das neue Krankenhaus nun hieß, ab September 1914 ein.

Und wer am Montag, 3. August 1914, den „Nördlinger Anzeiger“ aufschlug, der konnte lesen: „Mobilmachung befohlen, der erste Mobilmachungstag ist der 2. August 1914.“ Abgedruckt waren die Fahrpläne der Züge, mit denen die Soldaten unter Zusicherung einer „freien Eisenbahnfahrt“ an ihre Gestellungsorte verbracht werden sollten. Die Tage zuvor wurden mehrere Gottesdienste gehalten, wobei die Zeitungsberichte nicht versäumten, die Ergriffenheit der Gottesdienstbesucher zu betonen. Vor ihm, so hält ein Berichterstatter ausdrücklich fest, seien acht Angestellte eines Nördlinger Geschäftes gesessen, die alle als Freiwillige in den Krieg ziehen würden.

Wenig Kriegseuphorie im Ries zu spüren

Das hört sich nicht an nach Kriegseuphorie und „Hurrah“ wie man es aus der einen oder anderen Großstadt her kannte, auch wenn im Verwaltungsbericht der Stadt Nördlingen zu lesen war: „Es eilten auch die Söhne unserer Stadt in freudiger Begeisterung zu den Fahnen.“ In Nördlingen und im Ries schien diese Euphorie weitgehend zu fehlen. Bedenkt man, dass es damals in Nördlingen noch etwa 250 Bauern gegeben hat, so wird angesichts der Ernte die Klage über den Mangel an Arbeitskräften durchaus verständlich. Folgerichtig erschien in der Zeitung des 5. August der Aufruf an „Männer, Frauen, Jünglinge, Jungfrauen, Knaben und Mädchen“, bei der Ernte mitzuhelfen. Dass es an männlichen Arbeitskräften fehlte, bestätigt auch ein Brief, den am 26.August Berta Tuffentsamer an Familie Zeitelhack schrieb: „Daß es jetzt in Nördlingen wie ausgestorben ist, können Sie sich denken. Man begegnet noch selten einem jungen Herren . . .“

Die Feldpostkarten aus dieser Anfangszeit des Krieges zeigen oftmals romantisierende, ja kitschige Abschiedsmotive mit anrührenden Gedanken und Gedichten über Abschiedsschmerz, Treue und Wiedersehensfreude. Und wie selbstverständlich hoffte man, dass Gott auf der eigenen Seite stehe und einem helfe, wie man an der Bitte der beiden auf einer abgebildeten, engelgleichen Kinder sieht? „Gott steh uns bei, dass wir nicht unterliegen, Gib, dass die tapf’ren deutschen Helden siegen.“

Die Stadt war voller Hektik

Die Stadt war in diesen ersten Augusttagen voller Hektik. Abschiedsfeiern in den Vereinen waren an der Tagesordnung; die Sanitätskolonne hielt Ausbildungskurse für Krankenträger; in der alten Turnhalle und im Kloster Maria Stern wurden Lazarette eingerichtet; die Schülerinnen der Haushaltungsschule wurden durch eine Oberschwester angeleitet, Wäschestücke anzufertigen; die Kinderbewahranstalt bot freie Plätze für Kinder aus Familien, deren Väter in den Krieg gezogen sind; der Landesverein der Inneren Mission sammelte Bücher zum Verschicken an die Soldaten und der Verein für Krankenpflege nahm „Gaben in Geld, alter Wäsche und Lebensmittel“ in Empfang. Und angesichts der durch Einberufungen verkleinerten Schutzmannschaft der Stadt suchte man dringend Freiwillige für den Sicherheitsdienst.

Die ersten Verwundeten treffen ein

Dann aber die erste negative Meldung. Am 28. August kamen die beiden ersten verwundeten Nördlinger Soldaten hier an: die Sattler- und Tapeziermeistersöhne Karl und Christoph Müller. Ersterer hatte zwei Schüsse im linken Arm und letzterer einen Schuss im linken Fuß erhalten. Fast gleichzeitig las man Ende August aber auch von der siegreichen Erstürmung Lüttichs. Und es dauerte nicht lange, bis in der Zeitung die ersten Feldpostbriefe veröffentlicht wurden. Jeder konnte nun in der Zeitung lesen, wie erfolgreich, aber auch wie brutal die Soldaten in diesem Krieg vorgingen. Da schreibt ein junger Soldat an seinen Vater zu Hause (28./29. Aug.) in Auszügen: „Lieber Vater! Sende Dir vom französischen Boden aus die herzlichsten Grüße. Haben kolossal interessante Tage gehabt … Die Herren Rothosen laufen davon und lassen Geschütze, Tornister, selbst Schuhe, Röcke, kurz alles liegen ... Haben Sie nach bayerischer Art mit ihren eigenen Gewehren zusammengehaut, dass ihre Gewehre in Fetzen gingen … Kugeln gab’s und wuchtige Kolbenschläge … Das Elend in Frankreich solltest Du sehen. Wo auf einen Deutschen geschossen wird von Zivil, steht in fünf Minuten durch Artilleriefeuer das Dorf in Brand. Haben schon viele Orte in Brand geschossen.“

Der aus diesen Zeilen deutlich herauszuhörende Hochmut erhielt bald einen Dämpfer. Als nämlich die Postkarte des Nördlinger Bürgermeisters Brunco erschien, da wusste man, dass am 20. August der städtische Amtsgehilfe August Plieninger gefallen war. Kaum hatte man diesen Schock verdaut, waren die ersten Todesanzeigen gefallener junger Männer zu lesen. In der Zeitung vom 3. September erschienen diese drei Anzeigen: Georg Stumpf, 24 Jahre, Ludwig Goppelt, 22 Jahre, und Georg Lang, 24 Jahre.

Das aber war nur der Anfang. Erst im November 1918 konnte ein Krieg beendet werden, an dem 65 Millionen Soldaten teilgenommen haben, der über 20 Millionen Menschen das Leben gekostet hat – darunter etwa neun Millionen Soldaten – und an dessen Ende nach neuesten Forschungen 19 Millionen Verletzte zu zählen waren – die Menschen mit seelischen Spätfolgen nicht mitgerechnet.

Stadtmuseum Nördlingen, Ausstellung bis 2. November 2014; Geöffnet täglich außer Montag, 13.30 bis 16.30 Uhr

Heimatmuseum Oettingen, Ausstellung bis zum 1. November 2014 Geöffnet Mittwoch bis Sonntag, 14 bis 17 Uhr

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20IMG_3654(1).tif
Bildung

Seitwärts statt aufwärts

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen