Vortrag

03.12.2016

Gelebte Spiritualität

Christian Schmidt referierte in Nördlingen zum Thema „Evangelisch fromm sein“.
Bild: Woerlen

Christian Schmidt referierte in Nördlingen über das Thema „Evangelisch fromm sein“. Was die Zuhörer besonders interessierte

„Über Frömmigkeit reden die Rieser nicht gern“: Mit diesen Worten leitete Dekan i.R. Hans Issler den Vortragsabend des Evangelischen Bildungswerks und des Nördlinger Freundeskreises der Evangelischen Akademie Tutzing mit Regionalbischof i. R. Christian Schmidt ein. Es ging um das Thema „Evangelisch fromm sein“ und Issler erwies sich mit seinem Ausspruch als Kenner der „lokalen Seelenlandschaft“.

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Schmidt war den Zuhörern schon bekannt, nicht zuletzt wegen seiner in fränkischer Mundart gereimten Fastenpredigten. In seinem Vortrag, der immer wieder mit humorvollen Anekdoten und Randbemerkungen angereichert war, ging es um evangelische Spiritualität, also um die Art und Weise, wie evangelische Christen das Wirken des Heiligen Geistes erleben. Die biografischen Bemerkungen des Referenten vom Besuch in Taizé als Jugendlicher über eine Auszeit im Kloster Neresheim, mehrfache Aufenthalte in Indien – inklusive Yoga-Ausbildung – bis zu Erfahrungen aus der Konfirmandenarbeit als Gemeindepfarrer leiteten über zu der Feststellung, dass Spiritualität im Christentum den Blick auf die Erlösung der Welt richte.

Schmidt betont Spiritualität als eine Art Gegengewicht zur „Kopfreligion“, die besonders den Protestantismus kennzeichne. Auch wenn in anderen Religionen viel Wahres und Gutes zu entdecken sei, woran sich der Christ freuen könne, sei christliche Spiritualität dennoch deutlich von den asiatischen Formen der Frömmigkeit oder gar von modernen esoterischen Strömungen zu unterscheiden. Nicht zuletzt sei auch eine terminologische Unschärfe zu beobachten. Als Kronzeugen für seriösen philosophischen Sprachgebrauch berief sich der Referent auf Kant, Gadamer, Horkheimer und Wolfgang Huber.

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Durch richtig gelebte Spiritualität wird nach den Worten von Christian Schmidt deutlich, dass der Mensch sein Leben einem anderen verdankt. Neben der Beziehung zu Gott tritt die Beziehung zur Umwelt und zum Mitmenschen als Grundkategorie menschlicher Existenz. Christliche Spiritualität wird nicht in der Gefolgschaft von Gurus praktiziert, sondern in voller individueller Freiheit. Die Frage nach der praktischen Übung wird falsch verstanden, wenn der protestantische Vorbehalt gegen Werkgerechtigkeit gegen sie ins Feld geführt wird. „Tun, was man tun kann“ – das ist das Werk des Geistes (lat. spiritus), dem die Spiritualität ihren Namen verdankt.

Zentraler Ort der Verwirklichung von christlicher Spiritualität ist der Gottesdienst, denn der Geist wirkt durch Wort und Sakrament – und durch die Musik. Daran ändert auch die derzeitige Unsicherheit in der Gottesdienstkultur und -praxis nichts. Als spirituelle Inseln haben sich Christen, die in ihren Ortsgemeinden nicht ihr Maß an Spiritualität und Verbindlichkeit finden, zu Kommunitäten (Gemeinschaften) zusammengeschlossen. Allerdings legt der evangelische Konvent Kloster Heilsbronn, den der Referent mitgegründet hat, und dem er als Prior vorsteht, strengen Wert darauf, dass seine Mitglieder in ihrer jeweiligen Kirchengemeinde fest verankert und engagiert sind.

Zum Abschluss des Abends nutzten die Teilnehmer dann doch noch die Gelegenheit, über Frömmigkeit zu reden, indem sie sich in der Diskussionsrunde Auskünfte über die gemeinsame Frömmigkeitspraxis der Heilsbronner Konventualen geben ließen.

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