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Landgericht Augsburg

15.01.2019

Kinder geschlagen? Gericht rollt Zwölf-Stämme-Fall wieder auf

Die Sekte "Zwölf Stämme" lebte lange auf dem Gut Klosterzimmern.
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Die Sekte "Zwölf Stämme" lebte lange auf dem Gut Klosterzimmern.
Bild: Jan Kandzora (Archiv)

Das Augsburger Landgericht rollt das Verfahren gegen einen 52-Jährigen der "Zwölf Stämme" wieder auf, der Kinder mit der Rute geschlagen haben soll.

Da war nichts, sagt der Beschuldigte. Mindestens zweimal soll der heute 52-Jährige, Mitglied der Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“, zwei kleine Buben mit einer Weidenrute geschlagen haben, hält ihm die Staatsanwaltschaft vor. Deswegen war er im Juni 2018 bereits vom Amtsgericht in Nördlingen zu 15 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden. Jetzt findet vor dem Augsburger Landgericht die Berufungsverhandlung statt.

Erste Amtshandlung von Lenart Hoesch, Vorsitzender Richter der Jugendstrafkammer: Er setzte einen bestehenden europäischen Haftbefehl gegen den Angeklagten in Vollzug. Um das Verfahren sicherstellen und mögliche Strafen durchsetzen zu können, wurde der heute bei den „Zwölf Stämmen“ in Tschechien lebende Mann in Untersuchungshaft genommen. Der hatte so etwas wohl erwartet, denn er war bereits mit einer Reisetasche im Gerichtssaal erschienen. Weil er sich nichts vorzuwerfen habe, weil die Vorwürfe gegen ihn nicht stimmten, weil er reinen Tisch machen wolle, sei er vor Gericht erschienen.

52-jähriges Mitglied der "Zwölf Stämme" soll Kinder mit einer Rute geschlagen haben

Der 52-Jährige gehört laut eigenem Bekunden seit 20 Jahren den „Zwölf Stämmen“ an, arbeitet als Landwirt und Monteur für die Gemeinschaft an verschiedenen Orten in aller Welt und lebte immer wieder einmal auch in Klosterzimmern oder Wörnitz (Kreis Ansbach). Als Landwirt habe er sich auch um die Pflege des Grüns an Solaranlagen der Gemeinschaft gekümmert und dort weidende Schafe versorgt. Dabei soll er einmal im Zeitraum 2012/ 2013 einen seinerzeit kaum achtjährigen Buben mit der Rute heftig auf den Hintern geschlagen haben, weil dieser sich „töricht“ verhalten habe, anstatt ordentlich mitzuarbeiten. In einem anderen Fall soll er einen sechsjährigen Buben im inoffiziell so genannten „Schlägekeller“ der Sekte gezüchtigt haben, während das Kind von seiner Mutter und einer Erzieherin festgehalten worden war. Das Kind habe sich „rebellisch“ verhalten, weil es seine mittägliche Banane nicht habe essen wollen. Das Züchtigen werde von den Mitgliedern der „Zwölf Stämme“ als Erziehungsmethode praktiziert, es sei gleichsam, wie im Alten Testament der Bibel zu lesen, ein Zeichen von Liebe.

Zur Anzeige war es 2016 gekommen, weil die beiden Buben über zwei Jahre nach den Vorfällen von ihren Erlebnissen zu erzählen begannen. Sie waren vom Jugendamt ihren Eltern weggenommen und zu Pflegeeltern ins Allgäu gebracht worden. Der Pflegevater (62), in dessen Familie sie seit November 2013 leben, sprach von nach wie vor vorhandenen Traumatisierungen. Beide Kinder befänden sich in regelmäßiger psychischer Behandlung, sie hätten inzwischen den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen.

Mutmaßlich betroffene Jugendliche sollen am Landgericht Augsburg aussagen

Ein Arzt des Landratsamtes Donau-Ries sagte aus, bei zwei Untersuchung einmal 42, dann 28 Kinder der „Zwölf Stämme“ in Klosterzimmern angeschaut zu haben. Darunter hätten sich auch die Geschädigten befunden, wobei bei einem Buben einmal Verletzungen im Bereich der Kniekehlen und Rötungen zu erkennen gewesen seien. Auch zwei andere Kinder hätten Verletzungen aufgewiesen, die möglicherweise von Züchtigungen hätten herrühren können.

Dass es diese Schläge nie gegeben habe, bekräftigte eine heute 62-jährige Erzieherin der Gemeinschaft, die die beiden Kinder einst unterrichtete hatte. Sie war vom Landgericht 2016 zu zwei Jahren Haft unter anderem wegen Körperverletzung an Kindern verurteilt worden. „Ich habe zur Disziplinierung von kleinen Kindern keine Hilfe von zwei Erwachsenen gebraucht“, so die Zeugin.

Beide (inzwischen) Jugendliche sollen bei der heutigen Fortsetzung der Verhandlung auch persönlich vom Gericht angehört werden.

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