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Theater

08.11.2018

Lessing-Interpretation: Ein Augenzwinkern zu Gott

Das Münchner a.gon-Theater hat „Nathan der Weise“ im Nördlinger Klösterle aufgeführt. In der modernen Inszenierung tragen die Akteure moderne Kleidung und Armbanduhren, die Palastwache ist mit einer Kalaschnikow ausgestattet.
Bild: Dieter Mack

„Nathan der Weise“ als starkes Plädoyer für religiöse Toleranz. Warum die „Ringparabel“ ein zeitloses Gleichnis darstellt.

Auch in unseren aufgeklärten Zeiten werden in vielen Teilen der Erde grausame Kriege im Namen des Glaubens geführt. Und dies, obwohl sich seit Jahrhunderten große Denker mit den Inhalten und Botschaften der verschiedenen Religionen auseinandergesetzt und sich für eine friedliche Koexistenz stark gemacht haben. Eine herausragende Stellung in diesem ethisch-philosophischen Diskurs nimmt Gotthold Ephraim Lessings dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ ein. In einer beeindruckenden Inszenierung des a.gon-Theaters aus München kam das Stück nun im Rahmen des Kulturprogramms der Stadt Nördlingen zur Aufführung und wurde von den begeisterten Besuchern im ausverkauften Klösterle ausgiebig bejubelt.

Die Geschichte spielt zur Zeit des Dritten Kreuzzugs (1189 bis 1192) in Jerusalem – über den heiligen Ort, den bereits damals die drei monotheistischen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam für sich einforderten. Hauptperson ist der wohlhabende Jude Nathan (Peter Kremer), der nach einer längeren Geschäftsreise gleich doppelt mit den anderen Glaubensrichtungen konfrontiert wird: So hat ausgerechnet ein Christ, der junge Tempelherr (Alexander Mattheis), Nathans Ziehtochter Recha (Laura Antonella Rauch) aus den Flammen des brennenden Hauses gerettet, während der in Finanznöten steckende Sultan Saladin (Michel Guillaume) sich von Nathan einen Kredit erhofft. Parallel dazu entwickelt sich eine wechselvolle Liebesgeschichte zwischen Recha und dem Tempelherrn, in der Glaube und Gefühle unvereinbar scheinen: „Des Menschen Hirn fasst so unendlich viel - und ist doch manchmal auch so plötzlich voll!“

Das Kernstück des Schauspiels bildet die bekannte „Ringparabel“, mit der Nathan auf die Fangfrage des Sultans nach der wahren Religion antwortet. Darin geht es um einen kostbaren und mit besonderen Kräften versehenen Ring, den ein Vater in langer Familientradition jeweils seinem liebsten Sohn vererbt. Doch was, wenn ein Vater seine drei Söhne in gleichem Maße liebt? Nathans Lösung: Der Vater lässt zwei perfekte Kopien des Rings anfertigen und ein Richter trägt den Söhnen auf, so zu leben und zu handeln, als sei ihr Ring der echte. Dieses zunächst als „Märchen“ diskreditierte Gleichnis bringt im Stück nicht nur den Sultan zur Einsicht („Der Mann hat recht. Ich muss verstummen.“), sondern darf ob seiner immanenten Fragestellungen und scheinbaren Paradoxien als ebenso zeitloses wie werthaltiges Gedankenexperiment eingestuft werden.

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In seiner modernen Inszenierung (ausdrucksstarkes Bühnenbild: Peter Schultze) hat Regisseur Stefan Zimmermann die Originalvorlage teilweise drastisch gekürzt und Szenen in ihrer Reihenfolge verändert oder zusammengelegt. Mit dieser Art „Übersetzung in die Gegenwart“ (Zimmermann) gelingt es ihm, Lessings Ansichten von 1779 verständlich, lebendig und aus heutiger Sicht begreifbar zu machen. Verstärkt wird dieser Zeitsprung durch eigentlich widersinnige Details: Die Akteure tragen moderne Kleidung und Armbanduhren, die Palastwache ist mit einer Kalaschnikow bewaffnet, und der Sultan erkennt seinen Bruder auf einem Foto wieder. Einmal mehr wartet das a.gon-Theater mit einem durchwegs überzeugenden achtköpfigen Ensemble mit vielen bekannten Gesichtern aus diversen Bühnen- und Fernsehrollen auf. Allen voran Peter Kremer („Siska“), der seinen Nathan in lässiger Souveränität und dennoch phasenweise in hoher Intensität anlegt („Der Knoten, der so oft mir bange machte, nun von sich selber löset!“). Hervorzuheben ist auch Alexander Mattheis, der als heißsporniger junger Tempelherr bei seiner leidenschaftlichen Suche nach Orientierung und Wahrheit höchst authentisch wirkt.

Starkes Plädoyer für Toleranz

Mit einigem Recht haben die Münchner Theaterleute „Das Stück der Stunde“ auf ihr Nathan-Plakat gedruckt. Gerade in unseren politisch und gesellschaftlich aufgewühlten Zeiten, in denen sich religiöser Fanatismus, Wahn und Barbarei immer wieder Bahn brechen –im Schauspiel durch den verblendeten Patriarchen („Der Jude wird verbrannt!“) trefflich dargestellt –, erscheint „Nathan der Weise“ als starkes Plädoyer für Toleranz. Damit die Inszenierung jedoch nicht in moralingetränkter Bedeutungsschwere ertrinkt, hat die Regie geschickt komödiantische Elemente und Dialoge eingearbeitet. Symptomatisch dafür die Schlussszene, als Nathan ein verschmitztes Augenzwinkern in Richtung Gott nach oben schickt. Lautstarker und anhaltender Applaus am Ende beim Publikum – den meisten der zahlreichen Schüler war anzusehen, dass sie nicht nur den Literaturkanon der Kollegstufe abarbeiteten, sondern von der spannenden und fordernden Aufführung berührt waren. Erst nach zahlreichen Vorhängen wurden die Schauspieler entlassen.

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