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Nördlingen

27.06.2020

Mo will bleiben: Wie das Nördlinger Tierheim für einen Asylbewerber kämpft

365 Tage im Jahr arbeitet Mohammed Ishaq, den hier alle nur Mo nennen, im Nördlinger Tierheim. Er macht das ehrenamtlich, Geld bekommt er nicht. Jetzt droht dem Asylbewerber die Abschiebung.
Bild: David Holzapfel

Plus Vor einigen Jahren floh Mohammed Ishaq nach Deutschland. Er arbeitet ehrenamtlich im Nördlinger Tierheim. Weil er aus Ghana kommt, soll er abgeschoben werden. Immer mehr Menschen aus Schwaben setzen sich für ihn ein.

Gerade ist die Angst weit weg. Mo steht vor dem Tierheim in der Mittagssonne, das Licht ist so grell, dass er seine Augen zusammenkneifen muss. Eine sanfter Wind weht durch die Äste der großen Weide im Garten, irgendwo schnattert eine Ente. Ansonsten ist es still. Ein normaler Tag an einem normalen Ort, für Mo ist die Anlage des Nördlinger Tierheims das Paradies. „Ich weiß, dass ich hier hingehöre“, sagt er. Und doch kann es sein, dass Mohammed Ishaq sein Paradies bald verlassen muss.

Mo kommt aus Ghana. Die deutsche Regierung bewertet das Land als sicheren Herkunftsstaat, als Demokratie. Ghanas Wirtschaft wächst schneller als kaum eine andere in Afrika. Sechs Prozent waren es im Jahr 2018, sieben ein Jahr darauf. Was für viele Menschen im Land Segen ist, ist für die Fluch, die es verlassen wollen; für ein besseres Leben, eine Arbeit, eine Zukunft. Dass Mos Ziel viele Monate später sogar mit Hilfe einer Petition unterstützt werden wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch weit weg.

Für Asylbewerber aus Ghana stehen die Chancen schlecht

Die Chancen für Asyl in Bayern stehen schlecht. Statistiken des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sprechen eine deutliche Sprache: Von 124 im Jahr 2019 gestellten Asylanträgen aus Ghana wurde in Bayern kein einziger bewilligt. Auch Mo hat es schon versucht – und ist gescheitert. Aktuell wird er geduldet; eine Aufenthaltserlaubnis bekommt er nicht. Er soll freiwillig ausreisen, sobald Ghana den coronabedingten Einreisestopp aufhebt und den Flugverkehr wieder aufnimmt.

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40 Katzen leben im Nördlinger Tierheim – Mohammed Ishaq kennt sie alle. Die Arbeit hier sei seine Bestimmung, sagt seine Chefin.
Bild: David Holzapfel

Aber all das ist bei einem Besuch bei ihm im Tierheim weit weg. Cleopatra ist aufgewacht. „Hast du gut geschlafen?“, fragt Mo und nimmt die graue Katze in den Arm. Wie ein Doktor sieht er dabei aus, mit seinem blau-weiß gemusterten Kittel, den Gummihandschuhen und dem Mundschutz. Er kniet im gekachelten Krankenzimmer des Nördlinger Tierheims, in der einen Hand Cleopatra, in der anderen ein Fieberthermometer. Die Sonne wirft feine Lichtstrahlen auf sein Gesicht. Mo ist ein schmaler junger Mann mit freundlichen Augen, roter Basketballmütze und einem schüchternen Lächeln. Wenn Mo hier ist, rückt seine Angst für kurze Zeit in den Hintergrund, dann verschwinden die Bauchschmerzen, von denen der Arzt sagt, sie entstünden in seinem Kopf und die so real werden könnten, dass Mo ins Krankenhaus muss. Hier ist er ein ganz normaler 21-Jähriger, mit einer Aufgabe, die Sinn stiftet und Menschen, die ihm zuhören. Es ist ein wackeliges Glück.

Immer weniger Arbeit, immer mehr Menschen

Im Büro des Tierheims riecht es nach Filterkaffee und Desinfektionsmittel. Von der Decke strahlen grelle Neon-Röhren, durch ein gekipptes Fenster dringt Hundegebell. Mo sitzt an einem Schreibtisch in der Mitte des Raumes und erzählt von seiner Flucht.

Er wächst in Tafo auf, einer kleinen Ortschaft tief im Landesinneren Ghanas und damit weit entfernt vom wirtschaftlichen Aufschwung der Küstenregion. Die Bevölkerungszahlen hier haben sich seit den 80er-Jahren mehr als verdoppelt. Es gibt ein wichtiges Kakao-Forschungsinstitut, das früher einmal 1000 Mitarbeiter beschäftigte; heute sind es nurmehr 200. Immer weniger Arbeit, immer mehr Menschen, sagt Mo.

Mit einem morschen Fischerboot über das Mittelmeer

Seine leiblichen Eltern lernt Mo nie kennen. Und als mit zwölf Jahren seine Tante stirbt, ist er alleine. Er lebt fortan von dem, was er beim Betteln auf der Straße und bei kleinen Hilfsarbeiten verdient. Einen richtigen Job zu finden, erzählt Mo, sei für ihn unmöglich gewesen. Auch deshalb steigt er im Dezember 2012 in einen Lkw und wird mit Dutzenden anderen an die libysche Grenze gefahren. Mo wird drei Jahre dort verbringen, ein Automechaniker nimmt ihn zeitweise bei sich auf, gibt ihm Arbeit und ein Bett für die Nacht.

Es ist das Jahr 2015, als es für Mo im kriegsgebeutelten Libyen zu gefährlich wird. Eines nachts wird er von seinem Helfer an die Küste gefahren, zu einem morschen Fischerboot, das ihn über den Ozean bringen soll. „Hier geht es zu Ende“, soll der Mann noch gesagt haben. Die Verabschiedung ist kurz.

Die Zahl der Asylbewerber im Landkreis Donau-Ries ist gesunken

Heute hat Mo realisiert, dass seine Flucht womöglich umsonst gewesen sein könnte. Zwar ist in Artikel 16a des deutschen Grundgesetzes das Recht auf Asyl verankert – jedoch nur für jene, die etwa wegen politischer Verfolgung ihr Heimatland verlassen müssen. Alleine der Wunsch nach einem besseren Leben, so will es das Gesetz, ist kein Grund, zu bleiben. Bürokratie orientiert sich an Paragrafen, nicht an Emotionen. Für Mo und die Mitarbeiter des Nördlinger Tierheims ist das schwer zu ertragen. Sie fragen sich: „Kann das gerecht sein?“

Wie Mo geht es vielen Geflüchteten. Im Jahr 2016, die Zahl an neuankommenden Flüchtlingen erreicht im Landkreis Donau-Ries gerade ihren Höhepunkt, leben dort etwa 1100 Asylbewerber. Wer anerkannt wird, soll die deutsche Sprache lernen, zur Schule gehen, eine Ausbildung machen oder gleich Arbeit finden, soll im Landkreis leben und wohnen. 2020 sind noch etwa 700 von ihnen hier, teilt die Regierung von Schwaben mit. Geplatzte Träume oder gelungene Integration: Wo der Rest von ihnen geblieben ist, dazu gebe es keine Erhebungen, sagt ein Sprecher.

Wenn Mo abends alleine ist, kommt die Angst

Eine andere Straße in Nördlingen. Mo zeigt in einen kahlen Raum und sagt: „Das ist mein Zimmer.“ Ein Bett, ein Stuhl und ein Schrank sind alles, was er in seinem Zuhause in der Nördlinger Asylbewerber-Unterkunft hat. Tagsüber ist Mo im Tierheim, er arbeitet ehrenamtlich dort. Jeden Tag im Jahr kommt er mit seinem klapprigen Fahrrad. Dort geht es ihm gut, aber abends, wenn er alleine ist, kommt die Angst. Sie beherrscht Mos Gedanken. Er liegt dann in seinem Bett und starrt an die Decke; in Erwartung darauf, dass es gleich klopfen wird, so beschreibt er es, dass sie ihn holen kommen und in den Flieger setzen. Zurück nach Ghana, eine Heimat, die keine ist für Mo.

Immer wieder muss Mo in psychologische Behandlung: wenn die Depressionen schlimm werden und die Panikattacken. Als Mo einmal für mehrere Wochen im Krankenhaus liegt, fragt er eine Schwester nach einer Nähmaschine und Stoffen. „Wir haben dann andauernd Katzenspielzeug geschickt bekommen“, sagt Tierheimleiterin Manuela Kaußen. Sie lacht. Mo sei absolut zuverlässig, lernfreudig und sich für nichts zu schade. „Wenn es hier ein Katzenklo zu reinigen gibt, ist Mo zur Stelle.“ Die Arbeit hier sei seine Bestimmung.

Der Asylbewerber könnte sein Leben schon längst selbst finanzieren

Das Nördlinger Tierheim will Mo das geben, was er so dringend sucht: Hoffnung und eine Perspektive für die Zukunft. „Wir hätten Mo schon längst einen Ausbildungsplatz gegeben, wären da nicht die deutschen Gesetze“, sagt Kaußen. Mo würde dann sein eigenes Geld verdienen und in die Sozialversicherungskasse einzahlen. „Er könnte sein Leben schon längst selbst gestalten. Aber das wird ihm verwehrt.“ So langsam, sagt Kaußen, könne sie das nicht mehr verstehen.

Eine Anfrage bei Cemal Bozoglu. Er sitzt für die Grünen im bayerischen Landtag und ist Mitglied des Petitionsausschusses. Jeder Bürger hat das verfassungsmäßige Recht, sich mit egal welchem Anliegen direkt an den Landtag zu wenden; der Petitionsausschuss ist das Gremium, das ebenjene Anträge prüft und ihnen zustimmt oder sie abweist. Das Nördlinger Tierheim hat gemeinsam mit dem Caritas-Verband Donau-Ries Mos Fall vor den Ausschuss gebracht. Voraussichtlich im Oktober soll dort eine Entscheidung fallen, wie es mit ihm weitergeht.

Grünen-Politiker Bozoglu: "Bayerische Asylpolitik deutlich verbesserungsfähig"

Auf Nachfrage sagt Bozoglu, er wolle Mo dabei unterstützen, eine Bleibe-Perspektive zu bekommen, wenn die rechtlichen Voraussetzungen es zuließen. „Sein ehrenamtliches Engagement im Tierheim verdient meine Anerkennung. Ich kann mir gut vorstellen, dass er ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden wird.“ Leider sei die bayerische Asylpolitik in diesem Zusammenhang deutlich verbesserungsfähig und müsse viel humanitärer ausgerichtet sein, sagt der Abgeordnete.

Wenige Tage später meldet sich Gabriele Wawrok von der Caritas per Mail bei unserer Redaktion. Sie schreibt: „Es gibt gute Nachrichten.“ Die Asylbehörde der Regierung von Schwaben habe sich gerade bei ihr gemeldet. Mo bekomme vorerst einen Ausreisestopp, bis der Petitionsausschuss voraussichtlich im Oktober seinen Fall behandelt. Auch das Abgeordnetenbüro Cemal Bozoglus wolle sich nach dem Gespräch mit unserer Redaktion verstärkt für Mo einsetzen. „Wenn es sein muss, auch direkt vor dem Bundestag.“

Wer Mo unterstützen will, kann unter diesem Link eine Petition unterschreiben.

Hier, in Tafo, ist Mo aufgewachsen:

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