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Nördlingen

15.10.2020

Wegen Piercings und Tattoos: Junge Frau darf keine Erzieherausbildung machen

Lisa Lang bekam in ihrer Nördlinger Ausbildungsstätte Probleme wegen ihrer Tattoos und Piercings.
Bild: Mark Masuch

Plus Lisa Lang, 23, möchte Erzieherin werden. Die Fachakademie für Sozialpädagogik in Nördlingen soll sie aber vor ein Ultimatum gestellt haben: Piercings raus oder Schule verlassen.

Wer sich mit Lisa Lang unterhält, dem fällt sicherlich ihre lange, blonde Haarmähne auf, ihre offene Art, ihr freundliches Lächeln. Wer genauer hinsieht, erkennt zudem vier kleine Piercings – in Lippe und Zunge sowie zwei in den Nasenflügeln. Dass sich diese „Schmuckstücke“ einmal hinderlich auf ihre berufliche Laufbahn auswirken könnten, hätte die 23-jährige Aalenerin nicht gedacht. Und dennoch soll die junge Frau an der Fachakademie für Sozialpädagogik Maria Stern in Nördlingen vor die Wahl gestellt worden sein: entweder Piercings raus oder die Schule verlassen.

Die Hausordnung der Akademie, Träger ist das Schulwerk der Diözese Augsburg, scheint unmissverständlich und ist auf der Homepage der Einrichtung einzusehen: Piercing im Gesicht – mit Ausnahme eines „Nasensteckers“ – ist nicht gestattet. „Tunnel“ in den Ohren müssen abgedeckt werden. Sichtbare großflächige Tattoos sind gegebenenfalls im Beruf und somit während der Ausbildung unerwünscht, heißt es dort.

Am ersten Schultag in Nördlingen kam die Ernüchterung

Pech für Lisa Lang, die an der Akademie Anfang September ihre Ausbildung zur Erzieherin begann. Denn neben ihren drei Piercings besitzt die Aalenerin zudem einen kleinen Ohrtunnel sowie Tätowierungen an Armen und Beinen. Sie zeigen unter anderem eine Libelle, einen Traumfänger und das Wort „Ohana“, hawaiianisch für Familie. Beim Bewerbungsgespräch waren die an der Schule unerwünschten Objekte nicht aufgefallen – das erste Kennenlernen fand telefonisch statt.

Lisa Lang erhielt eine Zusage, doch am ersten Schultag kam die Ernüchterung. Man habe die Hausordnung laut in der Klasse vorlesen müssen, erinnert sich die 23-Jährige. „Wie in der Grundschule.“ Jeder Schüler habe anschließend unterschreiben müssen, dass er die Regeln akzeptiere. Nur die Aalenerin konnte und wollte das nicht. Sie überlegte, was sie im Hochsommer machen solle, um ihre Tattoos zu verdecken. „Ich kann ja bei mehr als 30 Grad nicht mit langen Ärmeln herumlaufen“, sagt sie.

Nach zwei Tagen war die Zeit an der Maria Stern vorbei

Lang suchte Kontakt zur Schulleitung, um eine Lösung zu finden. Nach zwei Minuten Gespräch sei klar gewesen, dass sie die Piercings herausnehmen oder sich eine andere Schule suchen müsse, betont die Aalenerin. Und so war ihre Zeit an der Maria Stern bereits nach zwei Tagen wieder vorbei.

„Ich hätte mich selbst hintergangen, wenn ich die Piercings entfernt hätte“, sagt die 23-Jährige, die sich mehr Toleranz von der katholischen Einrichtung wünscht. Sie verweist auf einen Auszug aus dem Leitbild der Schule: Vorrang hat der Mensch. Jeder von uns verdient es, in seiner Würde geachtet, mit Wertschätzung behandelt und in seinen Entscheidungen respektiert zu werden. Das, was sie in Nördlingen erlebt hat, beschreibt Lisa Lang jedoch als „wie im Mittelalter“.

Die Mitschüler standen hinter ihr

Beistand erhielt die Aalenerin von ihren Mitschülern. Die gesamte Klasse habe bei dem Thema hinter ihr gestanden, berichtet Lisa Lang, die sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sieht. Der Körperschmuck gehöre einfach zu ihr. Es sei die Art, wie sie sich als Mensch ausdrücken wolle.

Dass sie tatsächlich Probleme wegen ihres Körperschmucks bekam, war für die Aalenerin neu. Bevor sich die junge Frau entschlossen hatte, Erzieherin zu werden, absolvierte sie bereits eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. In der Kanzlei seien weder Piercings noch Tattoos jemals Thema gewesen, erläutert sie. Auch nicht im Kindergarten, wo sie eine Zeit lang gearbeitet habe.

Einen Verstoß gegen das Diskriminierungsgesetz, nennt es eine Beauftragte für Chancengleichheit

Langs Aufenthalt in der Kita war Teil ihrer zweiten Ausbildung zur Kinderpflegerin. Diese absolvierte sie an der Fachakademie für Sozialpädagogik Maria Stern in Augsburg. Anders als Nördlingen sei sie vom Standort Augsburg begeistert. Es sei eine schöne Zeit gewesen, und wegen ihrer Tätowierungen und Piercings habe sie dort niemals Unannehmlichkeiten gehabt, erzählt Lisa Lang.

Als „eindeutigen Verstoß gegen das Diskriminierungsgesetz“ beschreibt Uta-Maria Steybe das Verhalten der Schule. „Das geht gar nicht“, so die Beauftragte für Chancengleichheit der Stadt Aalen. Die Schule müsse nachweisen können, dass Langs Aussehen den Schulfrieden störe. Sie rät der Aalenerin, sie solle bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes oder des Landes vorstellig werden. Die würden den Fall prüfen und der Frau beistehen, betont Steybe. „Ich würde klagen“, so ihre Empfehlung.

Die Schulleiterin pocht auf die Hausordnung

Sigrid Christeiner, die Schulleiterin der Fachakademie für Sozialpädagogik Maria Stern in Nördlingen, sagt auf RN-Nachfrage: „Unsere Schule steht zu der Hausordnung, sie ist korrekt und gültig.“ Die Voraussetzungen für eine Ausbildung an der Einrichtung seien allen bekannt, jedem Schüler stehe es frei, wo er sich ausbilden lasse. „Alternativ gibt es ja noch 66 andere Fachakademien in Bayern.“

Im Landkreis Donau-Ries ist die Einrichtung Maria Stern die einzige Fachschule für Sozialpädagogik. Die von Nördlingen aus nächstegelegene befindet sich in Dillingen. Sie gehört ebenfalls zum Schulwerk der Diözese Augsburg.

Trotz ihres Erlebnisses möchte die 23-Jährige Lang weiterhin Erzieherin werden. Mittlerweile hat sie eine neue Schule in Aalen gefunden. Dort sei ihr Körperschmuck völlig egal, sagt Lang. (mit daho)

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16.10.2020

>> Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
§ 1 Ziel des Gesetzes

Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen. <<

Einfach mal Leistung bringen und den markant erhöhten Metallanteil im Gesicht in dieses Schema hinein argumentieren. So ganz trivial ist das m.E. nicht.

Zu viel Piercings oder Tattoos wird mancher auch als ungepflegt/verwahrlost/häßlich/unvorteilhaft wahrnehmen. Dazu droht nach üblicher Lebenserfahrung auch eine Vermehrung von Metall und Farbe.

Am Ende war es vielleicht auch Verhalten/Reaktion der Schülerin, die den Rückgriff auf die "Hausordnung" bewirkt hat. Taffe Leute hätten ggf. vorher im 4-Augen Gespräch verhandelt und auch Kompromissbereitschaft gezeigt. Rechthaber mit Nasenring sortiert man guter Nachfrage vielleicht einfach aus?

>> „Ich kann ja bei mehr als 30 Grad nicht mit langen Ärmeln herumlaufen“, sagt sie. <<

Die bunte Vielfalt auf dieser Welt zeigt sehr wohl, dass dies möglich wäre...

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16.10.2020

So wie dieser Artikel geschrieben ist, kommt er mir sehr 'reißerisch' vor.
Da hat eine private Schule eine Hausordnung, die öffentlich einsehbar ist und auf die am ersten Schultag auch hingewiesen wird. Dass eine junge erwachsene Frau, die freie Schulwahl hat und ihre erste päd. Ausbildung an einer anderen Fachakademie absolviert hat (sich also bewusst für diese Fachakademie entschieden hat), diese Schulordnung nicht akzeptiert, ist ihre eigene Entscheidung. Warum stellt sie sich so als Opfer dar? Sie hat freie Schulwahl und wird an jeder Schule die dort geltenden Regeln zu akzeptieren haben. Dass es bei einem Beruf mit viel 'Kundenkontakt' oft einen bestimmten Dresscode gibt bzw. auf äußeres Auftreten geachtet wird, ist weder neu noch mittelalterlich. Die Überschrift, dass sie nicht Erzieherin werden darf, ist mehr als reißerisch. Sie darf! Sie hat doch kein Berufs- bzw. Ausbildungsverbot bekommen. Wenn ich die attraktiven Angebote dieser Schule nützen möchte, sollte ich auch die geltenden 'Spielregeln' akzeptieren und wenn ich das nicht möchte, geh ich woanders hin ...

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16.10.2020

Ja geht's noch!
Schade, dass sie nicht geklagt hat. Sie hätte mit Sicherheit recht bekommen und es wäre endlich mal wieder klar gestellt worden, dass sich auch kirchliche Arbeitgeber und Schulträger gefälligst an die Gesetze in diesem Land zu halten haben. Im Falle des Diskriminierungsgetzes an ein Gesetz, das in der Tradition der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht. Muss einen eigentlich nicht wundern: Der Vatikan ist einer der wenigen Staaten, die die Menschenrechtscharta der UNO bis heute ablehnen.

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15.10.2020

Kommentar : S. S. M. d. Santos : Statt das man froh ist, das es Menschen gibt die eine Erzieherausbildung machen wollen und ein Lächeln im Gesicht haben wie oben auf dem Foto.
Man sollte sich schämen, das dann das Aussehen ein Problem ist.
Das kann man den Kindern erklären.
Deswegen braucht man nicht befürchten das die Kinder das auch machen, wenn Sie Erwachsen sind.
Ohne Worte! Wo bleibt Toleranz?
Seht den Menschen, Charakter, lachen und das Können und schaut nicht auf das Aussehen.
Wacht auf. Die Zeit ist zu kurz.

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