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Oettingen/Nördlingen

19.11.2020

Zwei betroffene Rieser erzählen vom Coronavirus und Seilpost aus dem oberen Stockwerk

Ein Korb mit Nudeln, Marmelade, Süßigkeiten und Obst per Seilpost aus dem Stockwerk darüber – ein emotionaler Höhepunkt für Roland H. während der Quarantäne in seiner Altstadtwohnung in Nördlingen.
Bild: Roland H.

Plus Zwei Rieser schildern ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Coronavirus. Einer ist 30, der andere 62 Jahre alt. Es sind Geschichten von Isolation, Ansteckungsängsten und hilfsbereiten Nachbarn.

Was wären wir ohne unsere Eltern und Großeltern? Sie erzählen Geschichten, helfen in so vielen Fällen mit einem guten Rat. Und gibt es sie nicht, so wenden wir uns an eine Freundin oder den Kumpel, der immer ein aufheiterndes Wort auf Lager hat. Doch die Geschichten über eine Infektion mit dem Coronavirus haben bislang nur wenige erzählt. Auch wenn sich im Ries immer mehr Menschen mit Covid-19 infizieren – man sieht sich ja kaum noch. Wer also soll die Geschichten erzählen?

Zwei Männer aus dem Ries haben eine Infektion mit dem Virus hinter sich. Einer ist 30, der andere 62 Jahre alt. Beide sportlich, beide hat es erwischt, beide sind wieder genesen. Was sie mit am meisten umtrieb, war die Angst, andere anzustecken. Die beiden erzählen unserer Zeitung exklusiv ihre persönlichen Geschichten über die vergangenen Wochen, die in vielerlei Hinsicht Neuland waren.

Erzählungen über Corona: Zwei Rieser berichten von ihrer Infektion

Roland H. ist einer, den so schnell nichts aus der Bahn wirft. 30 Jahre alt, schlank, drahtig, sportlich. Er geht regelmäßig zum Joggen, im Sommer zusätzlich zum Schwimmen, im Winter in die Berge zum Snowboarden. Auf jeden Fall ein junger Mann mit einem starken Immunsystem, so viel scheint sicher.

H., der als Industriemechaniker im Schichtbetrieb in einem Nördlinger Traditionsunternehmen arbeitet, weiß, dass er fit ist, und mutet sich deswegen manchmal ziemlich viel zu. Am Dienstag, 13. Oktober, hat er Frühschicht und wechselt anschließend die Reifen an seinem Auto, tags darauf hilft er nach der Arbeit einem Bekannten auf dessen Baustelle beim Bodenlegen. Als er am Abend mächtig Rückenschmerzen spürt, gibt er nicht viel darauf, schließlich hat er ja auch einiges geleistet.

Am nächsten Tag, Donnerstag, 15. Oktober, hat er weiterhin Kreuzschmerzen, fühlt sich schlapp und spürt vermeintliche Erkältungssymptome. Seine Schicht muss er vorzeitig beenden. Gegen Abend kommen daheim zu den Gliederschmerzen leicht erhöhte Temperatur, Kopfweh, Husten und Schnupfen dazu, im landläufigen Jargon eine Grippe, „eine ganz normale“, wie er glaubt. Trotzdem wird ihm klar, dass die Symptome auch zu einer Covid-19-Infektion passen könnten und seine Freundin Alexandra ermuntert ihn, einen Corona-Test machen zu lassen. Mit seinem Hausarzt, Dr. Hans-Günther Hurler aus Wallerstein, vereinbart er am nächsten Vormittag einen Termin; Hurler und eine Mitarbeiterin kommen in voller Schutzmontur an H.s Auto, um den notwendigen Abstrich in der Nase zu machen. Bis zum Testergebnis müsse er in Quarantäne, bekommt er erklärt.

Vorräte für die Quarantäne kaufen, Kontaktpersonen notieren

Auszugehen – zu einem Zeitpunkt, an dem es noch erlaubt ist – ist für ihn an diesem Wochenende ohnehin kein Thema. Roland H. fühlt sich nicht gut, ist müde, schläft viel. Seine Freundin kauft Vorräte ein, weil ja eine längere Quarantäne im Falle eines positiven Testergebnisses folgen könnte. Und genau so kommt es Anfang der folgenden Woche: Sein Hausarzt verkündet ihm am Montag den positiven Corona-Test, das Gesundheitsamt meldet sich wenig später. H. hat zu diesem Zeitpunkt bereits seinen Arbeitgeber verständigt, seine Kontaktpersonen notiert und damit zusammen mit seinem Unternehmen wertvolle Vorarbeit geleistet.

Später stellt er fest, dass keine seiner Kontaktpersonen infiziert wurde – und ist überaus erleichtert: „Wenn jemand meiner Kontakte womöglich sogar einen schweren Verlauf der Infektion gehabt hätte, das wäre schlimm für mich gewesen.“ Positiv getestet – keine Überraschung – wird später seine Freundin, die aber kaum Symptome zeigt und im Homeoffice letztlich ohne einen einzigen Krankheitstag durcharbeitet. Auch Roland H. fehlt normalerweise nicht wegen leichter Erkältungssymptome, aber Corona-Verdacht ist in Tagen wie diesen halt eine andere Hausnummer und Homeoffice für einen Industriemechaniker dann doch eher die Ausnahme.

Wo er sich selber infiziert hat, kann sich H. im Rückblick nicht erklären. Er hatte seine eigenen Kontakte stark reduziert; ein einziges Mal sei er in den Tagen zuvor mit seiner Freundin ausgegangen. Insgesamt zehn Tage verbringt er in Quarantäne, putzt Schubladen, räumt die Wohnung auf – „Dinge halt, die man sonst nicht macht“. „Total cool“ findet er, wie Freunde und Nachbarn, die er informiert, auf die Nachricht seiner Erkrankung reagieren. Man kauft für ihn ein, legt Frühstückssemmeln vor die Tür und – emotionaler Höhepunkt – lässt Lebensmittel aus dem Stockwerk darüber zum Fenster herab. „Das war wirklich großartig“, sagt Roland H., die Hausgemeinschaft sei dadurch richtiggehend zusammengewachsen.

Infektionskette geht von einem Hochzeitsjubiläum im Ries aus

In dieser Woche ist der 30-Jährige nach ein bisschen Schonung zum ersten Mal wieder zum Joggen gegangen. Den Konditionsrückstand hat er gespürt, aber ansonsten fühlt er sich wieder gesund. Das Coronavirus leicht zu nehmen oder gar zu leugnen, kann er nicht verstehen: „Wir müssen auf uns aufpassen und die Älteren schützen. Insofern sind auch die staatlichen Maßnahmen sinnvoll.“

Die Angst, jemanden anzustecken, was dann zu einem schweren Verlauf führen könnte, ist auch für den 62-jährigen Jeld-Wen-Mitarbeiter die schlimmste Vorstellung, nachdem sich seine Infektion mit dem Coronavirus bestätigt. Fast zeitgleich mit Roland H. beginnt in seiner Familie die Isolation, als die Tochter nach einem Geburtstag im Ries wie alle zwölf Gäste positiv getestet wird. Der 62-Jährige berichtet, dass die Infektionskette bis zu einem Hochzeitsjubiläum zurückreicht, das ebenfalls im Ries stattgefunden hat. Nachdem die Tochter am 18. Oktober ihr positives Testergebnis erhält, werden auch die Eltern untersucht. Beide negativ. Zunächst.

Nachbarn und Töchter helfen auch einer Familie im Nordries

Die Familie wohnt mit noch einer der vier Töchter in einem Dorf bei Oettingen, die jüngste verbringt ihre Quarantäne im Obergeschoss des Hauses, die Frau verweilt im Schlafzimmer, der Rieser selbst im Gästezimmer. Nachbarn und Familienmitglieder versorgen sie mit den notwendigen Lebensmitteln. Das Ehepaar wird noch einmal getestet, das Ergebnis ist diesmal ein anderes: Es ist positiv. Das Gesundheitsamt trägt ihnen auf, jeden Tag Fieber zu messen und die Symptome aufzuschreiben.

Am 23. und 24. Oktober sei das Virus dann bei ihm ausgebrochen, erzählt der Schlosser. Er hat in seinem Leben viel Sport getrieben, ist noch immer Schiedsrichter. Er bekommt schließlich leichtes Fieber, 38,2 Grad Celsius. Gliederschmerzen und ein „ziemlich starker Husten“ kommen hinzu. „Im Normalfall hätte ich gesagt, es ist eine Grippe. Ich bin auch einen Tag komplett gelegen“, schildert der 62-Jährige. Seinen Geschmack aber habe er nicht verloren, wenngleich er kein Bedürfnis verspürte, zu essen. Trotz des Durchfalls.

Es spiele sich viel im Kopf ab und man mache sich schon so seine Gedanken. Viele hätten ihn angesprochen, weil sie vom Schlimmsten ausgegangen seien, geprägt von den furchtbaren Fernsehbildern aus italienischen Krankenhäusern. Aber der Rieser fügt hinzu: „So schlimm war es nicht.“ Der Gedanke, er könne jemand anderen anstecken, habe ihn jedoch stetig weiter verfolgt. Rund acht bis zehn Tage habe es gedauert, bis sich der Familienvater wieder einigermaßen fit fühlt. Seine Frau hat mit Ausschlag am Bauch und Abgeschlagenheit deutlich mildere Symptome.

Tochter im Mutterschutz soll wieder arbeiten, andere demonstrieren ohne Maske in Leipzig

Die Familie ist inzwischen wieder genesen. Eine seiner Töchter ist Krankenschwester in Mittelfranken und wird noch im Mutterschutz gefragt, ob sie zurück zur Arbeit kommen kann, der Personalmangel in den Krankenhäusern sei massiv. „Sie hat zugesagt“, erzählt der Vater. „Und dann gibt es Leute, die wegen des Virus’ randalieren und demonstrieren. Kann man das verstehen, was da in Leipzig abläuft? Ich glaube nicht.“

Den Verlauf der Coronavirus-Infektion beschreibt der 62-Jährige bei der gesamten Familie als glimpflich. „Wir haben großes Glück gehabt“, sagt er. In seinem Bekanntenkreis habe es einen Mann mit Lungen-Vorerkrankung stark getroffen. Es sei knapp gewesen. „Ich würde diese Krankheit auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen“, meint der Rieser.

Seit 30 Jahren arbeitet er als Schlosser bei Jeld-Wen. Am 5. November nimmt er seine Tätigkeit beim Oettinger Türenhersteller wieder auf. Geplant ist seine Rückkehr zwar eigentlich schon zwei Tage früher. Beim Kontrollanruf des Gesundheitsamts aber hustet er, mehr ein Räuspern eigentlich. Die Behörde verlängert die Quarantäne noch einmal, um sicherzugehen. Seine Sorge, jemand anderen angesteckt zu haben, bleibt letztlich aber unbegründet. Kontakt hat die Familie in dieser Zeit zu niemandem.

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