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Nördlingen

14.11.2014

Zwölf Stämme: Beratung durch den Aussteiger wäre heikel

Die Religionsgruppe der Zwölf Stämme in Klosterzimmern. Robert Pleyer verließ die Sekte. Nun will er Familien von Pflegekindern der Zwölf Stämme unterstützen.
Bild: Dieter Mack

Das ehemalige Sektenmitglied Robert Pleyer will Pflegefamilien beraten, die Kinder der Zwölf Stämme betreuen. Das Landratsamt sähe dadurch jedoch die Objektivität gefährdet.

Unter außergewöhnlich intensiver Anteilnahme der Zuhörer las der Zwölf-Stämme-Aussteiger Robert Pleyer kürzlich in Donauwörth (wir berichteten) aus seinem Buch „Der Satan schläft nie“; eine Lesung in Nördlingen steht kurz bevor. Pleyer bedauerte, dass das Landratsamt auf sein Angebot nicht zurück gekommen war, Pflegefamilien zu beraten, die Kinder der Sekte betreuen. Seiner Ansicht nach sind die Familien nicht ausreichend auf das spezielle Wertesystem eingestellt, das den Kindern eingeschärft wurde. So setze man ein Kind beispielsweise einem großen Konflikt aus, wenn man ihm ein Kuscheltier schenke – es nimmt das Tier an, weil es gelernt hat, keinesfalls das Ansinnen eines Erwachsenen zurückzuweisen. Andererseits hat es gelernt, dass Kuscheltiere verboten sind, weil sie vom gottgefälligen Leben ablenken. Überhaupt sind viele Annehmlichkeiten, die man einem Pflegekind bieten will, verteufelt und lösen Gewissensqualen bei den Kindern aus. Pleyer selbst und erst recht seinen eigenen Kindern sei es so ergangen und sie hätten mühevoll gelernt, neue Werte eines neuen Lebensumfeldes zu schätzen. Diese Erfahrungen wären wertvoll für den Umgang mit den Pflegeeltern.

Auf Nachfrage der Rieser Nachrichten gab Landrat Stefan Rößle zu bedenken, Behörden könnten nicht einfach jemanden als Ratgeber bei den Pflegefamilien einsetzen, der ja selbst ein Teil des Sektensystems war.

Pflegefamilien werden von Sozialpädagogen betreut

Dieses Problem habe sich schon gestellt, als Pleyer nach seinem Ausstieg das Landratsamt über die Verhältnisse in der Sekte informierte: „Wir haben die Informationen weitergeleitet, aber das war zum Teil problematisch, weil sich Pleyer vor Gericht ja mit seinen Aussagen selbst belastet hätte.“ Letztendlich hatte dieser Anlauf dann nicht die Konsequenzen, wie später die TV-Reportage mit gefilmten Prügelszenen. (Pleyer hatte seinerseits dem TV-Reporter entscheidende Informationen gegeben, um die Reportage zu ermöglichen.)

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Alfred Kanth, Leiter des Jugendamtes am Landratsamt, bestätigte, man habe Pleyers Erfahrung durchaus zu schätzen gewusst, bevor man die Kinder in Obhut nahm. Aber ihn als Berater in Pflegefamilien einzusetzen, wäre eine Gratwanderung: „Wir wären dann ja nicht objektiv. Man könnte uns vorwerfen, zu indoktrinieren, wie man es getan hat, als wir einen Sektenbeauftragten zurate zogen.“ Und er sieht es als sehr heikel an, jemanden, der die Kinder selbst geschlagen hat, ihnen nun als Helfer gegenüber zu stellen. Außerdem stimmt Kanth dem Grundsatzargument Pleyers, die Kinder der Zwölf Stämme legten eine völlig ungewohnte Haltung zutage, mittlerweile nicht mehr zu: „Die Kinder sind seit gut einem Jahr in ihrer neuen Umgebung, haben andere Aufgaben und andere Probleme.“ In dieser Situation könnte ihnen durch Erziehungsberatungsstellen geholfen werden. Und Pflegefamilien werden grundsätzlich eigens von zwei Sozialpädagogen des Landratsamtes beraten und betreut. Allerdings werde man sich Robert Pleyer nicht verschließen und auf seinen Rat zurückgreifen, sollte sich die bestehende Hilfe nicht als ausreichend erweisen.

„Ich möchte die Mithilfe nicht von Haus aus ablehnen“, erklärte auch der Landrat. So sei es in Einzelfällen durchaus üblich, dass beispielsweise Suchtkranke im Rahmen amtlicher Prävention von ihren Erfahrungen berichten. Ratschlag von Betroffenen sei also grundsätzlich willkommen.

Lesung von Robert Pleyer

Info: Robert Pleyer liest am Montag, 17. November um 19.30 Uhr in der Alten Schranne, Nördlingen aus seinem Buch „Der Satan schläft nie.“ Kartenvorverkauf bei der Buchhandlung Greno in der Fußgängerzone; Vorbestellung unter Telefon 09081/1049.

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