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Interview
10.06.2020

Liedermacher Hubert von Goisern: "Vielleicht lässt uns die Krise umdenken"

Man kennt ihn als Rebellen mit der Ziehharmonika. Jetzt versucht sich Hubert von Goisern als Autor und hat seinen ersten Roman geschrieben.
Foto: Stefan Wascher

Exklusiv Der 67-Jährige ist bekannt für Alpenrock. Jetzt hat er einen Roman geschrieben. Ein Gespräch über Corona, Verzicht und die Vorzüge eines Radl Wurst mit Brot.

Es gibt Menschen, die packen so viel in ihr Leben, dass es für drei reichen würde. Der österreichische Musiker Hubert von Goisern, 67, gehört dazu. Mit 20 verließ er sein Bergdorf Bad Goisern am Hallstätter See, um die Welt zu erobern. Er war lebte in Grönland, Tibet, den USA und Afrika, wagte Musikexperimente auf einem umgebauten Donau-Frachtschiff und auf einem Berg. Er schrieb die Filmmusik für „Schlafes Bruder“, brachte 21 Alben heraus mit Hits wie „Koa Hiatamadl“, „Brenna tuats guad“ oder „Heast as nit“.Einen Film über den Musiker, der alpine Weltmusik und modernen Rock kombiniert, gibt es bereits, gedreht von Marcus H. Rosenmüller. Nun hat sich Hubert von Goisern einen Wunschtraum erfüllt – er hat einen Roman geschrieben, allerdings unter seinem richtigen Namen Hubert Achleitner. „Flüchtig“ (Zsolnay Verlag) ist eine poetisch-musikalische Geschichte über Liebe, Sehnsucht, Loslassen und das flüchtige Glück.

In Ihrem Roman verlässt Maria nach 30 Jahren bleierner Ehe ihren Mann, nimmt sein Auto, hebt den Großteil seines Geldes ab und flieht nach Griechenland. Wie kamen Sie auf die Idee?

Hubert von Goisern: Den Gedanken dazu hatte ich schon lange. Vielen Menschen geht es sicher nach so langer Ehezeit ähnlich, viele haben die Sehnsucht, auszubrechen und woanders bei null anzufangen. Die Fantasie, es zu probieren, sollte jeder haben. In der Fremde, wo einen keiner kennt, fallen alle Muster von einem ab und auch die Vorurteile der Anderen.

Sie sind zum dritten Mal verheiratet, nun schon seit 30 Jahren mit derselben Frau. Ihr Rezept?

von Goisern: Ich habe das Glück, eine sehr tolle und tolerante Frau zu haben. Durch Tourneen und andere Projekte sind wir ja sehr oft getrennt. Dem Anderen viel Raum zu lassen ist wichtig. Wenn sich vor der Rückkehr Sehnsucht und Vorfreude einstellen, dann fühlt es sich richtig an.

Sie weiß ja auch immer, dass Sie wieder zurückkommen…

von Goisern: Beim ersten Mal nicht, aber dann schon...

Sind im Buch autobiografische Züge zu erkennen oder ist alles frei erfunden?

von Goisern: Ein Roman ist wie ein Traum. Mit Gedanken, die in der Auseinandersetzung mit dem Leben passieren. Alles darin habe ich irgendwann mal gestreift. Eigene Erfahrungen, Gehörtes, Erträumtem, Erhofftes.

Ihre Buchheldin kommt in einer Seilbahn zur Welt. Was macht das mit Menschen, wie sie werden, wie sie aufwachsen?

von Goisern: Jeder Mensch hat einen Rucksack zu tragen und es ist seine Entscheidung, ihn abzustellen, auszuräumen oder, schwer bepackt, mit ihm durchs Leben zu gehen. Die Weichen stellt sich jeder selbst, er braucht nur Mut dazu. Jeder hat die Freiheit, sein eigenes Ding mit seinen eigenen Fähigkeiten zu machen.

Im Buch ist von Begierde, Verlangen und Liebe die Rede, wie hält man da die Balance?

von Goisern: Die Liebe muss oben sein, das Verlangen muss sich mit der Liebe arrangieren. Nicht umgekehrt.

Wie haben Sie geschrieben? In Klausur?

von Goisern: Eigentlich überall, wo mir was einfiel. In meiner elektrifizierten Almhütte oberhalb von Bad Goisern, im Studio. Den Raum muss man sich selbst schaffen. Die Musik hatte in der Zeit keinen Platz, alle Instrumente wurden weggeräumt. Ich wollte den Kopf frei haben für Buchstaben, Melodien hätten gestört, das war nicht immer leicht. Es war spannend, dass die Figuren nicht immer das machten, was ich wollte, sondern ihren eigenen Kopf bekamen.

Warum erschien das Buch unter Ihrem Namen Achleitner?

von Goisern: Weil es von Hubert Achleitner geschrieben wurde und nicht von Hubert von Goisern.

Sie sollten gerade jetzt mit „Flüchtig“ auf Lesereise durch viele Städte sein, auch die Tournee mit Ihrem neuen Album „Zeiten und Zeichen“ sollte bald beginnen. Corona machte Ihnen einen Strich durch die Rechnung. Sehr enttäuscht?

von Goisern: Nein, ich war die ganze Zeit über sehr glücklich. Das Buch war kurz zuvor vollendet und für die Fertigstellung unseres Albums war das Runterkommen ideal, niemand störte, kein Lärm, kein Flugzeug. Wir waren in Studioklausur und wären das auch ohne Corona gewesen. Die Texte standen schon und das war gut so, Kreativität mit Schwere in der Luft wäre schwieriger geworden. Es gab null Stress, etwas zu versäumen. Als Vater einer Tochter war die Krise schlimm, weil sie aus London, wo das Leben ja auch gefährlich war, nicht zu uns kommen konnte. Sie lebt dort mit Freunden in einer WG, arbeitet als Filmemacherin. Und natürlich ist Corona nicht zu verharmlosen, wird uns auch sicher noch eine Weile beschäftigen. Als Künstler sehe ich speziell unsere Situation gelassener. Projekte wie Lesereise und Tourneen lassen sich 2021 ja nachholen, die Musiker bekommen Vorschuss und Unterstützung.

Was wäre zu wünschen, dass die Menschen aus der Krise lernen?

von Goisern: Wir leben im Überfluss, ein Zehntel wäre ja schon genug. Diese Hast, diese vielen Reisen, dieses „immer mehr haben wollen“. Der Klimawandel! Wenn nicht gehandelt wird, fallen uns die Berge und Gletscher auf den Kopf. Vielleicht lässt uns die Krise, diese Aus-Zeit, unseren Lebensstil neu bedenken. Man kann eben nur das machen, was geht. Wenn wir wollen, können wir eine große Veränderung herbeiführen.

Beispiele?

von Goisern: Nehmen wir die Sonntagsruhe. Ich bin ein Verfechter davon. Aber auch da wuselt es überall und man will jetzt die Geschäfte auch an diesem Tag öffnen. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und brauche diesen einen Tag Ruhe. Vielleicht auch mal in die Kirche gehen, in sich schauen und sich besinnen. Runterfahren insgesamt. Vielleicht hört jetzt auch mal das ewige Bussi-Bussi-Geben auf, ich habe auch gern physischen Kontakt, aber halt nur mit Menschen, die ich mag.

Sie leben in Salzburg, der Hochburg der Festspiele, was halten Sie von der modifizierten Form dieses Jahr?

von Goisern: Verschlankte Festspiele sind eigentlich keine. Man hätte auch ein Jahr pausieren und das ganze Jahrhundertprogramm mit dem geballten Who is Who der E-Musik ins nächste Jahr schieben können. Seit 30 Jahren habe ich mir erstmals keine Karte bestellt, weil mir das komplette Angebot von A bis Z gefiel und ich mir das weder zeitlich noch finanziell erlauben kann. Rückblickend fast visionär. In letzter Zeit waren immer mehr Glitzer, immer mehr Superstars, nur noch Superlative. Aber für Salzburg hängt halt viel von dieser Einnahmequelle ab, Hotels, Geschäfte, Lokale – alles profitiert davon. Ein kommerzieller Kreislauf.

Verzicht wäre also mit eine Option für ein besseres Leben?

von Goisern: Auf jeden Fall. Konsum bedeutet ja nicht zwangsläufig Glück. Ich gehe auch gern zu Fußballspielen oder schau sie mir im Fernsehen an – so wie Formel 1, wo ich regelmäßig einschlafe. Aber dann geht’s halt mal nicht. Ist auch keine Katastrophe! Wenn Sie zum Beispiel dauernd in einem Vier-Sterne-Restaurant speisen, sehen Sie erst, wie gut ein Radl Wurst mit Brot schmeckt.

„Future Memories“, ein Titel Ihres neuen Albums klingt so visionär, als hätten Sie beim Schreiben schon die Krise vorausgeahnt.

von Goisern: Ja, stimmt. Es handelt vom Innehalten und vom Rückblick und von der Zeit, die stehen bleibt. Als wir das neue Album „Zeiten und Zeichen“ nannten, wussten wir ja noch nichts von Corona.

Ist der Rebell Goisern mit seinen Songs nicht mehr so politisch?

von Goisern: War ich nie. Gewalt ist mir zuwider, lautes Schreien und Streit ebenso. Streit ist wie Krieg. Die Musik darf nicht für politische Zwecke missbraucht und vergewaltigt werden.

Was halten Sie von Österreichs derzeitiger Politik?

von Goisern: Ich denke, unterm Strich haben die Regierung und auch der Bundeskanzler die letzten Wochen gute Arbeit geleistet, überm Strich kann man immer was finden, was vielleicht besser gemacht werden hätte können, aber auch das ist hypothetisch. Die Ibiza-Affäre war ein Geschenk des Himmels. Ich finde, dass sich die Menschen nicht immer wegducken, sondern eine eigene Meinung haben sollten.

Sie sagten mal, die spannendste Reise geht zu denen, von denen man glaubt, dass sie einen Vogel haben. Kann man sich das überhaupt noch leisten?

von Goisern: Schauen Sie doch mal Trump, der hat den größten Vogel von allen und wird dafür noch von vielen angebetet.

Sie haben so viel erreicht, gibt es da noch Wünsche?

von Goisern: Ich würde gern einen Film drehen und Geige oder Cello lernen, aber das ist wohl zu spät und klingt bei mir leider so, wie wenn ein Tier stirbt…

Bei der Trauerfeier für Joseph Vilsmaier haben Sie neulich mit einem Jodler Gänsehaut entfacht. Er ist Ausdruck für was?

von Goisern: Er ist Ausdruck vom Leben und, wenn der Ton verebbt, auch Ausdruck von Vergänglichkeit, kraftvoller geht es kaum.

Den Durchbruch schaffte er 1992 mit „Koa Hiatamadl“. Mit seiner Mischung aus Rock, Jodeln und traditioneller Volksmusik hat Hubert von Goisern ein eigenes Genre geschaffen.
Foto: Georg Hochmuth, dpa

Fazit Ihrer langen Erfolgskarriere?

von Goisern: Ich sehe es nicht als Leistung, sondern als Geschenk und bin sehr dankbar dafür.

Sind die vielen Fans, vor allem Frauen, nicht eine ständige Verführung? Auf Facebook haben Sie sehr viele weibliche Fans...

von Goisern: Wenn ich auf der Bühne stehe, lebe ich die Liebe zur Musik, da bin ich besetzt.

Selten sieht man auf Konzerten so viele glückliche Gesichter wie bei Ihren.

von Goisern:: Ich bin ein durch und durch harmoniesüchtiger Mensch und wenn das Publikum glücklich ist, bin ich das auch.

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