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Interview
16.02.2021

Tatort-Schauspieler Ulrich Tukur: "Ich gehe gerne auf Friedhöfe"

Ulrich Tukur im Tatort "Die Ferien des Monsieur Murot".
Foto: HR/Bettina Müller

Ulrich Tukur spielt im Film „Meeresleuchten“ einen Mann, der seine Tochter verliert. Warum er trauern für wichtig und das Leben für gefährlich hält.

Herr Tukur, wie gehen Sie mit Trauer um?

Ulrich Tukur: Getrauert habe ich nach dem Tod meiner Eltern. Doch das war keine existenzielle Erfahrung, kein Schock, denn beide waren über 90, man hat das Ende kommen sehen. Ich habe tatsächlich noch nicht erlebt, dass mir jemand extrem Wertvolles von der Seite gerissen wurde.

Und wie stellen Sie es sich vor?

Tukur: Ich würde in einen Abgrund von Schmerz fallen. Was denn sonst? Aber natürlich würde ich auch hoffen, mich daraus irgendwann wieder zu erheben.

In dem Film „Meeresleuchten“ spielen Sie einen Mann, der seine Tochter bei einem Flugzeugabsturz verliert. Der Mann macht am Meer eine Kneipe auf, um seiner Tochter nahe zu sein. Das Flugzeug war in die Ostsee gestürzt. Ist das realistisch?


Schauspieler Ulrich Tukur beschreibt sich selbst als „dunkel grundiert“. Und doch schwebe da auch viel Helligkeit über ihm, sagt er.
Foto: Arne Dedert, dpa (Archivfoto)

Tukur: Ich weiß nicht, wie realistisch das ist. Wäre ich aber in einer solchen Situation, würde ich vielleicht auch auf eine Kneipe oder einen Bauernhof setzen. Wichtig ist, dass man etwas tut. Es gibt ein wunderbares Büchlein von Sir Winston Churchill: „Zum Zeitvertreib. Vom Lesen und Malen.“ Er war ein Hobbykünstler, der viele Ölbilder gemalt hat. Er schrieb: Wenn man in Not sei, Angst habe, in einer schwierigen Situation stecke, dann solle man sein Gehirn mit anderen Dingen beschäftigen. Und die müssten Spaß machen. In Churchills Fall war es das Lesen und die Malerei, die ihm in schwierigen Lebenssituationen Trost spendeten.

Daneben, so sagen viele, sei es wichtig, einen Ort zum Trauern zu haben. Wie sehen Sie das?

Tukur: Ich denke auch, dass es wichtig ist, einen Ort zum Trauern zu haben. Ich gehe gerne auf Friedhöfe, die Generation vor mir ist ja mit wenigen Ausnahmen schon verschwunden. Auch einige meiner Freunde sind viel zu früh verstorben. Frank Jürgen Krüger beispielsweise, der Gitarrist von Ideal, mit dem ich meine erste Schallplatte aufnahm und dem ich in Freundschaft verbunden blieb. Er hat ein wirklich schönes Grab auf dem Waldfriedhof Heerstraße, der in der Nähe des Olympiastadions in Berlin liegt. Da gehe ich gerne hin und unterhalte mich mit ihm. Das ist übrigens eine schöne Form der Trauer, nicht düster und lebensabgewandt, sondern in lebendiger Dankbarkeit, dass es jemanden gegeben hat. Solche Rituale sind wichtig.

Trauern wir in Westeuropa eigentlich richtig, oder müssten wir die Trauer fröhlicher angehen? Bei uns ist so viel Schmerz und so viel Negatives dabei.

Tukur: Man kann es so oder so machen. Fröhlich wie die Iren oder die Mexikaner, melancholisch wie die Portugiesen. Wichtig ist, dass es eine Kultur der Trauer gibt. Der portugiesische Fado zum Beispiel ist eine todtraurige Musik, doch ist sie nicht lebensabgewandt, im Gegenteil, sie weiß vom Leben und vom Tod und von der Vergeblichkeit allen Tuns. Aber es ist eben keine robuste germanische Depression, die sich dort Bahn bricht, eher eine mediterrane Melancholie.

Vor dem Sterben habe er den größten Respekt, sagt der Schauspieler

Im Fall des Films spielt das Meer als Kraftort eine große Rolle. Was empfinden Sie, wenn Sie aufs Meer schauen?

Tukur: Ich bin im Gegensatz zu meiner Frau, einer geborenen Hamburgerin, kein Küstenmensch. Ich bin eher der Bergtyp, der in der rhythmischen Landschaft Süddeutschlands groß wurde. Aber natürlich kann ich mich der Faszination des Meeres nicht völlig entziehen. Diese Unendlichkeit, diese Kraft! Das ist etwas unglaublich Schönes. Unser Film „Meeresleuchten“ wurde übrigens im ehemaligen Ostpreußen, auf der Kurischen Nehrung, gedreht, dort, wo einst Thomas Mann sein Sommerhaus hatte.

Ulrich Tukur im Tatort "Die Ferien des Monsieur Murot"
Foto: Bettina Müller

Im Film fällt ein Satz mit literarischer Qualität: „Der Tod ist nichts, das Leben ist alles.“ Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie selbst Angst vor dem Tod, Herr Tukur?

Tukur: Ich bin noch nicht so reif und ausgegoren, dass ich dem Tod ohne Not entgegensähe. Vorm Sterben habe ich den größten Respekt, denn das ist in der Regel keine sehr gemütliche Erfahrung. Die Aussicht, dass danach das große Nichts stünde, finde ich äußerst beunruhigend. Meine Frau sagt: Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Wenn man aber noch viel vor hat im Leben, ist der Gedanke an den Tod doch sehr unangenehm. Ich hoffe aber, dass man am Ende eines langen, erfüllten Lebens so müde ist, dass man wie nach einem anstrengenden Tag gerne ins Bett geht, um sich auszuschlafen. Der Tod sollte einen aber auch nicht zu früh ereilen. Sonst wäre das wie eine rauschende Ballnacht, der man plötzlich die Musik und das Licht abschaltet.

Sie allerdings sagen von sich selbst, Sie seien eher „dunkel gegrundet“ und melancholisch.

Tukur: Ja, ich bin dunkel grundiert, darüber schwebt aber viel Helligkeit. Das ist eine Grundenergie, die man hat oder nicht. Die Erde ist ein winziger Planet in einem eiskalten Weltall, unser Leben ist unerklärlich, alles geht irgendwann zugrunde. Aber trotzdem ist da auch Licht, Wärme und Liebe. Das hält mich am Leben. Ich könnte im Übrigen keine abgründigen Rollen spielen, wenn ich nur ein heiterer Luftikus wäre. Da muss man schon die Schwärze unter den Füßen spüren.

Welche Jahreszeit bevorzugen Sie?

Tukur: Selbstverständlich den Herbst. Ich liebe ihn, denn im Ausklang bäumt sich das Leben noch mal auf und gibt alles. Ein herbstlicher Wald ist ein Fest der Farben. Auch ein altes Haus ist in seiner Auflösung wunderschön. Schauen Sie sich Venedig an, die Stadt befindet sich im permanenten Verfall. Und wenn der Mensch nicht eingreift, ist die Strahlkraft des Untergangs von unerhörtem Zauber.

Ulrich Tukur findet: Das Leben habe ein Recht, riskant zu sein - auch in Pandemiezeiten

Wie wirkt sich denn Corona und der aktuelle Lockdown auf Ihre Befindlichkeit aus?

Tukur: Als die Pandemie anfing, war es für mich wie ein surrealer Witz. Aber dann hörte es einfach nicht mehr auf und wurde allmählich zum Albtraum. Mich beschlich das Gefühl, man wolle uns weismachen, wir steckten mitten in einer Art mittelalterlicher Pest.

Und jetzt?

Tukur: Inzwischen ist mir das alles unheimlich, am unheimlichsten aber scheint mir die hysterische Überhitzung einer Gesellschaft, die jedes Maß für Vernunft und Balance verloren hat. Dass man gefährdete Menschen schützt und Massenveranstaltungen unterbindet, steht für mich außer Frage, ansonsten aber hat das Leben das Recht, riskant zu sein. Das ist übrigens der ganze Witz und Reiz unseres Daseins, dass es gefährlich ist. Den Tod kann man nicht wegadministrieren, aber man kann die wirtschaftliche Existenz vieler Menschen ohne Not zerstören.

Ulrich Tukur wurde 1957 in Viernheim bei Mannheim als Ulrich Gerhard Scheurlen geboren. Er ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Sein neuer Film „Meeresleuchten“ läuft am Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten.

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