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USA

20.02.2017

Mann knipst jeden Tag ein Polaroid-Bild - bis zu seinem Tod

Mit einer Polaroid-Kamera dokumentierte ein US-Amerikaner sein Leben - 19 Jahre lang.
Bild: Oliver Berg, dpa (Symbolbild)

Der US-Amerikaner Jamie Livingston fotografierte 19 Jahre lang seinen Alltag. Wieso sein Lebenswerk heute Tausende Menschen aus aller Welt rührt.

Als James „Jamie“ Livingston eine Polaroid-Kamera geschenkt bekommt, ändert sich sein Leben: Fortan knipst der US-Amerikaner jeden Tag ein Foto – 19 Jahre lang. Mehr als 6500 Bilder sammeln sich dadurch an. Das letzte Foto ist verzerrt. Es zeigt Livingston im Krankenbett. Sein Mund steht offen, die Augen sind geschlossen, um das Bett herum stehen Menschen, die auf ihn herabsehen. Kurz darauf stirbt er mit gerade mal 41 Jahren an einem Hirntumor. Sein Lebenswerk – ganz buchstäblich – soll jedoch nicht mit ihm gehen. Dafür hat er gesorgt.

Jamie Livingston begann mit 22 Jahren mit dem Polaroid-Projekt

Livingstons Projekt beginnt am 31. März 1979, als er als 22-jähriger Student seine Freundin und eine weitere Frau ablichtet. Die Beiden blicken in die Ferne, lächeln. Es folgen tausende weitere Momente, die der junge Mann mit seiner Sofort-Bild-Kamera einfängt: Freunde, die sich auf einer Blumenwiese sonnen. Uni-Absolventen, mit schwarzen Hüten auf dem Kopf. Eine Familie beim Kaffeekränzchen. Die hektischen Straßen von New York. Auch Alltagsgegenstände wie eine Schreibmaschine oder Schallplatte sind auf einzelnen Bildern zu sehen.

All die Facetten, die das Leben des jungen Fotografen, Filmemachers und Zirkuskünstlers ausmachten, sind abgebildet. Denn er verfolgt den Plan, ein fotografisches Tagebuch zu erstellen. Auch dann noch, als er gegen den Krebs kämpft. Das letzte Bild fängt seine Kamera am 25. Oktober 1997 ein.

Mann knipst jeden Tag ein Polaroid-Bild - bis zu seinem Tod

In den Folgejahren sortieren und scannen Hugh Crawford und Betsy Reid die unzähligen Bilder. Sie wollen das Lebenswerk ihres Freundes veröffentlichen. Zu dessen zehntem Todestag findet eine Ausstellung am Bard Collage statt, der privaten Hochschule im Bundesstaat New York, die Livingston besucht hatte. Crawford sprach nach der Ausstellungeröffnung 2007 mit der New York Times über die Polaroid-Bilder seines Freundes. Er sagte: „Stehen sie für sich, haben sie oft keinen tieferen Sinn. Reiht man sie aber aneinander, verselbstständigen sie sich.“

Polaroid-Blog ist im Internet inzwischen weit bekannt

Außerdem stellt Crawford einen Blog unter dem Titel „Some Photos of the Day“ ins Internet. Tausende Menschen aus aller Welt klicken sich inzwischen durch die Bilder – und sind gerührt. Ein Mann namens Andrés Castillo kommentiert das Bild des 8. Oktobers 1996: „Ich wollte sehen, was andere Menschen am Tag meiner Geburt getan haben – und ich liebe es.“

Zum 12. Juni 1995 schreibt Margaret Aziz: „Mein jüngster Sohn wurde an diesem Tag geboren. Ich erinnere mich, dass es ein Montag war und die Sonne schien wie auf diesem Bild.“ Weggefährten Livingstons entdecken sich und schreiben: „Das bin ich“. So finden viele Erinnerungen auf dem ungewöhnlichen Blog zusammen – an Tage, an denen die Menschen vor den Traualtar getreten sind oder einen Verwandten beerdigen mussten.

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