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Coronavirus

21.08.2020

Steigende Fallzahlen: Drohen nun weitere Corona-Beschränkungen?

Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen. Drohen wieder striktere Maßnahmen?
Bild: Annette Zoepf (Archivbild)

Plus Zuletzt gab es in Deutschland über 1700 Neuinfektionen in 24 Stunden - so viele wie seit April nicht mehr. Virologe Thomas Stamminger verrät im Interview, ob die Maßnahmen nun wieder strenger werden müssen.

Herr Professor Stamminger, die Zahl der Corona-Neuinfektionen stieg in den vergangenen Tagen stark an. Befinden wir uns schon in der zweiten Welle?

Thomas Stamminger: Von einer zweiten Welle würde ich noch nicht sprechen. Aktuell gibt es noch kein exponentielles Wachstum. Es wird außerdem deutlich mehr getestet. Aber wir beobachten unbestritten ein reelles Wachstum. Das liegt einerseits an Urlaubern, die eine Corona-Infektion mit zurückbringen. Andererseits aber auch an den jungen Leuten, die nachlässiger werden. Wir verzeichnen deutlich mehr Ansteckungen unter jungen Menschen.

Am Mittwoch meldeten die Gesundheitsämter mehr als 1700 Infektionen innerhalb eines Tages - so viele wie seit April nicht mehr. Sind die Zahlen genauso gefährlich wie im Frühjahr?

Stamminger: Sie sind besorgniserregend. Man darf sie auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen. Abstand, Hygiene, Alltagsmaske - das sind nach wie vor die wichtigsten Maßnahmen, die wir treffen können. Allerdings werden sie nicht mehr so eingehalten. Und das halte ich für sehr gefährlich.

 

Wird die Gesellschaft insgesamt nachlässiger?

Stamminger: Sie entwickelt sich in zwei unterschiedliche Pole. Da gibt es die einen, die zu nachlässig sind oder das Virus ganz leugnen und schon aus Prinzip keine Corona-Regeln beachten. Und es gibt diejenigen, die immer noch im Homeoffice arbeiten und sich aussperren. Das ist aber beides falsch, denn wir müssen mit dem Virus leben. Erst mit einer Impfung wird es besser werden - bis es die gibt, wird es aber noch einige Zeit dauern.

Stamminger schließt strengere Corona-Maßnahmen nicht aus

Müssen daher wieder strengere Corona-Maßnahmen gelten?

Stamminger: Das ist schwierig zu sagen. Es hängt sehr stark von der Disziplin der Menschen ab. Wenn sie sich nicht daran halten, muss irgendwann der Bund wieder eingreifen. Ich schließe nicht aus, dass manche Lockerungen zurückgenommen werden.

 

Neben den von Ihnen genannten Urlaubsrückkehrern entwickeln sich auch private Feiern zu Corona-Hotspots. Wie gefährlich sind solche Partys?

Stamminger: Der Kontakt ist hier das entscheidende Kriterium. Auch auf privaten Feiern ist es möglich, Ansteckungen zu verhindern. Wenn die Gäste allerdings keinen Abstand halten, dann können sich die Aerosole ungehindert verbreiten.

Professor Thomas Stamminger ist Virologe an der Uniklinik Ulm.
Bild: Universitätsklinikum Ulm

Einige sehen im föderalistischen System Deutschlands einen entscheidenden Vorteil im Kampf gegen das Virus. Sollten dennoch einheitliche Regeln gelten, was beispielsweise private Feiern betrifft?

Stamminger: Die unterschiedlichen Infektionszahlen in Deutschland rechtfertigen die unterschiedlichen Regelungen. Allerdings ist das für Bürger oft schwer zu durchschauen - gerade, wenn man im Grenzgebiet zweier Bundesländer lebt. Aus medizinischer Sicht würden aber nicht überall einheitliche Regelungen Sinn ergeben. Was keiner will, ist ein zweiter Lockdown. Noch sind wir davon ein Stück entfernt.

Stamminger: Fasching und Großveranstaltungen bleiben unrealistisch

Ein Stück entfernt sind wir zwar auch noch vom Fasching, dennoch gibt es schon jetzt große Diskussionen um die fünfte Jahreszeit. Glauben Sie, dass der Fasching stattfinden kann?

Stamminger: Das halte ich nicht für realistisch - gerade unter der Bedingung des Karnevals, wenn Alkohol fließt.

Haben Sie für die Weihnachts- und Christkindlmärkte mehr Hoffnung? Sie fallen ja ohnehin in die Erkältungs- und Grippezeit...

Stamminger: Prognosen sind schwierig. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sie stattfinden können - unter der Voraussetzung, dass sich die Menschen diszipliniert verhalten. Wir dürfen auch nicht vergessen: Nicht nur das Coronavirus wird durch die Masken eingedämmt, sondern auch die Influenza. Als die Maskenpflicht eingeführt wurde, verschwand die Grippe nahezu komplett. Ich gehe also davon aus, dass die Grippewelle in diesem Jahr deutlich schwächer ausfallen könnte.

Halten Sie es angesichts der aktuellen Zahlen für realistisch, dass bald wieder Fans bei Fußballspielen oder Konzerten im Stadion sitzen?

Stamminger: Nein. So gerne ich auch selbst wieder ein Konzert besuchen würde: Gerade durch den Anstieg an Fallzahlen, den wir aktuell verzeichnen, bin ich da sehr zurückhaltend.

Zur Person: Thomas Stamminger (58) ist Professor an der Uniklinik Ulm. Dort leitet er das Institut für Virologie. Außerdem ist er Vizepräsident der Gesellschaft für Virologie.

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Die Diskussion ist geschlossen.

22.08.2020

Es ist doch völlig schwachsinnig, nach "Fallzahlen" zu agieren! Wenn ich 100.000 Leute teste, finde ich vielleicht 1000 Infizierte. Und wenn ich 300.000 Leute teste, finde ich 3000 Infizierte. Die Fallzahl hat sich verdreifacht. Hat sich die Infiziertenrate dabei verdreifacht?
Natürlich nicht! Wichtig ist, wieviel Prozent der Getesteten infiziert sind, ganz einfach. Und wenn sich die Prozentzahl der Infizierten von 1% auf 2% ändert, dann ist Alarm angesagt!

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22.08.2020

Wir machen hier alle hübsch Männchen, damit das Virus ohne Obergrenze vom Balkan eingeschleppt werden kann?

Ich denke so wird das nicht mehr lange funktionieren

Entweder man lässt dieses Sommer- und Heimaturlaub-Bolsonaro 2.0 durchlaufen oder man setzt mit Grenzschließungen oder Quarantäneeinrichtungen an den Grenzen die Komplementärmaßnahme zu den Einschränkungen im Inneren.

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22.08.2020

Grenzschließungen und Quarantäneeinrichtungen sind nicht durchführbar. Tausende Reiserückkehrer an der Grenze einzusperren scheint auch nicht so richtig durchdacht zu sein, ohne jetzt gleich an einfache Köpfe zu denken.

Schnelle Tests mit schnellen Rückinformationen dürfte die einzigen Mittel sein. Verschlafen hat es die bayerische Staatsregierung und das war an der peinlichen Panne mit der unqualifizierten Hauruck-Aktion nicht zu übersehen.
Dass allerdings zum Ende der Reiserückkehrer immer noch nicht auf eine schnelle Digitalisierung in den Gesundheitsämtern gesetzt werden kann ist im Grunde heute ein Armutszeugnis, denn genügend Zeit war mittlerweile vorhanden.

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22.08.2020

Es bleibt die Frage, wer an den Außengrenzen der Bundesrepublik im Pandemiefall zu VERPFLICHTENDEN Kontrollen berechtigt ist.

Ich glaube Söders Grenzpolizei darf das nicht, da können die Digitalzeugs was auch immer haben.

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21.08.2020

Laut Statistisches Bundesamt ( Destatis) gibt es keine Übersterblichkeit.
Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Gesellschaft/bevoelkerung-sterbefaelle.html

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22.08.2020

Die enorme Übersterblichkeit an den Corona-Hotspots sind Tatsachen und nicht zu übersehen?

Bergamo, ja selbst in Tirschenreuth denkt man noch mit Schrecken daran.
Wäre es in ganz Deutschland so, hätten die Särge wohl nicht ausgereicht.

So wie die Zahl der Infizierten heute aussehen und der Trend so weiter geht, könnten schneller als Gedacht ein Mangel an Särgen entstehen. Denken sie bitte daran und verhalten sie sich entsprechend.

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22.08.2020

Trotzdem hat H. Alfred W. recht: Wenn es eine tödliche Seuche wäre, müsste man dies an den Sterbezahlen erkennen!
Wenn die Sterbefälle 2020 ähnlich wie 2019 und 2018 ausfallen, ist es keine tödliche Seuche sondern eine Art Grippe, an der die "Risikopatienten" früher sterben, als sie normalerweise gestorben wären. Und deshalb muss man diese Gruppe besonders schützen!
Ein zweiter Gesichtspunkt sind natürlich die Krankenhausplätze. Wenn diese nicht mehr ausreichen muss man Maßnahmen ergreifen!

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22.08.2020

Alois R., wir haben in Deutschland keine Übersterblichkeit, weil die Bemühungen der Regierung, die Pandemie einzudämmen, hier bisher relativ erfolgreich waren. In anderen Ländern wie den USA sieht das ganz anders aus. So schwer ist das doch eigentlich nicht zu verstehen, oder?

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22.08.2020

"So schwer ist das doch eigentlich nicht zu verstehen, oder?"
.
Mit dem Verstehen scheinen sie ein Problem zu haben! Entscheidend ist die Sterblichkeitsrate PRO JAHR!
Erst wenn diese Zahl in einem Lannd wirklich höher ist, ist es auffällig!

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22.08.2020

@Alois R.

Lieber Alois, es würde mich interessieren, was sie mit ihrer Feststellung eigentlich bezwecken.
Sie sollten doch froh sein, dass die Pandemie in Deutschland verhältnismäßig gut verlaufen ist. In anderen Ländern ist das nicht der Fall, obwohl es auch dort das gleiche Covid19 ist. Es wird vermutet, dass die Ursache der starken Ausbreitung und damit der Übersterblichkeit in manchen Ländern an einer beratungsresistenten Führung des Landes liegt.

Aber auch in Deutschland sind Corona Hotspots aufgetreten wie z.B. im Landkreis Tirschenreuth mit einer vermuteten Übersterblichkeit von 55 %.
Wesentlich schlimmer noch in der Provinz Bergamo in Italien.
Zitat aus Focus online:
"Schockierende Daten aus BergamoPandemie-Hotspot Italien: Studie zeigt Übersterblichkeit von bis zu 578 Prozent"

Von einer Art Krippe zu sprechen halte ich deshalb für grob fahrlässig, denn es war auch in Bergamo Covid19 und nichts anderes.

Es heißt also weiterhin vorsichtig sein um möglichst wenig Hotspots entstehen zu lassen. So zu tun als wäre es nur eine Krippe ist absolut kontraproduktiv.

Und sie wollen ernsthaft warten bis die Krankenhausbetten nicht mehr ausreichen und dann erst Maßnahmen ergreifen?
Gehts noch?

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22.08.2020

Nehmen wir mal folgenden Vergleich Herr R.: Eine Motorradstrecke ist so beliebt, wie gefährlich. Jährlich fordert sie xx Todesopfer. Die Behörden handeln, erlassen ein Wochenendfahrverbot, ordnen eine starke Geschwindigkeitsreduzierung an, die auch streng überwacht wird. Die Unfälle gehen daraufhin zurück, tödliche Unfälle gibt es keine mehr.

Sie folgern daraus dann was? Die Strecke ist gar nicht so gefährlich, das sieht man ja. Alle Maßnahmen total überzogen?

Es ist das Paradoxon der Prävention, dass ihr Erfolg nicht als Wirksamkeit der Maßnahmen belobigt wird, sondern die Leute von Hysterie und übertriebenen Reglementierungen sprechen.

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22.08.2020

@Richard M. : Erstmal bin ich bestimmt nicht ihr lieber Alois!
Zweitens ging es um Folgendes:
"Es ist doch völlig schwachsinnig, nach "Fallzahlen" zu agieren! Wenn ich 100.000 Leute teste, finde ich vielleicht 1000 Infizierte. Und wenn ich 300.000 Leute teste, finde ich 3000 Infizierte. Die Fallzahl hat sich verdreifacht. Hat sich die Infiziertenrate dabei verdreifacht?"
.
Es ging um die Aussagefähigkeit der "Fallzahlen". Jeder seriöse Wissenschaftler würde niemals so argumentieren! Häufigkeiten werden in Prozenten o.ä. gemessen, aber nicht an Fallzahlen!

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23.08.2020

Hallo Alois,
gerne diskutiere ich mit ihnen.
Trotzdem liegen sie völlig falsch, denn der Anteil der Neuinfektionen steigt. Teilweise weil mehr in Altenheimen und Krankenhäusern getestet wird, teilweise wegen Reiserückkehrer und Familienfeiern. Das zusätzliche Testen kann dazu führen, dass die Gesundheitsämter reagieren und Maßnahmen ergreifen können. Mittlerweile steigt die Zahl der Neuinfizierten auf rund 2.000.

Folgendes haben sie selbst mitgeteilt:
"Entscheidend ist die Sterblichkeitsrate PRO JAHR! Erst wenn diese Zahl in einem Lannd wirklich höher ist, ist es auffällig!"

Alois, alles was recht ist, aber wenn sie abwarten wollen bis die Sterblichkeitsrate pro Jahr steigt oder die Krankenhausplätze nicht mehr ausreichen, ist es für viele Menschen zu spät. Das wollen sie doch sicher nicht.
Selbstverständlich ist die Sterblichkeitsrate in einzelnen Landkreisen gestiegen, ganz abgesehen von der Provinz Bergamo in Italien, NewYork, Brasilien und an vielen anderen Orten. Das Covid19 kann tödlich sein, insbesondere wenn nicht schnell genug reagiert wird.

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