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Weißrussland

04.08.2020

Diese drei Frauen wollen Diktator Lukaschenko stürzen

Weronika Zepkalo, die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa sind angetreten, um die Ära Lukaschenko zu beenden.
Bild: Sergei Grits, dpa

Der Dauerpräsident will sich für eine sechste Amtszeit wieder wählen lassen, doch diesmal fordern den Diktator aus Minsk drei Aktivistinnen heraus.

Von Alexander Lukaschenko stammt der würdelose Ausspruch: „Besser Diktator sein als schwul.“ Gesagt hat der weißrussische Präsident den Satz einst über Guido Westerwelle. Der damalige deutsche Außenminister hatte versucht, Lukaschenko zu einer Westöffnung zu bewegen. Mit dem Effekt, dass in Minsk zehntausende Menschen auf die Straße gingen, um gegen den seit 1994 herrschenden „letzten Diktator Europas“ zu protestieren. Das nahm Lukaschenko dem Deutschen übel, aber auch seinen eigenen Landsleuten. Er ließ sie von Sonderpolizisten niederknüppeln und zu Hunderten einkerkern.

All das geschah nach Lukaschenkos manipuliertem Sieg bei der Präsidentenwahl 2010. Zehn Jahre später wird in der ehemaligen Sowjetrepublik am 9. August wieder gewählt. Wieder hat das Regime alle Vorkehrungen getroffen, um den Sieg des Diktators zu garantieren. Doch etwas ist diesmal anders. Diesmal strömen die Menschen bereits vor der Abstimmung zu Zehntausenden auf die Straßen, um gegen Lukaschenkos gnadenlose Dauerherrschaft zu demonstrieren. Vor allem aber bekommt es der starke Mann aus Minsk, der den Machostil liebt und mit 65 Jahren noch Eishockey spielt, mit drei jüngeren Frauen zu tun. Insbesondere mit Swetlana Tichanowskaja, 37, deren Name „die Stille“ bedeutet, die aber nicht still sein will.

Wahl in Weißrussland: Die lähmende Angst scheint sich zu verflüchtigen

Vielmehr will Tichanowskaja „Präsidentin werden, um in unserem Land Gerechtigkeit herzustellen“. So sagte es die gelernte Lehrerin und Dolmetscherin, die mühelos Plätze und Stadien bei ihren Auftritten füllt, in einer Fernsehansprache. Am Donnerstag versammelten sich dann nach Angaben der Opposition mehr als 60.000 Menschen im Park der Völkerfreundschaft etwas außerhalb des Stadtzentrums von Minsk, um Tichanowskaja und sich selbst Mut zu machen. „Ihr habt genug davon, zu leiden und zu schweigen und Angst zu haben?“, rief die Kandidatin ihren Anhängern zu und antwortete mit zum Himmel gereckter Faust: „Es reicht mit der Angst. Es ist Zeit, Widerstand zu leisten.“

Ihre eigene Angst hat Tichanowskaja abgelegt, als Lukaschenko ihren Ehemann Sergej Ende Mai in ein Sondergefängnis werfen ließ. Der Videoblogger hatte selbst bei der Wahl antreten wollen und eine nicht genehmigte Kundgebung organisiert. Das reichte zur Internierung. Ähnlich erging es Ex-Bankchef Wiktor Babariko, der lange als aussichtsreichster Lukaschenko-Herausforderer gehandelt wurde. Doch das Regime überzog den 56-Jährigen mit Korruptionsvorwürfen. Im Juni wurde er festgenommen. Für Babariko führt seine Kampagnenmanagerin Maria Kolesnikowa den Wahlkampf weiter. Dritte im Bunde der Oppositionsfrauen ist Weronika Zepkalo, deren Ehemann Waleri ebenfalls kandidieren wollte, aber nach seiner Nichtzulassung mit den gemeinsamen Kindern nach Moskau floh. Tichanowskaja dagegen erhielt von Lukaschenko die Erlaubnis zur Kandidatur. Er überlässt ihr sogar Redezeit im streng zensierten Staatsfernsehen. Weil er sie nicht ernst nimmt? Dafür spricht viel angesichts der Persönlichkeit des Diktators, der noch nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er sich allem und jedem überlegen fühlt. Zum Beispiel dem Coronavirus, das er von Anfang an nicht ernst nahm. Die Pandemie erklärte er zu einer „Massenpsychose“. Einen Lockdown schloss er aus. Großveranstaltungen blieben erlaubt. Lukaschenko behauptete, eine Covid-19-Erkrankung überstanden zu haben, ohne Symptome und „aufrecht auf beiden Beinen“. Wie ein echter Mann eben.

Coronavirus in Weißrussland: Inoffiziell könnte die Pandemie weiter verbreitet sein

Bei vielen Menschen in der ehemaligen Sowjetrepublik kommt diese Politik der unterlassenen Hilfeleistung allerdings gar nicht gut an. Die Behörden in Belarus zählten bislang zwar nur rund 67.000 Corona-Infektionen und 550 Tote. Inoffiziell jedoch werden ganz andere Statistiken gehandelt. Und die drei Frauen, die Lukaschenko herausfordern, stoßen mit ihrer ehrlichen Art auf sehr viel stärkere Resonanz als der selbstgefällige Präsident. Vor allem Tichanowskaja, der gefeierte Star des Trios. Bei ihrem Auftritt im Park der Völkerfreundschaft erinnerte sie an Prügelszenen nach der Verhaftung Babarikos: „Ich habe die Sonderpolizisten gesehen und gedacht, was macht ihr da? Das sind eure Brüder und Schwestern, eure Mütter und Kinder.“ Der Jubel und die „Schande“-Rufe dürften allerdings nichts daran ändern, dass Tichanowskaja bei der Wahl am 9. August ebenso chancenlos ist wie drei weitere, vom Regime handverlesene Zählkandidaten. Die Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) haben seit 1994 noch keine einzige Abstimmung in Weißrussland als demokratisch bewertet. Im Gegenteil: Manipulationen und Fälschungen gehören zum Programm.

Mysteriöse Festnahme von angeblichen Russen in Minsk

Deshalb ist derzeit auch völlig unklar, was es wirklich mit der Festnahme von 33 Russen in Minsk Mitte dieser Woche auf sich hatte. Lukaschenko erklärte die Männer zu Söldnern, die im Auftrag des Kremls Unruhen in Weißrussland organisieren sollten. Russland dementierte zwar sofort. Sollte es nach der Wahl zu Massenprotesten kommen, läge nun aber bereits eine Begründung vor, um „zurückzuschlagen“.

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