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Glosse: Riesensauerei, Abzocke - Warum wir uns so über das Porto aufregen

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Kommentar Von Michael Stifter
04.06.2019

Der Standardbrief der Deutschen Post kostet künftig 80 statt 70 Cent, also zehn Cent mehr. Eine Lappalie? Von wegen!

Auf der Liste der Dinge, über die sich der Deutsche verlässlich leidenschaftlich aufregt, steht das Briefporto ziemlich weit oben. Irgendwo zwischen dem Sommer (zu heiß oder zu kalt), den Spritpreisen (immer zu Ferienbeginn total hoch), der Aufstellung der Fußball-Nationalelf (der Jogi gehört jetzt auch mal weg) und natürlich der Bundesregierung (die machen doch eh, was sie wollen) gehört die traditionelle Erhöhung der Versandgebühr für einen Standardbrief zu den stärksten Blutdruckerhöhern der Republik.

Zum 1. Juli also wieder unglaubliche 10 Cent mehr. In Worten: zehn Cent! Pro Brief! Riesenschweinerei, Abzocke, aber mit mit uns kann man es ja machen!

Liegt es daran, dass die Post mal ein Staatskonzern war?

Angesichts der allgemeinen Preissteigerungen im täglichen Leben – sagen wir mal für Lebensmittel, Busfahrkarten oder Mieten – scheinen die paar Cent eigentlich eine Lappalie zu sein. Zumal wir doch sowieso immer weniger Briefe verschicken. Privatpost macht nur noch einen Anteil von 13 Prozent aller Sendungen aus. Im vergangenen Jahr haben die Damen und Herren in Gelb zwar immerhin noch rund eine Milliarde private Briefe und Karten zugestellt – das war aber ein Drittel weniger als noch vor zehn Jahren.

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Bedeutet: Der deutsche Durchschnittshaushalt gibt monatlich ungefähr 2,34 Euro für Briefmarken aus. Dafür kriegt man im Café um die Ecke nur mit viel Glück einen Cappuccino. Nebenbei bemerkt: Ist es nicht wunderbar, dass das Statistische Bundesamt solche Dinge für uns ausrechnet? Aber zurück zum Thema: Woher kommt denn nun diese kollektive Volksempörung? Stefan Schulz-Hardt sucht die Antwort in der Vergangenheit der Deutschen Post als Staatskonzern. Er ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie und sagt: „Im Verbund mit anderen Preiserhöhungen wie etwa bei der Bahn sowie Steuerlasten, die als zu hoch empfunden werden, stellt sich so leicht beim Bürger das Gefühl ein, der Staat schröpfe ihn und ziehe diese Schraube immer weiter an.“

Portoerhöhung: Der nächste Aufschrei kommt bestimmt

Ein weiterer Grund für das überproportional hohe Erregungspotenzial: Portogebühren werden fast immer bar bezahlt und nicht automatisch vom Konto abgebucht, wie etwa Stromkosten, bei denen viele Kunden gar nicht so richtig merken, wenn der Tarif mal wieder erhöht wurde. Und überhaupt – bei kleinen Summen fällt die Steigerung ja sowieso mehr ins Gewicht.

Ab Juli also 80 Cent. Vorerst. Denn die nächste Erhöhung kommt bestimmt. Und der Aufschrei auch. Dafür geben wir schon heute Brief und Siegel.

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In Zeiten von E-Mail und WhatsApp werden deutlich weniger Briefe verschickt. Es sind aber immer noch Milliarden Sendungen. Wenn die Post das Porto erhöht, trifft es deshalb fast jeden. Entsprechend heftig wird diskutiert.
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05.06.2019

Mein - immer noch aktuelles - Schreiben (ohne Anlagen) vom August 2016 an die für Genehmigung von Portoerhöhungen zuständige Bundesnetzagentur, zuletzt verschickt Anfang 2019 - ohne Antwort:

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Anbetracht der aktuellen Medienmeldungen, wonach die Deutsche Post beabsichtigt, das Porto für einen Standardbrief auf 80 Cent anzuheben, möchte ich Ihnen einige Anmerkungen aus der Sicht eines kritischen Verbrauchers zukommen lassen.
Zunächst möchte ich Ihnen einige Hinweise zur praktizierten Servicequalität geben, nachdem der zuständige Postvorstand Jürgen Gerdes hat verlauten lassen, dass gemessen am Serviceangebot das Abschicken eines Briefes in Deutschland sehr preisgünstig sei. Mein nachstehender E-Mailverkehr mit der Deutschen Post zeigt das Gegenteil auf! Herauszustellen ist dabei, dass sich dabei der Zustellumfang um rd. 17% reduziert hat.
Wenn ich darüberhinaus die verschiedenen Portoerhöhungen seit Anfang 2013 bis zu den jetzt geforderten 80 Cent aufaddiere, komme ich kumuliert auf eine Steigerung von 45%. Berücksichtigt man noch die Reduzierung des Zustellservices, ergibt sich eine Preiserhöhung von rd. 62%.
Dies nur damit zu rechtfertigen, dass man damit auf den europäischen Durchschnitt aufschließt, halte ich für einen Skandal. Gefühlsmäßig müsste das m.E. unter den "Wucherparagraphen" fallen.
Darum müßte sich die zuständige Bundesnetzagentur einmal kümmern, und nicht, wie schon bei der letzten Portoerhöhung auf 70 Cent, den Antrag der Deutschen Post mit fadenscheinigen Argumenten einfach durchwinken.

Ich lassen Ihnen diese E-Mail zukommen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, auch einmal die konkrete Erfahrung von Verbrauchern in Ihre Verhandlungen mit de Deutschen Post einfließen zu lassen.

Mit freundlichen Grüßen.

Clemens Keil

PS:
1. Wie ich der Presse entnehme, ist mittlerweile sogar von einer Erhöhung auf bis zu 90 Cent die Rede!
2. Die zuständige Bundesnetzagentur hüllt sich immer noch in Schweigen und antwortet nicht!
3. Ihr Kontaktformular ist fehlerhaft:
Fehlermeldung: Die E-Mail-Adresse Internet-Webredaktion ist inkorrekt.Die E-Mail-Adresse InternetWebredaktion ist inkorrekt.

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