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Hintergrund: Die Suche nach dem Wir-Gefühl auf dem Kirchentag

Hintergrund

Die Suche nach dem Wir-Gefühl auf dem Kirchentag

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    Lichter teilten sich die Besucher des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Dortmund am Eröffnungsabend.
    Lichter teilten sich die Besucher des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Dortmund am Eröffnungsabend. Foto: Stefan Arend, epd

    Auf dem 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Heimspiel. Ein doppeltes sogar. „Westfalen ist meine Heimat“, grüßt er beim Eröffnungsfest die Teilnehmer. Beinahe wäre Steinmeier hier sogar Kirchentagspräsident geworden. Doch ein anderes Präsidentenamt ist ihm vor zwei Jahren dazwischengekommen. Also spricht der SPD-Politiker als höchster Repräsentant der Bundesrepublik. „Was für ein Vertrauen“, die Losung des Kirchentags ist auch sein Anliegen. Vertrauen in die Zukunft Deutschlands, auch wenn es erhebliche Probleme gibt, die Politik und Gesellschaft zu lösen haben.

    „Demokratie und Freiheit sind angewiesen auf die, die für sie streiten. Mischt euch ein!“, appelliert er an die Kirchentagsbesucher. „Suchen wir nicht das stille Kämmerlein oder die passende Echokammer.“ Denn das Vertrauen erodiere, wo die Grenze des Sagbaren und Unsäglichen verschwimmt, wo über Nichtigkeiten ein Shitstorm losbreche, „wo das Gebrüll einiger weniger den Anstand der vielen übertönt“, schildert Steinmeier in der riesigen Westfalenhalle die Fehlentwicklungen der digitalen Kommunikation. Zehntausend Besucher hören ihm hingerissen zu und spenden immer wieder Beifall. Steinmeier gibt die moralische Autorität, wo viele Bürger klare Orientierungen vermissen.

    Entschieden widerspricht der Präsident der Haltung der Googles, Facebooks und Amazons, die Digitalisierung müsse der Demokratie auf die Sprünge helfen. Es gehe vielmehr darum, die

    Evangelischer Kirchentag: Steinmeier will breiten Austausch in Deutschland

    Steinmeier schwebt ein breiter Austausch im Lande vor, um eine Ethik des Digitalen zu entwerfen, die eine Ethik der Freiheit und Menschenwürde ist, und – da hält er es mit dem Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant – aus der selbst verschuldeten digitalen Unmündigkeit auszusteigen. „Was programmiert worden ist, kann auch neu programmiert werden“, betont der Bundespräsident Nein, er ist kein Feind des Fortschritts, zumal er um die Chancen des Digitalen allein in der Medizin weiß. Das Digitale in Bausch und Bogen zu verdammen („nicht jeder ist mit der gleichen Euphorie unterwegs“), wäre auch reichlich realitätsfern in einem Land, wo neun von zehn Menschen online sind und den technischen Wandel für unaufhaltsam halten.

    Das Eitle möchte Steinmeier aus der Debatte ziehen, damit „eine echte Kontroverse über Chancen und Nachteile der Digitalisierung“ geführt wird. Dazu erzählt das Staatsoberhaupt, wie die Kumpels der letzten Zeche des Ruhrgebiets ihm kurz vor Weihnachten die letzte Steinkohle gebracht haben – mit Tränen in den Augen, aber voller Stolz. „Wir haben 200 Jahre lang Berge versetzt, warum soll uns das nicht auch in Zukunft gelingen?“, habe ihm ein Bergmann gesagt „angesichts scheinbarer Ohnmacht gegenüber dem tief greifenden Wandel“.

    Eine „aufrüttelnde Rede“ habe er gehalten, bescheinigt der Moderator dem Bundespräsidenten. Was ist zu ergänzen? Die Generationenfrage. „Junge Menschen sind dank digitaler Medien näher beisammen als je zuvor“, sagt der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Und die Folgenabschätzung hinke ständig dem Fortschritt hinterher, warnt er. „Es ist eine Entgleisung, wenn wir Menschen auf Zahlen und Daten reduzieren. Dann steht am Ende die Diktatur der Transparenz.“

    In der Westfalenhalle steht am Ende das große Wir. „Ich bin 63 Jahre alt, ich habe weiße Haare und ich freue mich unglaublich auf die Zukunft“, sagt Steinmeier, „als Mensch und Christ“. Alle klatschen.

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