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Ex-Außenminister

05.03.2019

Klaus Kinkel ist tot: Erinnerungen an ein letztes Gespräch

Der frühere Außenminister und Vizekanzler Klaus Kinkel ist gestorben.
Bild: Gregor Fischer, dpa (Archiv)

Klaus Kinkel war BND-Chef, Außenminister, Vizekanzler und Vorsitzender der FDP. Nun ist er gestorben. Ein Nachruf auf einen Mann mit Ecken und Kanten.

Sankt Augustin am Rhein, ein unauffälliges Einfamilienhaus im Grünen, etwas außerhalb der Stadt. Der Hausherr öffnet in sportlicher Kleidung. Er war gerade mit dem Hund unterwegs, zum Umziehen blieb keine Zeit. Auch ansonsten ist das kein gewöhnlicher Interview-Termin. Klaus Kinkel erzählt in den folgenden fast drei Stunden so offen wie selten aus seinem Leben. Aus seinem Leben als Politiker in der ersten Reihe, als Vizekanzler und Bundesaußenminister. Wie er einmal ganz undiplomatisch eine Türe eingetreten hat. Wie ihm die große Bühne und das ständige Scheinwerferlicht zunehmend auf die Nerven gegangen sind. Und warum er besser nicht FDP-Chef hätte werden sollen.

Aber es geht an diesem Vormittag in Kinkels Wohnzimmer nicht nur um große Politik. Er gibt auch zu, wie hoch der Preis war, den die Familie für den beruflichen Erfolg des vierfachen Vaters zu zahlen hatte. Er spricht über den tragischen Tod seiner Tochter. Und er erzählt von einem Arztbesuch, der damals erst ein paar Tage zurücklag – und keine guten Nachrichten brachte.

Zehn Monate ist es her, dass Klaus Kinkel uns die Tür geöffnet hat. Die Tür zu seinem Haus im Rheinland, das bis unters Dach vollgepackt ist mit Büchern, die neben dem Sport seine große Leidenschaft waren. Und die Tür zu seinem Leben. Am Montag ist der langjährige Minister an Krebs gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. Der gebürtige Baden-Württemberger war einer der letzten Zeitzeugen der alten Bonner Republik – und ein Mann, der nie lange drum herum redete.

Klaus Kinkel, Franz Josef Strauß und Helmut Schmidt
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Das politische Leben von Klaus Kinkel in Bildern
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Genscher war Kinkels politischer Ziehvater

Als persönlicher Referent des damaligen Innenministers Hans-Dietrich Genscher und später als Chef des Bundesnachrichtendienstes erlebt er den RAF-Terror in vorderster Front mit. Als Bundesaußenminister unter Kanzler Helmut Kohl gestaltet er die neue Rolle des wiedervereinigten Deutschland in der Welt. Kinkel ist kein Meister der großen Inszenierung, kein guter Selbstvermarkter. „Ich konnte das nicht besonders gut, war eher der Typ schwäbischer Raubauz“, gibt er in unserem Gespräch zu. Ein Mann mit Ecken, an dem man sich reiben konnte, manchmal auch musste. Trotz seiner Liebe zum Lesen: Seine eigenen Erinnerungen wollte er nie aufschreiben. „Erstens bin ich nicht so wichtig. Zweitens bin ich zu faul und habe auch keine Lust, in der Bahnhofsbuchhandlung als Restposten verkauft zu werden“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Ich erzähle die alten Geschichten lieber meinen Enkeln. Oder Ihnen.“

Mit dem Ende der Ära Kohl 1998 beginnt auch für Kinkel die schwierige Entwöhnung von der Politik. Er spielt jetzt wieder mehr Tennis und geht Skifahren oder Laufen. Die Familie – samt Hund – rückt endlich in den Mittelpunkt seines Lebens. „Mit meinen Kindern habe ich viel versäumt. Das versuche ich jetzt bei meinen Enkeln nachzuholen“, erzählt er und fügt nachdenklich hinzu: „Ich habe es wohl nur meiner klugen Frau zu verdanken, dass unsere Ehe nicht gescheitert ist. Sie hat den Laden zusammengehalten.“ Das gilt besonders für die Zeit, nachdem die älteste Tochter 1982 verunglückt war. Ein Tag, der Kinkel bis zu seinem eigenen Tod nie losließ.

„Sie war 20 Jahre alt, hat in Münster studiert, hatte gerade ein Stipendium für Amerika. Ich hatte sie noch am Vortag besucht, wir sind zusammen mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren. Am nächsten Tag ist sie auf dem Rad von einem Bus erfasst worden“, erinnert er sich. Der Schicksalsschlag hat auch seine Politik beeinflusst. Als Justizminister kümmert er sich später um das Thema Organspende. „Ich konnte nachempfinden, wie einen das zerreißt. Rational weiß man, wie wichtig es ist, Organe zu spenden. Emotional war ich nicht in der Lage, das bei meinem eigenen Kind zuzulassen.“

FDP-Bundesparteitag im Jahr 2011: Der damalige Bundesaußenminister Guido Westerwelle mit seinem Amtsvorgänger Klaus Kinkel.
Bild: Michael Kappeler, dpa

Kinkel war der politische Ziehsohn der FDP-Legende Genscher, dem er nicht nur als Außenminister, sondern auch als Parteichef nachfolgte. „Wir haben uns nie geduzt, uns aber gegenseitig hoch geachtet“, sagt er in unserem Interview über das Verhältnis der beiden Liberalen. Genscher war sein Vorbild – obwohl die beiden Männer unterschiedlicher kaum sein konnten. „Ich war viel weniger Diplomat als er, sondern eher eckig, auch in der Sprache manchmal ein bisschen derb“, gibt Kinkel zu und liefert den Beweis gleich mit: „Einmal war ich bei den Vereinten Nationen in New York. Dort gab es nicht genug Räume. Um sich zu Gesprächen zurückziehen zu können, wurden Kabinen aus Sperrholz aufgestellt. Und da klemmte eine Tür. Meine Mitarbeiter erzählen sich heute noch, wie der Kinkel damals diese Tür eingetreten hat.“

 

Seine Zeit ist eine Zeit des Umbruchs, die Sowjetunion bricht zusammen, Europa lässt den Kalten Krieg hinter sich. Die Welt sortiert sich neu und Kinkel arbeitet daran mit – immer gesprächsbereit, selbst wenn es um Despoten oder religiöse Fanatiker geht. Was von ihm bleibt, sind keine epochalen Weichenstellungen, sondern es ist pragmatische, solide Arbeit. Zum FDP-Vorsitzenden fühlt er sich nicht gerade berufen. Er übernimmt das Amt 1993, obwohl ihm nicht nur seine Frau davon abrät. „Irgendwann kam ich mir vor wie ein Zirkuspferd, das jeden Tag in einer neuen Arena auftreten muss“, erinnert er sich an zwei glücklose Jahre, nach denen er – entnervt von internen Machtspielchen – aufgibt.

Klaus Kinkel: "Trump ist wie ein Kind"

Auch im hohen Alter mischt sich Kinkel noch in aktuelle politische Debatten ein. Vor allem das angespannte Verhältnis zwischen Deutschland und den USA lässt ihn nicht los. „Wenn man erlebt hat, was die Amerikaner nach dem Krieg für uns getan haben, wie sie uns in der Zeit der Teilung geholfen haben – dann bleibt einem die Luft weg und man ist traurig, wie dilettantisch Trump heute in der Weltpolitik herumfuhrwerkt“, klagt er in unserem letzten Gespräch und räumt ein, froh zu sein, keine politische Verantwortung mehr tragen zu müssen. Denn einen Masterplan, wie die Bundesregierung mit dem amerikanischen Präsidenten umgehen sollte, hatte auch er nicht. „Trump ist wie ein Kind. Ihm geht es nur um sich selbst. Eigentlich müsste man über ihn lachen – kann es aber nicht. Denn es ist eher zum Fürchten. Schließlich ist er der mächtigste Mann der Welt.“

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Kinkel war eben ein Freund klarer Worte – bis zum Schluss. Und er hatte Spaß daran, humorvoll Anekdoten zu erzählen. Doch manches behielt er auch für sich. „Ich habe in meiner aktiven Zeit viele Dinge erlebt, die heute Riesenschlagzeilen machen würden, damals aber vertraulich blieben“, sagt er zum Abschied und lächelt vielsagend. Was denn zum Beispiel? Das werde er vielleicht im nächsten Interview verraten. Dazu kam es nicht mehr.

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