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Interview

01.11.2019

Onkologin im Interview: "Krebs ist ein Armutsrisiko"

Krebspatienten leiden nicht nur unter einer körperlichen, emotionalen und seelischen Erschöpfung, auch die finanzielle Situation kann sich durch die Erkrankung verschlechtern.
Bild: Jan-Peter Kasper, dpa (Archivbild)

Eine Tumorerkrankung ist nicht nur eine körperliche Belastung. Sondern oft auch eine finanzielle. Sabine Schatz-Gutmann, erklärt, warum das so ist.

Frau Schatz-Gutmann, als Psycho-Onkologin beraten Sie bei der Bayerischen Krebsgesellschaft in Augsburg Menschen mit einer Tumorerkrankung. Immer öfter hört man, dass Krebserkrankungen auch in die Armut führen – stimmt das?

Sabine Schatz-Gutmann: Ja, Krebs ist ein Armutsrisiko.

Warum – es gibt doch Krankengeld?

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Schatz-Gutmann: Zum einen führt eine Krebserkrankung zu steigenden Ausgaben – etwa in Form von Zuzahlungen für Medikamente, aber auch, weil zum Beispiel viel mehr Arztbesuche anstehen und somit hohe Fahrtkosten entstehen. Zum anderen sinken durch die Erkrankung die Einnahmen, und zwar trotz Krankengeld. Es ist ja so, dass Krankengeld ganz erheblich weniger Geld bedeutet, weil die Patienten nur einen gewissen Prozentsatz ihrer früheren Löhne oder Gehälter erhalten. Ganz dramatisch ist eine Krebserkrankung oft für Selbstständige, wenn sie sich nicht rechtzeitig und umfassend abgesichert haben. Selbstständige fallen oft direkt in Hartz IV.

Was ist die wichtigste Absicherung?

Schatz-Gutmann: Selbstständige sollten so krankenversichert sein, dass sie auch Krankengeld bekommen, und eine Berufsunfähigkeitsversicherung ist für alle empfehlenswert.

Und es gibt noch die Erwerbsminderungsrente...

Schatz-Gutmann: Sie bedeutet aber in der Regel, dass die Betroffenen sehr viel weniger Geld zur Verfügung haben. Das Niveau ist oft wirklich sehr gering. Daher beobachten wir mit großer Sorge, dass die Krankenkassen immer häufiger Krebspatienten direkt in die Erwerbsminderung drängen. Hintergrund ist, dass viele Krebstherapien heute länger laufen und Patienten auch oft mehr Zeit für ihre Erholung brauchen. Die Krankenkassen fordern die Betroffenen dann auf, eine Reha zu beantragen, und dieser Antrag kann dann in einen Rentenantrag ,umgedeutet’ werden.

Ist das Armutsrisiko durch eine Krebserkrankung für jüngere oder für ältere Patienten größer?

Schatz-Gutmann: Das Armutsrisiko ist für jüngere Patienten oftmals größer, weil sie weniger Rücklagen aufbauen konnten. In ganz schwierige finanzielle Situationen geraten viele Alleinerziehende, die nur Teilzeit gearbeitet und keinen Partner haben, der sie finanziell stützt. Und es sind vor allem an Krebs erkrankte Frauen stärker von Armut bedroht. Das hat mit ihren Erwerbsbiografien zu tun, in denen oft Pausen für die Kindererziehung waren oder Phasen, in denen nur Teilzeit gearbeitet wurde. Viele dieser Frauen sind dann aber ganz knapp über der Grenze, ab der sie Grundsicherung beantragen können – eine finanzielle Katastrophe. Das erlebe ich sehr oft.

Aber viele Krebserkrankungen sind heute wenigstens besser heilbar...

Schatz-Gutmann: Mit dem Wort heilbar wäre ich vorsichtig. Grundsätzlich ist es natürlich sehr positiv, dass die Therapien zu immer besseren Erfolgen führen. Viel zu oft aber werden die bleibenden Folgen vergessen, die Krebserkrankungen für die Betroffenen bedeuten. Das Leben sehr vieler Menschen, die an Krebs erkranken, wird nie mehr so wie früher.

Das müssen Sie bitte erklären.

Schatz-Gutmann: Das beginnt schon damit, dass viele Krebspatienten sehr lange unter einer körperlichen, emotionalen und seelischen Erschöpfung leiden, die sich Menschen ohne diese Erkrankung gar nicht vorstellen können. Tumor-Fatigue heißt dieser Zustand extremer, anhaltender Müdigkeit, der sich auch beispielsweise durch Ausschlafen nicht verbessert. Viele Krebspatienten können die Leistung, die sie früher brachten, einfach nicht mehr schaffen. Das erschwert sehr oft die Rückkehr in den alten Beruf und hier vor allem in eine Vollzeittätigkeit. Hinzu kommt, dass Krebserkrankungen, die aufgrund der Entstehung von Metastasen nicht mehr heilbar sind, heute erfreulicherweise mit einer Lebenserwartung von mehreren Jahren verbunden sein können. Die Erkrankung nimmt bei diesen Betroffenen also einen chronischen Verlauf. Diese Menschen sind aber schwer krank und können meist nicht mehr arbeiten.

Sie müssen also mit den schweren körperlichen und psychischen Belastungen leben und zusätzlich mit finanziellen...

Schatz-Gutmann: So ist es. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die extrem gestiegenen Mieten etwa in einer Stadt wie Augsburg: Viele Patienten stehen dann da und können sich ihre Wohnung nicht mehr leisten. Sie haben sehr oft eine doppelte Existenzangst.

Zur Person: Sabine Schatz-Gutmann, 61, berät seit über 17 Jahren Menschen in der Bayerischen Krebsgesellschaft in Augsburg.

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