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Hintergrund

06.04.2021

Putschgerüchte und ein Prinz unter Hausarrest: Es brodelt am Königshof in Jordanien

Jordaniens König Abdullah II. ist als weltoffen bekannt.
Foto: Kay Nietfeld, dpa (Archivbild)

Jordanien gilt als Hort der Stabilität inmitten der Unruheregion des Nahen Ostens. Ausgerechnet von dort kommen nun Putschgerüchte. Was hinter den Geschehnissen steckt.

Das kleine Königreich im Nahen Osten ist so etwas wie ein Hoffnungsträger in einer Region, in der viel zu häufig Chaos, Krieg und Unterdrückung regieren. Die Nachbarn fast allesamt Sorgenkinder: Syrien im Norden, Irak im Osten, das große Saudi-Arabien mit seinem System staatlicher Repressionen gleich nebenan. Wie anders erschien da Jordanien: Nicht nur die Hochglanz-Illustrierten liebten die schöne Königin Rania, auch die internationale Politik schätzte König Abdullah II. als strategisch wichtigen Partner. Entsprechend hektisch wurde es in den Regierungszentralen von Washington bis nach Moskau, als jetzt ausgerechnet von dort Putschgerüchte nach außen drangen und das Land in eine Krise stürzten. Angeblicher Auslöser: Prinz Hamsa, der jüngere Halbbruder des amtierenden Königs.

Ein Bild aus dem Jahr 2006: Hamsa bin Hussein (rechts), damaliger Kronprinz von Jordanien.
Foto: Mohammad Abu Ghosh, dpa

Der Prinz steht eigenen Angaben zufolge seit Samstag unter Hausarrest. Gegen ihn soll es eine Untersuchung wegen Verschwörung geben, wie mehrere US-Medien berichteten. Sein Vergehen: Er hatte ein Video veröffentlicht, in dem er Korruption und schlechte Regierungsführung anprangerte. Die Rede war von Festnahmen, Einschüchterungen und Drohungen gegen Kritiker des Königs. Gegner würden mundtot gemacht. Dieses System habe entschieden, "dass seine persönlichen Interessen, seine finanziellen Interessen, dass seine Korruption wichtiger sind als das Leben, die Würde und Zukunft der zehn Millionen Menschen, die hier leben". Der Sicherheitsapparat um Abdullah II. reagierte umgehend – schlechte Publicity kann der König nicht brauchen. Denn der Einfluss des Landes hängt ganz wesentlich mit dem Ruf des Königs zusammen: Erst die Anerkennung des Westens macht Jordanien zum Machtfaktor in der Unruheregion.

Unruhe im jordanischen Königshaus: Mehrere Verdächtige festgenommen

Am Montagabend teilte der königliche Hof dann mit, dass Prinz Hamsa seine Loyalität gegenüber König Abdullah II. bekräftigt habe. Er habe eine entsprechende Erklärung unterzeichnet. "Die Interessen des Heimatlandes müssen über allem stehen, und wir alle stehen hinter Seiner Majestät, dem König, in seinen Bemühungen, Jordanien und seine nationalen Interessen zu schützen", hieß es darin. Untersuchungen hätten ergeben, dass Leute aus dem Umfeld des Prinzen zu "destabilisierenden" Kräften in Kontakt stünden, sagte der jordanische Außenminister Aiman al-Safadi. Mehrere Verdächtige wurden festgenommen.

König Abdullah II. regiert Jordanien seit 1999.
Foto: Kay Nietfeld, dpa

Der Konflikt zwischen Hamsa und Abdullah II. ist weit weniger überraschend, als es scheint. Hamsa wollte einst selbst König von Jordanien werden. Er war bis 2004 Thronfolger des Königshauses, doch dann setzte der König ihn ab. In einem Dekret hieß es damals, König Abdullah II. wolle seinen Halbbruder von den "Zwängen" seiner Position befreien, um ihm andere Möglichkeiten zu geben. Abdullah II. ernannte schließlich seinen eigenen Sohn zum neuen Kronprinzen. Die Fehde zwischen den beiden wurde nie wirklich beigelegt.

Kritik ist in Jordanien unbeliebt

Hinzu kommt: So weltoffen Abdullah II. im Vergleich zu anderen Autokraten in der Region erscheint – ein freies Land ist Jordanien nicht. Kaum nahmen die Meldungen um den angeblich putschenden Halbbruder Fahrt auf, erließ das Königreich eine Nachrichtensperre. Man will die Ermittlungen auf jeden Fall aus der Öffentlichkeit fernhalten. Ohnehin sind das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit stark eingeschränkt. Aktivisten und Journalisten landen immer wieder hinter Gittern. Was genau hinter dem Machtkampf hinter den Palastmauern steckt, ist daher kaum zu klären. So manchem dürfte ohnehin daran gelegen sein, dass in Jordanien alles so bleibt wie bislang: Dem Westen gilt Abdullah II. als wichtiger Partner. Und das nicht nur, weil die Monarchie bereits Mitte der 90er Jahre einen Friedensvertrag mit Israel geschlossen hat – anders als seine Nachbarn, die den jüdischen Staat am liebsten von der Landkarte tilgen würden.

Man kennt sich: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Jordaniens König Abdullah II. bei einem Berlin-Besuch im Oktober 2016.
Foto: Kay Nietfeld, dpa (Archivbild)

Jordanien hat zudem hunderttausenden Flüchtlingen aus Syrien eine Heimat gegeben. 700.000 syrische Vertriebene sind in dem Königreich registriert. Für diesen humanitären Kraftakt erhielt Abdullah II. im Jahr 2019 die "Lampe des Friedens" in Assisi, Kanzlerin Angela Merkel hielt die Rede auf ihn. Seit 2017 sind im Rahmen der Anti-IS-Koalition Bundeswehr-Einheiten in Jordanien stationiert. Berlin lässt sich die Freundschaft durchaus etwas kosten: Deutschland ist nach den USA zweitgrößter Geber von Entwicklungshilfegeldern. Jordanien kämpft unter anderem mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit und einer schlechten allgemeinen Versorgungslage. In einer Umfrage im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) gaben 26 Prozent der Jordanier an, in den vergangenen zwölf Monaten darüber nachgedacht zu haben, ihr Land zu verlassen.

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