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Schicksal

27.02.2017

Säure-Opfer Vanessa Münstermann: Warum sie ihre Narben zeigt

„Ich habe ein verbranntes Gesicht“, sagt Vanessa Münstermann. Ihr Ex-Freund hat sie mit Schwefelsäure übergossen. Die 28-Jährige schämt sich nicht.
Bild: Hauke-Christian Dittrich, dpa

Vanessa Münstermann wurde von ihrem Ex-Freund mit Rohrreiniger übergossen. Seither ist ihre Haut voller Narben. Doch die 28-Jährige versteckt sich nicht und will anderen helfen.

Vanessa Münstermann ist gezeichnet, sie trägt Narben im Gesicht. Vor kurzem hat sie sich die Worte „Two Face“ in ihr Dekolleté tätowieren lassen. Da war dieser „Batman“-Film, den sie zuletzt gesehen hat – und der Bösewicht „Two-Face“, der sie an ihr eigenes Aussehen erinnerte. Und irgendwie passt das auch zu ihrer Situation. „Ich sehe mein Gesicht nicht als eins“, sagt die 28-Jährige. „Ich verkrafte es besser, wenn ich mein Gesicht in zwei Hälften teile.“

Seit einem Jahr ist das so. Seit ihr Ex-Freund sie mit Säure übergossen hat. Ihre linke Gesichtshälfte war eine einzige Fleischwunde, als Münstermann sich im Krankenbett für örtliche Zeitungen fotografieren ließ. Das war als Botschaft zu verstehen: Ich verstecke mich nicht, mich kriegst du nicht klein. Seitdem wurde sie mehr als 20 Mal operiert.

In einem Büro in Hannover plant Münstermann gerade ein Zukunftsprojekt: Sie hat den Verein „AusGezeichnet“ gegründet und will Menschen mit ähnlichem Schicksal helfen. Die junge Frau mit dem grau gefärbten Haar wirkt quirlig, steckt voller Energie. Sie trägt einen kleinen Ring in der Nase und einen Ohrring. Ihr zweites Ohr wurde fast weggeätzt. Das linke Auge ist trübe, das Lid hängt herunter. Die Säure war über das Gesicht geflossen und hat bis zum Oberkörper wulstige Narben und Rötungen hinterlassen.

Ein Tattoo mit dem Schriftzug "Two Face" ziert das Dekolleté von Vanessa Münstermann.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa

Häufig haben Opfer in solchen Fällen einen Filmriss – ein psychologischer Schutzmechanismus, sagen Experten. Münstermann dagegen kann sich an alle Einzelheiten erinnern. Es ist Montag, der 15. Februar, gegen 5.30 Uhr, in Hannover: Wie jeden Morgen geht die Kosmetikerin mit ihrem Hund, der Beagle-Dame Kylie, aus dem Haus. Ihr Ex-Freund Daniel F., der ihr im Dunkeln auflauert, weiß das. In seiner Jackentasche hält er in einem Glas abgefüllten industriellen Rohrreiniger griffbereit. Der Sicherheitshinweis auf der Verpackung ist eindeutig, vor schweren Haut- und Augenschäden wird gewarnt. Dann geht alles ganz schnell. „Er kam aus dem Gebüsch, ich hatte keine Chance wegzurennen“, erinnert sie sich. „Ich habe eine einstweilige Verfügung gegen dich“, lügt sie, will ihn vertreiben. Doch da kippt er ihr schon die Schwefelsäure ins Gesicht.

Eine Frau hört ihre Schreie, eilt zu Hilfe. „Fasst mich nicht an“, ruft sie instinktiv und spuckt die Säure aus. Im Krankenwagen fällt sie in Ohnmacht.

Zwölf Tage Koma nach der Säure-Attacke

Nach zwölf Tagen erwacht sie aus dem Koma. Einen Spiegel bringt man ihr im Krankenhaus nicht. Doch sie sieht sich in den Scheiben der Intensivstation. „Oh Scheiße!“, denkt sie sich beim ersten Mal. Mehr nicht. Die Medikamente, mit denen sie vollgepumpt wird, lindern die Schmerzen und dämpfen die Gefühle. Ihr linkes Ohr fehlt, ein Auge ist fast komplett zerstört, der Mund hängt schief. Das Schockfoto aus dem Krankenhaus mit dem blutig verkrusteten Gesicht steht immer noch auf ihrer Facebook-Seite.

Säureangriffe wie sie Vanessa Münstermann erlebt hat, gibt es immer wieder. In Deutschland aber sind sie nach Einschätzung der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ eine Seltenheit. Da ist der Fall einer Frau, die in einem Hamburger Jobcenter arbeitet – und dort im November 2016 von ihrem Noch-Ehemann mit Salzsäure übergossen wird. Oder der Fall in Nordrhein-Westfalen, als ein 39-Jähriger seiner Freundin aus Eifersucht Schwefelsäure über den Kopf schüttet. Die Opfer sind in der Regel Frauen, die Täter zurückgewiesene Männer, sagt Birte Rohles, Referentin bei „Terre des Femmes“. „Die Täter wollen die Frauen damit ihr Leben lang zeichnen, ihnen eine Zukunft verbauen.“

Dieses private Handyfoto zeigt das Säureopfer Vanessa Münstermann vor dem Anschlag in Hannover.
Bild: Vanessa Münstermann, dpa (Archivbild)

Deutlich häufiger kommen Säureangriffe in anderen Ländern vor. In Bangladesch, Indien, Pakistan, Afghanistan und im Iran. Von dort aus ging die tragische Geschichte von Amene Bahrami um die Welt. Die junge Frau studiert Elektrotechnik in Teheran, sie will ihr Leben selbst bestimmen. Den Heiratswunsch ihres Kommilitonen Madschid Mowahedi lehnt sie ab, sie kann ihn nicht leiden. „Heirate mich oder ich mach dich unglücklich“, droht er ihr einmal. „Ich werde dich verbrennen.“ Im November 2004 verfolgt er die 26-Jährige, eine Karaffe durchsichtiger Flüssigkeit in der Hand und schleudert ihr die Säure ins Gesicht. Es brennt wie Feuer, als diese sich in ihr Gesicht, ihre Augen und Lippen frisst, ihre Arme und Hände verätzt. Sie zerstört das linke Auge sofort, ihr Körper ist aufs Äußerste entstellt. Zig Male wird Bahrami in den nächsten Jahren in Barcelona operiert, verliert auch ihr rechtes Auge.

Über Jahre kämpft Bahrami dafür, Vergeltung üben zu dürfen. 2009 spricht ihr ein iranisches Scharia-Gericht das Recht zu, den Täter zu blenden. Bahrami tingelt durch Talkshows, verteidigt sich in Interviews und bringt ein Buch heraus: „Auge um Auge“. Mowahedi müsse büßen, er müsse bestraft werden, so wie er sie strafte. „Ich möchte die zwei Augen von Madschid, damit Männer danach Angst haben, Frauen zu belästigen.“ In letzter Sekunde aber verzichtet sie darauf, seine Augen mit Säure zu verätzen. Sie habe dem Täter verziehen, erklärt die heute 38-Jährige.

Ex-Freund hat Vanessa Münstermann mit Säure übergossen

Vanessa Münstermann, die Frau aus Hannover, sagt über ihren Peiniger: „Er ist ein traumhaft schöner Mann. Aber wenn ich das Aussehen mal weglasse, hätte ich viel früher sehen müssen, dass der total bekloppt ist.“ Die beiden lernten sich im Sommer 2015 in einem Chat-Forum kennen, führten zunächst eine „Bilderbuchbeziehung“. So schilderte es Münstermann als Nebenklägerin in dem Gerichtsprozess gegen den Angreifer. Beide waren Adoptivkinder, das verband sie.

Doch bald häuften sich Streit und Spannungen. Daniel F., der wegen Gewalt- und Drogendelikten vorbestraft war, fand sie eifersüchtig und kontrollsüchtig. Sie warf ihm Flirts mit anderen Frauen vor. Es kam zur Trennung. Doch F. terrorisierte sie telefonisch, beleidigte sie über soziale Medien. Sie zeigte ihn am 14. Februar 2016 wegen Stalkings und Gewalt an. Noch am selben Tag stand die Polizei vor seiner Tür. Einen Tag später verätzte er seine Ex-Freundin mit Schwefelsäure. „Sie haben sich rächen wollen“, sagte der Richter zum Motiv. Der 33-Jährige wurde vom Landgericht Hannover zu zwölf Jahren Haft wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Der Ex-Freund von Vanessa Münstermann wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa (Archivbild)

Seit der Säureattacke musste Münstermann dutzende Eingriffe über sich ergehen lassen. Bis ans Lebensende wird sie körperlich und seelisch unter den Folgen leiden. Und sie hat Angst um ihr Leben, sollte sie ihrem Peiniger irgendwann wieder begegnen. „Mir graut es davor, wenn er aus dem Gefängnis rauskommt.“ Ein solches Gefühl der Bedrohung kann ein Opfer in tiefe Depressionen stürzen. Vanessa Münstermann war schon immer eine Kämpferin. Sie versteckt sich nicht wie andere Menschen, deren Gesicht entstellt ist. Mit ihrem Verein will sie Opfern in ähnlichen Situationen am liebsten schon auf der Intensivstation helfen.

Säure-Opfer ziehen sich oft aus der Gesellschaft zurück

Pro Jahr erleiden in Deutschland nach Angaben des Selbsthilfeverbandes Cicatrix 700.000 Menschen eine Verbrennung, dazu zählen auch Opfer von Strom und Säure. Etwa 18.000 von ihnen müssen im Krankenhaus, 3000 in einem Brandverletztenzentrum behandelt werden. Viele ziehen sich zurück, sagt Eva Aumann, Präsidentin von Cicatrix. „Man fühlt sich so, als ob man der einzige Betroffene sei.“ Petra Krause-Wloch, Vorsitzende des Bundesverbandes für Brandverletzte, meint: „Unsere Gesellschaft toleriert nur ganz, ganz schwer andersartige Menschen.“ Viele Betroffene verstecken sich, gehen zum Beispiel nur im Dunkeln spazieren.

Münstermanns Botschaft ist dagegen: „Seht her, sprecht mich an!“ An diesem Tag trägt sie knallroten Lippenstift, ihre Narben hat sie mit Theaterschminke abgedeckt. Dass andere sie anstarren oder auslachen, sei die Ausnahme, sagt sie. Gerade Jüngere machten ihr Komplimente. „Ich hätte selbst nicht gedacht, dass ich nach einem Jahr wieder so aussehe“, sagt die 28-Jährige. Doch natürlich gibt es auch die Tage, an denen sie sich einfach nur die Bettdecke über den Kopf ziehen will.

Als Münstermann vor einem Jahr auf der Intensivstation des Brandverletztenzentrums der Medizinischen Hochschule Hannover aufwachte, saßen ihre besten Freundinnen an ihrem Bett. Der Unterstützerkreis „We love Vanessa“ hatte sich gegründet. Andere Opfer mussten nach ihrem Eindruck fast alleine klarkommen. Ihnen will sie helfen.

Die meisten Brandverletzten hatten Unfälle im Haushalt, Gewaltopfer sind die Ausnahme. Insgesamt aber erlebten 2015 mehr als 104.000 Frauen in Deutschland Gewalt durch ihren Partner, mit oft lebenslangen Folgen für Körper und Seele, heißt es bei „Terre des Femmes“. Der Opferschutz müsse sich verbessern, fordert Rohles. „Häufig kann die Polizei nur tätig werden, wenn bereits etwas passiert ist.“

Ein Auge wurde beim Säure-Angriff schwer beschädigt

Der Anschlag hat s Leben verändert. Vorher arbeitete sie als Angestellte in der Tankstelle ihres Stiefvaters. Jetzt lebt sie von Krankengeld. „Natürlich ist die Existenzangst da“, sagt sie. „Ich bin wirtschaftlich wertlos.“ Sie hat massive Probleme mit dem fast komplett zerstörten Auge: Sie sieht nur noch etwa 15 Prozent, die Wimpern wachsen nach innen. „Mein Auge kann jederzeit platzen“, sagt sie.

Vanessa Münstermann musste sich zahlreichen ärztlichen Behandlungen unterziehen. Ihr Auge wurde beim Säure-Angriff schwer verletzt.
Bild: Hauke-Christian Dittrich, dpa

Und der Täter? Im Prozess zeigte Daniel F. kaum Reue, eher stellt er sich selber als Opfer dar. Der Richter bescheinigte ihm in der Urteilsbegründung großes Selbstmitleid. „Ich möchte keine Revision einlegen, in anderen Ländern hätte ich die Todesstrafe erhalten“, sagte F. Später bat er den Richter gar per Brief um eine höhere Strafe, wollte 15 Jahre hinter Gitter. Sein Verteidiger aber reichte Revision ein. Der Bundesgerichtshof hat darüber noch nicht entschieden.

Daniel F. schreibt seinem Opfer Briefe, „von wegen er liebt mich noch“. Doch aus seinen Zeilen scheine keine Reue. „Er schreibt, als ob wir einen Autounfall hatten. Nach dem Motto: ,Wir müssen da jetzt durch.‘“ Sein Anwalt sagt, von den Briefen wisse er nichts. Münstermanns größter Wunsch ist es, dass ihr Ex-Freund sie vergisst. Besonders vor Operationen, deren Narkosen sie schlecht verträgt, kommen Hassgefühle in ihr auf. „Ich sitze dann in meinem Zimmer und denke, er hat zwar Gitter davor, aber ich kann jetzt auch nicht einfach rausstiefeln und sagen, ich gehe jetzt shoppen. Er hat mich mit eingesperrt – und wenn es nur in meiner eigenen Haut ist.“

Im Krankenhaus plagte sie die Angst, nie wieder einen Mann abzukriegen. Doch dann lernte sie schon in der Reha einen jungen Mann kennen, weitere Flirts folgten. „Natürlich kann ich auch wieder Gewalt in der Beziehung erleben. Aber wenn ich mich einschränken würde, hätte Daniel das geschafft, was er wollte“, sagt die 28-Jährige. In ein paar Jahren möchte sie wieder bei ihren Eltern ausziehen, die ihr nach dem Anschlag das Dachgeschoss des Hauses zur Verfügung stellten. „Vielleicht ein Partner, der mich so akzeptiert wie ich bin, vielleicht auch mal Familie gründen, so schwierig sich das auch anhört mit mir – das wäre schön!“ mit dpa

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