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Gesellschaft

04.04.2020

Wie Kinder unter der Corona-Krise leiden

Jugendhelfer, Kinderschutzbund und Kommunen warnen vor zunehmender Gewalt in Familien.
Bild: Alexander Kaya (Symbol)

Plus Jugendhelfer, Kinderschutzbund und Kommunen warnen vor zunehmender Gewalt in Familien. Kinderheime fühlen sich im Stich gelassen - obwohl dort die Probleme immer größer werden.

Noch schaffen es die Betreuer in der Jugendhilferichtung „Zuhause auf Gut Hemerten“, dass die Stimmung unter den 19 Kindern und Jugendlichen in der Corona-Krise nicht kippt. Die freie Jugendhilfe-Einrichtung in Münster im Landkreis Donau-Ries kümmert sich um schwer traumatisierte Minderjährige.

„Derzeit wird uns wie wohl auch vielen Eltern bewusst, wie viel eigentlich Lehrer in der Schule leisten“, sagt der pädagogischer Leiter des kleinen Heims, Patrick Heining. „Einen Lehrer können weder wir noch all die Apps und per E-Mail verschickten Arbeitsblätter ersetzen.“ Dass derzeit die Schule ausfällt, ist für zahllose Heime und Jugendhilfe-Einrichtungen in Deutschland ein Riesenproblem.

Corona-Schutz im Heim Zuhause auf Gut Hemerten: „Niemand spricht über die Pädagogen, die derzeit überall in Deutschland ohne Mundschutz Kinder in den Arm nehmen und Tränen trocknen“
Bild: Patrick Heining

Jugend- und Sozialhilfe fühlen sich in der Corona-Krise im Stich gelassen

„Unsere Einrichtungen schließen nicht, sondern arbeiten rund um die Uhr weiter“, sagt Max Ruf vom Dachverband für private Träger in der Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe VPK in Bayern. „Unser Problem ist, dass wir nun auch die Vormittagszeiten in der Betreuung abdecken.“ Doch die überwiegende Zahl der 96 bayerischen Landratsämter sei bislang nicht bereit, die zusätzliche Leistung zu bezahlen. Nur das Landratsamt Unterallgäu habe die Übernahme der Kosten angekündigt. „Unsere Träger werden hier im Stich gelassen, obwohl öffentlich stets bekundet wird, wie wichtig deren Arbeit ist“, kritisiert Ruf.

 

Auch der Geschäftsführer des kleinen Heims in Münster, Christian Heining, hat das gleiche Problem: „Uns ärgert es, dass wir um Gelder für unser zusätzliches Personal bitten und betteln müssen.“ Im Tagessatz sei die zusätzliche Vormittagsbetreuung nicht enthalten. „Wir wissen bis heute nicht, ob wir die Kosten für die Mehrbetreuung und die Überstunden, die unsere Mitarbeiter aus großem Engagement leisten, jemals erstattet bekommen.“

Niemand spricht über Pädagogen, die auch in der Corona-Krise Kinder betreuen

Dabei leisteten die Heimpädagogen immens viel: „Die Krise zehrt an den Nerven aller: Wir betreuen stark traumatisierte Kinder, die unter der Situation zusätzlich leiden: Sie dürfen ihre Eltern nicht sehen und auch ihre Besuche zu Hause sind nicht mehr möglich“, sagt er. „Und niemand spricht über die Pädagogen, die derzeit überall in Deutschland ohne Mundschutz Kinder in den Arm nehmen und Tränen trocknen.“ Stattdessen drohten Heime in Existenznot zu geraten, wenn sie die Überstunden der Mitarbeiter nicht mehr zahlen könnten.

„Wenn durch die Krise Jugendeinrichtungen finanziell kollabieren, wird es in der Zeit nach Corona noch schlimmer: Wir hören jetzt schon, dass die häusliche Gewalt zunimmt, lesen von Familientragödien, Verzweiflungstaten und dramatischen wirtschaftlichen Folgen“, warnt Heining. „Da kommt noch viel Arbeit auf die Jugendhilfe zu.“

Städtebund warnt vor Gewalt in Familien wegen Ausgangsbeschränkungen

Dies sieht auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund so: „Es besteht die Befürchtung, dass es durch die Ausgangsbeschränkungen und die Kontaktsperre in den nächsten Wochen verstärkt zu Gewalt in Familien kommen kann“, warnt Städtebund-Geschäftsführer Gerd Landsberg.

 

„Problematisch ist, dass persönliche Kontakte zwischen Jugendämtern und Familien derzeit die Ausnahme sind“, betont er. „Die Kinder besuchen auch nicht mehr die Kitas, die Schule oder die Sportvereine, Orte, an denen ein möglicher Missbrauch entdeckt werden könnte.“ Jugendämter versuchten nun über Telefon, Mail oder Videoanrufe Kontakt zu den Familien mit Hilfebedarf zu halten. In Härtefällen würden die Kinder oftmals weiter in Kitas und Schulen betreut. „Notwendig wäre es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern zu den systemrelevanten Berufen zu zählen und sie mit Schutzkleidung auszustatten. Dann könnten auch Hausbesuche stattfinden.“

Kinderschutzbund berichtet von widersprüchlichen Signalen

Belastbare Zahlen, die einen Anstieg von Gewalt belegen, lägen bislang nicht vor. Die Signale sind widersprüchlich, berichtet der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers. „Die bundesweite Beratungshotline Nummer-gegen-Kummer verzeichnet aktuell etwa 20 Prozent mehr Anrufe von Eltern und Kindern, die sich mit ihren Sorgen dorthin wenden.“ Zugleich berichteten Jugendämter aber von abnehmenden Fremdmeldungen von Kindeswohlgefährdungen. „Die abnehmenden Meldungen haben wohl eher ihre Ursache darin, dass übliche Frühwarnsysteme wie Kita, Schule und Kinderärzte aktuell entweder eingestellt sind oder nur noch im Notbetrieb arbeiten.“

Das größte Problem sei, dass in vielen ärmeren Familien zu beengten Wohnverhältnissen nun auch noch die Angst vor dem Verlust der Arbeit komme. Hilgers fordert eine unbürokratischen Zahlung von 90 Euro pro Kind und Monat als Sofort-Nothilfe: „Wer Armut und Existenzsorgen lindert, der trägt ganz konkret auch zu Gewaltprävention bei“, betont der Kinderschutzbund-Präsident.

Hier finden Sie Hilfe bei Gewalt und Überforderung

Überforderung zu Hause: Eltern können sich bei dem Wunsch nach Beratung bei der zentralen Hotline des Kinderschutzbundes melden: Unter 0800/11 10 550 stehen krisengeschulte ehrenamtliche Berater zur Verfügung. Kinder und Jugendliche können bei aktuellen Schwierigkeiten im Elternhaus kostenlos und anonym die Nummer gegen Kummer 116 111 anrufen.

Häusliche Gewalt gegen Frauen: Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" steht bei Problemen Rund um häusliche Gewalt zu Verfügung. Die Nummer lautet 0800/01 16 016.

Psychische Krisen: Bei psychischen Krisen ist die Telefonseelsorge unter 0800/11 10 111 ein Ansprechpartner, Regionale Krisendienste bieten bei akuten Problemen außerdem Hilfe an. Zum Beispiel der Berliner Krisendienst. Auf den Websites ist die jeweilige Nummer einzusehen.

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