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USA

23.01.2017

Wie "alternative Fakten" unsere politische Kultur verändern

US-Präsident Donald Trump spricht im CIA-Hauptquartier in Langley im US-Bundesstaat Virginia.
Bild: Andrew Harnik (dpa)

Man könnte meinen, die Wahrheit spielt in den USA keine Rolle mehr. Stattdessen gibt es "alternative Fakten". Sie gefährden die politische Kultur - oder sind sie auch eine Chance?

Wenn Menschen sich mit den Händen durch die Haare fahren, dann gilt das in der Verhaltensforschung als Zeichen der Unsicherheit, Anspannung und Unentschlossenheit. Wenn mediengeschultes politisches Spitzenpersonal sich während eines Interviews hektisch durchs Haar streift, dann könnte einer der drei genannten Faktoren erst recht zutreffen.

Entsprechend angespannt dürfte Kellyanne Conway, Spitzenberaterin von US-Präsident Donald Trump, gewesen sein, als sie am Sonntag zum Interview mit dem Fernsehsender NBC antrat.

Trumps Spitzenberaterin Kellyanne Conway.
Bild:  Manuel Balce Ceneta (dpa)

Der Journalist konfrontierte Conway mit vier offensichtlichen Falschaussagen aus dem Trump-Stab über die Anzahl der Besucher bei dessen Amtseinführung am Wochenende (Lesen Sie hier mehr dazu). Conway lächelte verlegen, strich sich durchs Haar und rechtfertigte schließlich die Behauptungen damit, diese seien "alternative Fakten".

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Die Bezeichnung fügt sich in die Debatte um zunehmend emotional statt mit Fakten geführten politischen und gesellschaftlichen Debatten ein.

Anfang Dezember kürte die Gesellschaft für deutsche Sprache das Kunstwort "postfaktisch" zum Wort des Jahres. Das deutsche Wort "postfaktisch" lehnt sich dabei an den englischen Begriff "post truth" an, das die renommierte britische Wörterbuchreihe Oxford Dictionaries bereits Mitte November zum Wort des Jahres gewählt hatte.

Der Begriff ist in dieser Form neu. Er bedeutet, "dass aus Tatsachen Meinungen werden", sagt Politikwissenschaftler Stefan Marschall von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. "Zum Schluss bleibt nicht mehr eine objektive Wahrheit, sondern zwei verschiedene Meinungsangebote. Der Dritte entscheidet dann, was wahr ist".

Die Lüge in der Politik ist so alt wie die Politik selbst. Doch Marschall ist sich sicher, dass der erfolgreiche Wahlkampf Trumps und sein neues Deutungsangebot der "alternativen Fakten" eine neue Phase der Lüge in der Politik einleiten. "Dafür ist vor allem die Erosion der journalistischen Autorität durch die sozialen Netzwerke verantwortlich", sagt der Düsseldorfer Politik-Professor. "Soziale Medien ermöglichen eine direkte Kommunikation der politischen Akteure mit der Öffentlichkeit und schalten die Journalisten als neutrale Prüfungsinstanz aus"

Die neue politische Kultur der "alternativen Fakten"

So erscheinen Tatsachen, die sich außerhalb des eigenen Spektrums befinden, immer befremdlicher. Die Konsequenz: Ein Teil der Bevölkerung akzeptiert nicht mehr die neutrale Autorität des Journalismus - der Kampfbegriff von der sogenannten Lügenpresse ist geboren. Ein Konsens auf eine objektiv gültige Wahrheit ist nicht mehr möglich. In den USA geselle sich dazu auch noch eine ausgeprägte Intellektuellenfeindlichkeit, gerade gegenüber der vermeintlichen Politik-Elite in Washington, meint Kulturwissenschaftler Jochen Mecke von der Universität Regensburg.

Protest gegen Donald Trump: «Marsch der Frauen» in Washington.
Bild: Richard Ellis (dpa)

"Aktuell verändert sich etwas Grundlegendes. Donald Trump ist der größte Lügner unter allen US-Präsidenten seit den 1960er Jahren. Seine Kaltschnäuzigkeit im schamfreien Einsatz von Lügen ist einzigartig und auch die Art, wie er andere gleichzeitig der Lüge bezichtigt", sagt Professor Mecke. Er diagnostiziert bei Trump eine "psychopathische Persönlichkeit", die so hochgradig verlogen sei, dass sie authentisch wirke.

Thousands Attend Womens March On Washington
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Hunderttausende protestieren in den USA gegen Donald Trump
Bild: Mario Tama

Auch, weil die Lügen in einer so hohen Taktung erfolgen. Trumps Vorliebe für den Kurznachrichtendienst Twitter ist bekannt und gefürchtet. "Diese dynamische Umgangsweise mit der Wahrheit, die schnelle Konstruktion von Realitäten, macht es sehr schwer nachzuweisen, ob sie wahr oder falsch sind", sagt Marschall.

Schnelle Kommunikation, inkompatible Weltbilder, Abschottung von abweichenden Meinungen: Auf diesem Humus kommen Lügen gut an, "weil sie Vorurteile bestätigen und in bestimmte Denkmuster besser reinpassen", so der Politologe.

Verkürzt heißt das nichts anderes als: Lügen sind bequem. 

Die politische Opposition hat diesem Vorgehen in den USA wenig entgegenzusetzen. Stimmen prominenter Anhänger der Demokratischen Partei dringen kaum in den öffentlichen Raum vor. Ihre Chancen werden besser, wenn sie sachlich bleiben und sich beharrlich an Fakten orientieren. "Die Opposition muss Punkt für Punkt alle Lügen denunzieren und deutlich machen, dass sie dieses Spiel nicht mitmacht. Sie muss so Vertrauen herstellen, auch wenn das in einem signifikanten Maße nur mittel- oder langfristig möglich ist", sagt Sprachwissenschaflter Mecke.

Geballte Faust: Der neue US-Präsident Donald Trump nach seiner Eröffnungsrede nach der Vereidigung.
Bild: Richard Ellis (dpa)

Und auch wenn der massive und selbstverständliche Einsatz der Lüge in der Politik aktuell irritierend wirkt, so biete er dennoch eine Chance für die Demokratie und den Diskurs in unseren westlichen Demokratien. Jochen Mecke glaubt an eine Chance für eine Art politische Selbstreinigung: "Wir bekommen nun vorgeführt, wie es ist, wenn ein notorischer Lügner Präsident ist".

"Seine Lügen werden Trump langfristig den Hals brechen"

Ein solches Potenzial der Selbstreinigung sieht Mecke auch in Europa, am Beispiel des Brexit. Der wurde nicht zuletzt auch aufgrund des massiven Einsatzes von Lügen durch Nigel Farage und Boris Johnson zur Realität. Zieht die EU diesen mit voller Härte durch, so könne dieses Exempel eine abschreckende Wirkung auf die Wähler haben, so Mecke.

Es ist ohnehin fraglich, ob bei den bevorstehenden Wahlkämpfen in Europa ein ähnlich ablehnender Umgang der gegensätzlichen Lager stattfinden wird. Denn sowohl die politische als auch die journalistische Kultur sind in Europa und den USA sehr unterschiedlich.

Dort werden die starken Institutionen gemäß ihrem Prinzip der "Checks and Balances" ihrem Präsidenten Trump einen engen Handlungsrahmen vorgeben. Außerdem ist nicht klar, wie lange Trump denn nun wirklich US-Präsident sein wird: "Ich glaube, seine Lügen werden ihm langfristig den Hals brechen", sagt Kulturwissenschaflter Mecke.

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mit afp

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