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Kommentar: Vier-Tage-Woche: Gleiches Gehalt für weniger Arbeit kann nicht funktionieren

Kommentar

Vier-Tage-Woche: Gleiches Gehalt für weniger Arbeit kann nicht funktionieren

Rudi Wais
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    Fahne mit Logo der IG Metall. Sie kämpft jetzt für eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich.
    Fahne mit Logo der IG Metall. Sie kämpft jetzt für eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. Foto: Heiko Rebsch, dpa (Symbolbild)

    Herzlich willkommen im Schlaraffenland der Werktätigen! In einem Land, in dem das Wochenende schon am frühen Donnerstagabend beginnt und der freie Freitag natürlich bezahlt wird. Ein Land, das keinen Mangel zu kennen scheint und seinen Bürgerinnen und Bürgern eine völlig neue Balance zwischen Arbeit und Freizeit ermöglicht: Gleiches Gehalt bei 20 Prozent weniger Arbeit. 

    Die IG Metall prescht bei der Vier-Tage-Woche vor

    SPD-Chefin Saskia Esken und die IG Metall muss der ökonomische Teufel geritten haben, als sie die Vier-Tage-Woche mit vollem Lohnausgleich zu ihrem Ziel erkoren haben. Schon jetzt fehlen überall Fachkräfte: Pflegerinnen und Pfleger, Lehrerinnen und Lehrer, Installateure, Bäcker, Ingenieure. Wenn aber die wenigen, die noch da sind, alle weniger arbeiten würden, stünde nicht nur unser Sozialsystem vor dem Kollaps, in dem bereits überdurchschnittlich viele Beschäftigte ihre Arbeitszeiten reduziert haben. Eine sinkende Arbeitsleistung bei gleichbleibend hohen Kosten bezahlt die ganze Volkswirtschaft mit Wohlstandsverlusten. Nur weil jemand einen zusätzlichen Tag frei hat und vielleicht etwas weniger gestresst ist, arbeitet er (oder sie) die übrige Zeit ja nicht produktiver. Deutschland würde also buchstäblich ärmer. 

    Die SPD-Bundesvorsitzende Saskia Esken wirbt für eine Vier-Tage-Woche.
    Die SPD-Bundesvorsitzende Saskia Esken wirbt für eine Vier-Tage-Woche. Foto: Michael Kappeler, dpa (Archivbild)

    Um nicht missverstanden zu werden: Wer viermal zehn Stunden arbeitet anstatt fünfmal acht Stunden, soll das natürlich tun können, so flexibel müssen Arbeitsverträge heute sein. Wer aber nur viermal acht Stunden arbeitet, also in Teilzeit, muss dafür auch auf etwas verzichten – nämlich auf den entsprechenden Teil seines Gehaltes. Mit ihrer Forderung, vier Tage seien genug, trifft die IG Metall zwar den smarten Zeitgeist, die Situation heute aber ist nicht mit der der Fünfzigerjahre vergleichbar, als die Gewerkschaften mit dem Slogan "Samstag gehört Vati mir" für die Fünf–Tage-Woche zu kämpfen begannen. Damals waren in der Industrie Wochenarbeitszeiten von 45 und mehr Stunden die Regel und nicht die Ausnahme. Die Alliierten hatten nach dem Krieg zwar die bereits 1918 unter Friedrich Ebert eingeführten acht Stunden als tägliche Arbeitszeit bestätigt, das aber bei einer Arbeitswoche mit sechs Arbeitstagen. Nur der Sonntag war bis dahin frei. 

    Wer baut denn 400.000 Wohnungen im Jahr?

    Heute hat Deutschland ganz andere Probleme. Wer soll denn die 400.000 Wohnungen im Jahr bauen, die die Bundesregierung versprochen hat, wenn es schon jetzt nicht genügend Maurer, Dachdecker oder Elektriker gibt? Wer installiert denn die Wärmepumpen, mit denen Robert Habeck das Klima retten will, wenn die meisten Heizungsbauer schon jetzt ausgebucht sind? Und wer pflegt eine wachsende Zahl von Pflegebedürftigen, wo doch schon jetzt ganze Stationen mangels Personal geschlossen bleiben müssen? Niemand kann an vier Arbeitstagen so viele Menschen pflegen oder so viele Busse fahren wie an fünf. 

    Ja, die Arbeitswelt hat sich geändert. Ja, vielen jungen Menschen ist eine mit Überstunden und ständiger Verfügbarkeit erkaufte Karriere nicht so wichtig wie vielleicht noch der Generation ihrer Eltern. Aber auch in einer arbeitsteiligen Gesellschaft kann nur das verteilt werden, was Unternehmen und Arbeitnehmer erwirtschaften. Dazu kommt der demografische Aspekt: Wenn die geburtenstarken Jahrgänge jetzt allmählich in Rente gehen, wird die Arbeitskraft eine noch knappere Ressource. Sie nun auch noch zusätzlich zu verknappen, verbietet sich damit von selbst. Eine erfolgreiche Industrienation wie Deutschland, hat Helmut Kohl schon 1993 gewarnt, "lässt sich nicht als kollektiver Freizeitpark organisieren."

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