
Mit dem VV-Cabrio durch Hollands Tulpen-Wunderland

Die Provinz Flevoland sieht während der Tulpenblüte wie ein bunter Fleckenteppich aus. Die perfekte Kulisse für eine Landpartie mit dem historischen Käfer-Cabriolet.
Ihr volles Potenzial kann Miss Grace leider nicht ausleben. Für oben ohne ist es zumindest an diesem Wochenende zu kalt. Davon abgesehen macht die Diva, Baujahr 1969, aber eine gute Figur inmitten der farbigen Tulpenfelder. Mit dem knallroten Lack und dem eleganten schwarzen Verdeck peppt das VW Käfer Cabriolet nicht nur jedes entlang der Strecke geschossene Foto auf. Dank eines neuen 1600er-Motors garantiert Miss Grace auch jede Menge Dynamik und bringt die Insassen zudem zuverlässig zu den schönsten Plätzen entlang der Tulpenroute, die rund 100 Kilometer lang ist und kreuz und quer durch die niederländische Provinz Flevoland führt.

Stolz verweisen die Flevoländer darauf, dass das populäre amerikanische Magazin National Geographic ihre Tulpenroute zu einer der schönsten Autostrecken der Welt gekürt hat. Allerdings hat die Auszeichnung ein Verfallsdatum. Denn so richtig schön ist es hier natürlich vor allem dann, wenn in einem der größten Tulpenzwiebel-Anbaugebiete der Niederlande die Blumen in voller Blüte stehen.
Farbexplosion in den Niederlanden
Eine vergleichbare Farbexplosion gibt es wahrscheinlich weltweit wirklich nirgendwo anders zu sehen. Zwischen Anfang April und Anfang Mai blühen hier auf einer Fläche von der Größe von ca. 2800 Fußballfeldern mehrere Millionen Tulpen in vielen verschiedenen Farben und Schattierungen: in Weiß und Gelb, in Orange und Lachs, in Rosa und Lila, in Hell- und in Dunkelrot.
Über 250 verschiedene Sorten wachsen im Pflückgarten von Hanneke Monsma, deren Bauernhof direkt an der Tulpenroute liegt. „Ich kann Ihnen also nur einen Bruchteil dessen zeigen, was Sie da draußen sehen können“, sagt Hanneke. „Insgesamt werden in Flevoland mehr als 2500 verschiedene Sorten Tulpen angebaut“, fügt sie hinzu und lacht, weil ihre Gäste jetzt große Augen machen. Mit ganz viel Eigenleistung hat sich die Mutter von drei Kindern auf einem Bauernhof in der Nähe der Ortschaft Biddinghuizen einen Lebenstraum erfüllt: den Garten, in dem Besucher Blumen selbst pflücken und zu Sträußen binden können, einen Streichelzoo mit Ziegen, Kaninchen und verschmusten Hühnern und ein kleines, aber feines Café mit Terrasse und einem Wintergarten für schlechtes Wetter.
Flevoland ist das Ergbenis eines Landgewinnungsprogramms
Jeder Stuhl und jeder Tisch im Café ist ein Unikum – zusammengekauft in Antikläden und auf Flohmärkten. Auf eine Seite des Glashauses hat Hanneke mit Farbe eine Unterwasserwelt gemalt. Ganz oben, wo die Glasfläche ins Dach übergeht, hat sie in Blau und Wellenlinien die Wasseroberfläche hingepinselt. „Ich möchte, dass meine Gäste sich bewusst werden, dass sie sich vier Meter unter dem Meeresspiegel befinden, wenn sie bei mir im Café sitzen“, sagt Hanneke und lacht.
Vor 1957 hätte man also statt eines feuerroten Cabriolets ein U-Boot gebraucht, um dort langzufahren, wo jetzt Hannekes Pflückgarten steht. Im Rahmen eines gewaltigen Landgewinnungsprojekts entstand aus einem Teil der ehemaligen Meeresbucht Zuiderzee der größte Polder der Welt: Flevoland. Da sich der ehemalige Meeresboden hervorragend für die Tulpenzucht eignet, entwickelte sich die Region in der Folge zu einem der größten Anbaugebiete für Tulpenzwiebeln der Welt. Bevor die Züchter die Zwiebeln ernten können, müssen die Tulpen aber blühen. Und das tun sie im Frühjahr, wie jeder weiß. In diesem Jahr, so wurde entschieden, ist es ab dem 15. April so weit. Dann beginnt in Flevoland zumindest ganz offiziell die Tulpensaison. Und dann ist in der sonst ruhigen und ländlichen Region mächtig was los, weil Besucher aus nah und fern herkommen, um sich an dem Anblick der bunten Felder zu berauschen.
Natürlich kann man auf der Tulpenroute nicht nur Auto fahren. Auch Fußgänger und Radfahrer, Motorradfahrer und Reiter sind willkommen. Bei einigen der landwirtschaftlichen Betriebe entlang der Strecke finden während des Tulpenfestivals besondere Aktivitäten statt. Bauernhöfe öffnen ihre Stalltüren für Besucher, es gibt Wettrennen entlang der Tulpenfelder oder man kann sich an ausgewiesenen Stellen zwischen den Tulpen fotografieren lassen. Tulpenflaggen kennzeichnen die Höfe, wo Gäste etwas erleben oder kaufen können.
Tulpenzwiebeln schmecken etwas süßlich
Dass man Tulpen nicht nur bewundern, sondern auch essen kann, erfährt, wer Gerard Flantua einen Besuch abstattet. Der Besitzer und Küchenchef des Restaurants Boerkok in der Nähe von Lelystad hat sich auf die Zubereitung von Tulpenzwiebelgerichten spezialisiert und bereitet auf Anfrage ein Tulpen-Menü zu. Als Vorspeise wird ein Blumensalat mit gebratenen Tulpenzwiebeln aufgetragen, gefolgt von Sauerfleisch und Tulpenzwiebeln mit einem Stampf von Süßkartoffeln. Tulpenzwiebeln schmecken süßlich und knacken etwas, wenn man draufbeißt. Kenner, so sagt Gerard, seien sogar in der Lage, die unterschiedlichen Farben der Tulpen herauszuschmecken. Zum Nachtisch gibt es Birnensorbet mit Safran und eingeweckten Tulpenzwiebeln an Vanillesirup. Köstlich! Die Frage, ob Tulpenzwiebeln nicht giftig seien, wischt Gerard mit einer Handbewegung weg. „Im Zweiten Weltkrieg haben alle Holländer Tulpenzwiebeln gegessen, um nicht zu verhungern“, weiß er.
Ein weiterer gern frequentierter Haltepunkt ist das Tulpenerlebnisfeld in Creil. Jedes Jahr zur Tulpensaison wird dieses Ausflugsziel neu eröffnet. Auf einer Wiese neben der Straße können Besucher dann mehr als 500 verschiedene Tulpensorten ansehen und deren Namen erfahren. Gefranst, gefüllt, mit Zacken, einfarbig oder marmoriert in Schneeweiß oder Mohnrot. Sogar schwarze Tulpen gibt es. Auch die Sorte „Amazing Grace“ ist darunter, allerdings ist die Blüte pink und nicht knallrot wie Miss Grace. In Zelten neben den Beeten werden während des Tulpenfestivals außerdem verschiedene Workshops angeboten. Und es gibt Kaffee, Kuchen und Souvenirs.
Mit dem Hubschrauber über das Flevoland fliegen
Danach geht es weiter zum Flugplatz von Lelystad. Nachdem für Miss Grace ein Parkplatz gefunden wurde, steht ein weiterer Höhepunkt der Landpartie an: ein Hubschrauber-Rundflug über Flevoland. Von oben sieht der Polder wie ein großer bunter Flickenteppich aus. Tulpenfelder, so weit das Auge reicht. Dazwischen Kanäle, Windräder, Pferde, Kühe und Bauernhöfe. Die Fahrzeuge sehen wie Matchbox-Autos aus. Auch Miss Grace wirkt winzig. Doch selbst in Miniatur sticht diese motorisierte Diva mit dem knallroten Lack zwischen all den anderen Autos heraus.
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