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IG Chemie

30.11.2019

Gewerkschaft: Viel Beifall für eine Anklage

Sie erinnern sich noch gut an die Zeiten mit Hoechst in Bobingen. Nun wurden sie für 60 Jahre Gewerkschaftszugehörigkeit geehrt: (von links) Ursula und Elisabeth Schwarz, Anton Heuberger, Bezirksleiter Torsten Falke, Leonhard Hochstatter und Walter Vocadlo.
Bild: Ingeborg Anderson

Bei der Jubilarehrung schildert ein Redner die Zerschlagung von Hoechst als Wirtschaftskrimi. Es gibt einen Mitgliederzuwachs als Lohn für die erfolgreiche Tarifpolitik

Der Wandel und Untergang von Hoechst war eine Zeit, die auch in Bobingen viele Menschen traf. Als einen Wirtschaftskrimi schilderte der ehemalige Leiter des Konzernarchives vor rund 200 Gewerkschaftern dieses Kapitel der Stadt und des Landes. Wolfgang Metternich war damit Festredner bei der diesjährigen Jubilarehrung der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, in der Singold- halle.

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Viel Aufmerksamkeit fanden auch aktuelle Nachrichten von Bezirksleiter Torsten Falke, der stolz darauf war, neben einem Mitgliederzuwachs im ablaufenden Jahr auch Verhandlungserfolge bei Tarifverträgen vermelden zu können: „Wir haben erreicht, dass künftig der Arbeitgeber einen Zusatz zur Pflegeversicherung zahlen muss und für Mitarbeiter ein Zukunftskonto einrichtet, das zusätzliche freie Tage im Jahr gewährleistet. Außerdem soll es ab 2021 wieder 100 Prozent Weihnachtsgeld geben“, sagte er.

Unter Hinweis auf den Zukunftskongress der Gewerkschaft sagte Bürgermeister Bernd Müller in seinem Grußwort, wie wichtig es sei, „dass sich die Gewerkschaft aktiv einbringt in die derzeit stattfindende Transformation der Industriegesellschaft.“ Und er erinnert sich noch gut an andere schwere Zeiten: „Als ich als Bürgermeister anfing, war Hoechst gerade in der Auflösung begriffen.“

Gewerkschaft: Viel Beifall für eine Anklage

Wie es so weit kommen konnte, dass dieser Riesenkonzern mit mehr als 195000 Beschäftigten weltweit unterging, schilderte Wolfgang Metternich aus Vorstandssicht: „Dummheit, Unfähigkeit, kriminelles Verhalten und Lügen innerhalb der Konzernführung“, nannte er zu Beginn seines Vortrags als Ursachen des Niedergangs.

Für die zahlreichen Standorte in Süddeutschland waren die Transportwege und eine sehr breite Produktpalette problematisch. Als 1993 die Gewinne der Firma zurückgingen, zeigte es sich, dass in der Firma veraltete und verkrustete Strukturen dringend einer Reform bedurften. Sollte wie bisher Fachkompetenz, also Chemiker, die Geschicke des Konzerns bestimmen oder Volkswirtschaftler? Das war damals die Frage, laut Metternich.

Kurz: Nach Intrigen in der Konzernspitze sei es Volkswirt Jürgen Dormann gewesen, der sich durchsetzte. Der Vorstand wurde verkleinert, der Ausverkauf verschiedener Produktionszweige habe begonnen. Ein Reigen aus Personalabbau und Desinvesitionen setzte ein. Metternich zeichnet ein düsteres Bild: Etwa wurde eine Firma gekauft, ohne vorher erkannt zu haben, dass diese pleite war. Entscheidungen wurden getroffen, ohne Vorstand und Aufsichtsräte einzubeziehen, Fehlentscheidungen vertuscht. „Es gibt keine Akten, keine Unterlagen zu diesen Vorgängen, das wurde alles so verhandelt“, berichtete der Referent, der in seiner Position doch sehr vieles aus unmittelbarer Nähe miterlebt hat.

Als Beispiel dafür nannte er Verhandlungen mit der Firma Bayer, die – ebenfalls ohne den Vorstand und den Aufsichtsrat zu konsultieren – geführt wurden. „Eine Fusion scheiterte, weil man sich nicht einigen konnte, wer Vorstandsvorsitzender wird. Es ging um pure Eitelkeit“, klagt Metternich an. Noch viele weitere Vorgänge sprach er an, die von den gespannt zuhörenden Anwesenden mit zustimmendem Murmeln und abschließend mit heftigem Applaus quittiert wurden.

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