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DasKriegsende in Schwabmünchen

25.04.2015

Todesangst und weiße Laken

So sah die Schwabmünchner Fuggerstraße, damals Hindenburgstraße, bei Kriegsbeginn (links) und bei Kriegsende (rechts) aus. Diese Bilder sind im Besitz von Hubert Schöffel und wurden abfotografiert. Die völlig zerstörten Gebäude (rechtes Bild Mitte) waren die Geschäftshäuser der Firma Schöffel.
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So sah die Schwabmünchner Fuggerstraße, damals Hindenburgstraße, bei Kriegsbeginn (links) und bei Kriegsende (rechts) aus. Diese Bilder sind im Besitz von Hubert Schöffel und wurden abfotografiert. Die völlig zerstörten Gebäude (rechtes Bild Mitte) waren die Geschäftshäuser der Firma Schöffel.

Die erstaunlichen Erinnerungen des Hubert Schöffel an die letzten Tage im April 1945

„Diese Tage werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen“, sagt Hubert Schöffel, und meint damit die entscheidenden letzten Kriegstage für Schwabmünchen. „Nichts hat sich meinem Gedächtnis so eingebrannt wie diese Ereignisse.“ Er erzählt einige seiner Erinnerungen von der Bombennacht bis zum „Schwabmünchner Kriegsende“ und spannt den Bogen zur Gegenwart.

Bekennender Nazigegner war Ludwig Schöffel, Vater von Hubert Schöffel und Großvater des jetzigen Firmeninhabers Peter Schöffel. „‘Hitler ist der Untergang Deutschlands.‘ Und: ‘Hoffentlich verlieren wir den Krieg. Bei einem Sieg würde die Nazidiktatur zur Vernichtung der deutschen Kultur führen.‘ Das hat mein Vater immer gesagt. Er war rabenschwarz von seiner Gesinnung, erzkatholisch und immer politisch extrem interessiert“, erzählt Hubert Schöffel, der in der Bombennacht vom 4. März „schreckliche Tragödien“ gesehen hat. Wir waren gerade von der Kirche wieder zu Hause, da zwang uns ein Luftangriff mal wieder in den Keller. Wir gingen wie gewohnt hinunter, obwohl niemand glaubte, dass wir bombardiert werden könnten. Dann schlugen die Sprengbomben ein, und zwar rund um unser Wohnhaus. Wir hatten Todesangst.

Als es draußen wieder ruhig wurde, gingen wir hoch und sahen überall brennende Häuser. Auch unsere Geschäftsgebäude standen in Flammen. Und hätte nicht Luftschutzwart Müller Brandbomben mit der Hand aus unserem Wohnhaus geworfen, wäre alles abgebrannt.“

Nichts mehr war in Schwabmünchen nach diesem Angriff wie vorher. „Alle hofften nur noch, dass der Irrsinn bald vorbei sein würde. Doch die Gräueltaten gingen weiter. Schöffel erinnert sich noch genau daran, wie im April 1945 eine ganze Menge Konzentrationshäftlinge und Juden durch Schwabmünchen Richtung KZ Igling marschiert sind. „Niemand in unserer Stadt wäre damals auf die Idee gekommen, dass sie direkt ihrem Tod entgegenmarschieren. Doch mein Vater hat ein paar Tage später die Leichen gesehen“, so Schöffel.

l Dann kamder Mittwoch, 26. April. Die Amerikaner rollten von Memmingen auf Schwabmünchen zu. „Alle hofften, dass keine deutschen Truppen kommen und uns verteidigen würden. Wir wollten kein Blutvergießen mehr.“ Und noch eine Begebenheit ist bei Hubert Schöffel tief ins Gedächtnis eingebrannt, ausnahmsweise eine positive: „Am Bahnhof stand ein unbewachter Güterzug mit Lebensmitteln. „Alle zogen mit Handkarren dorthin und plünderten, so viel sie wegschleppen konnten. Wir lebten Monate von dem Büchsenfleisch“, freut sich Schöffel noch heute über die unerwartete „Lebensmittelration.“

lDonnerstag, 27. April: „Morgens sahen mein Vater und ich zusammen mit Bürgermeister Martin Stuhler vom Dachfirst des heutigen Hotels Deutschenbaur aus die Amerikaner bei Hiltenfingen mit ihren Panzern. Stuhler fuhr zum Krankenhaus und veranlasste, dass weiße Tücher rausgehängt werden. Die Schwabmünchner wussten ohnehin, was sie zu tun hatten. Als die Amis dann durch die Hindenburgstraße, jetzt Fuggerstraße, fuhren, war das ein unendliches Gefühl der Befreiung. Endlich keine Tiefflieger, keine Bomben, keine Toten mehr.“ Schöffel atmet tief durch und erzählt eine für ihn völlig überraschende Begebenheit: „Als ein amerikanischer quartiersuchender Offizier in unser Haus kam, fragte er, ob er an unser Klavier dürfte und spielte dann Beethoven. Unglaublich. Wir dachten doch, die Amis sind unkultiviert.“ Trotzdem musste die Familie Schöffel kurz darauf aus ihrem Haus raus und den Besatzern Platz machen.

lFreitag, 28. April: Ludwig Schöffel, einer der wenigen völlig Nazi-Unbelasteten in Schwabmünchen, erfuhr die zweifelhafte Ehre, zum Bürgermeister ernannt zu werden. Seine vorrangigen und unangenehmen Aufgaben waren, Wohnungen zu requirieren und eine Ausgangssperre zu verkünden. „Wir durften alle nur für zwei Stunden das Haus verlassen“, erzählt er.

lSonntag, 30. April Schöffel gelang es, freien Ausgang für einen Gottesdienst in der nicht zerbombten Frauenkirche zu erwirken. Ich glaube, dort fehlte an diesem sonnigen Tag kein einziger Schwabmünchner. Sogar der riesige Vorplatz war schwarz vor Menschen.“

In den Monaten danach folgte die Zeit des Aufräumens und Bombentrichter Zuschaufelns. Hunger und Kälte peinigte die Menschen. Der Tauschhandel blühte. Hubert Schöffel wurde für eineinhalb Jahre Hilfsarbeiter am Bau: „Eine wichtige Zeit in meinem Leben. Ich habe gelernt, die Leistung der Menschen zu achten.“ Acht Monate war sein Vater Bürgermeister, dann wurde er wegen einer nicht durchgesetzten Vorschrift abgesetzt.

lHeute „Schwabmünchen“, so sagt Schöffel, „hat Martin Stuhler unendlich viel zu verdanken. Ihm ist es gelungen, dass die Besetzung der Stadt unblutig verlaufen ist. Außerdem landeten bei ihm alle Denunziationen von Bürgern im Papierkorb. Das war für ihn die Rettung bei seinem Spruchkammerverfahren. Mein Vater verhalf Stuhler außerdem dazu, dass er nach dem Krieg als Schulleiter eingesetzt werden konnte. Der ehemalige Bürgermeister hätte schon längst einen Straßennamen in Schwabmünchen verdient.“

Was ist für Schöffel das Schrecklichste am Krieg? „Neben dem Tod die totale Verrohung der Menschen.“ Und welche Lehre zieht er aus seinen Erinnerungen? „Nie wieder Krieg. Der Frieden ist das höchste Gut der Menschen. Kriegstreiber müssen mit allen Mitteln bekämpft und die Arroganz der Wohlstandsgesellschaft muss eingedämmt werden.“

Sehen Sie zum Thema auch unser Multimedia-Special "Die Augsburger Bombennacht"

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