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Persönlichkeit
22.03.2017

Die Taubenmarie - ein Augsburger Original

2 Bilder
Foto: Sammlung Häußler

Maria Karolina Schuhmann starb vor 60 Jahren. Auf dem Stadtmarkt erinnert eine Bronzeskulptur an die Tierfreundin.

Wer erinnert sich noch an die Taubenmarie? Es ist die geringe Anzahl unter jenen Augsburgerinnen und Augsburgern der Generation „70 plus“, die bereits in den frühen 1950er-Jahren in der Innenstadt lebte. Letztmals am 3. Dezember 1956 brach die Taubenmarie von ihrer kleinen Wohnung am Mauerberg aus zu ihrem Rundgang auf. An diesem Tag brach die 82-Jährige zusammen und wurde ins Krankenhaus gebracht. Ihre letzte Station war das städtische Altenheim in Mickhausen. Dort verstarb Maria Karolina Schuhmann vor 60 Jahren am 20. März 1957.

Tierliebhaberin sollte im Gedächtnis bleiben

Die meisten Augsburger erfuhren ihren „bürgerlichen“ Namen erst aus der Berichterstattung über ihren Tod und die Beerdigung auf dem Westfriedhof. Die Stadt ließ am Grab einen Kranz mit einer Schleife in den Augsburger Farben niederlegen, und ein Bläserquartett des Städtischen Orchesters sorgte für eine würdevolle musikalische Umrahmung der Beerdigung. Der Pfarrer mahnte: „Wir wissen nicht, warum sie ihre ganze Liebe den Tieren schenkte – wir sollten sie als Tierliebhaberin in Erinnerung behalten.“

Das Wohlfahrtsamt deckte die Kosten für Beerdigung, Grab und Gedenkstein. Die Pflege ihrer letzten Ruhestätte (Feld 41, Grab 172) übernahm 1972 der Tierschutzverein. Den Grabstein schmückte Steinmetzmeister Johann Maier senior mit einer stilisierten Zeichnung. Sie zeigt die Taubenmarie silhouettenartig vor dem Rathaus und dem Perlachturm.

Seit 2005 ist die Taubenmarie dreidimensional auf dem Stadtmarkt präsent. Der von dem Augsburger Künstler Werner Schwendner modellierte Bronzeguss in bescheidener Größe zeigt die kleine Frau mit Schal und Hut, ihren Kinderwagen schiebend. Als Vorlagen für die Plastik dienten Fotos, die der damalige „Marktmeister“ Gerd Breul gesammelt hatte. Er ergriff die Initiative für eine bronzene Taubenmarie im Stadtmarkt und verwirklichte die Idee.

Statue war für manchen eine Wiedergutmachung

Schon 1971 war ein Taubenmarie-Brunnen im Gespräch. Der Vorschlag löste eine kontroverse Debatte aus. Zu viele waren damals dagegen. Die Stimmung hatte sich über 30 Jahre später geändert. Da outeten sich sogar Sponsoren der jetzigen Skulptur als einstige „Missetäter“: Sie hätten als Kinder die kleine, schrullig wirkende Frau geärgert und wollten nun postume Wiedergutmachung leisten.

Foto: Rudolf Morbitzer

Die Taubenmarie hieß Maria Karolina Schuhmann, geboren am 15. August 1874 im Buchmayergässchen in der Jakobervorstadt. Sie lernte das Schneiderhandwerk, zog 20-jährig von zu Hause aus und verdiente in jungen Jahren ihren Lebensunterhalt als Schneiderin. 1897 und 1898 wurde sie Mutter. Beide Kinder starben – das erste acht Tage nach der Geburt, das zweite im Alter von zweieinhalb Jahren.

Bei der Erarbeitung einer Biografie in den 1980er Jahren konnten zahlreiche Berichte von Zeitzeugen herangezogen werden. Sie erzählten von einem abgöttisch geliebten städtischen Inspektor mit dem Vornamen Ekkehart. Er heiratete jedoch eine andere. Karolina Schuhmann sei zierlich und durchaus ansehnlich gewesen, erinnerte sich eine einstige Nachbarin. Von 1902 bis 1944 lebte sie als Mieterin im Gasthaus Goldenen Stern, Rosengasse 2. Ihre drei Zimmerchen habe sie mit etwa 20 Katzen geteilt. Daran erinnerten sich zwei Töchter des Wirts. Das Gasthaus wurde bei einem Luftangriff im Februar 1944 zerstört. Das obdachlos gewordene „Fräulein“ Schuhmann – auf diese Anrede habe sie Wert gelegt – bekam eine bescheidene Parterrewohnung am Mauerberg 20 zugewiesen.

Streit wegen unerlaubten Taubenfütterns

Schon im Alter von etwa 50 Jahren wurde sie „Taubenmutterl“ oder „Taubenmarie“ genannt und verdiente ihren Lebensunterhalt als Obsthändlerin mit einem Stand an der Ecke Obstmarkt/Kesselmarkt. Nach Eröffnung des Stadtmarkts im Oktober 1930 durfte sie dort verkaufen. 1933 gab es Streit wegen ihres unordentlichen Standes und unerlaubten Taubenfütterns. Karolina Schumann wandte sich in einem vierseitigen Schreiben an das Wohlfahrtsamt mit der Bitte um Vermittlung. In der elfseitigen Stellungnahme des Marktamtes findet sich erstmals die amtliche Bestätigung, dass sie „zu den Originalen der Stadt“ gehöre. Sie durfte im Stadtmarkt verbleiben, musste allerdings ihr „gemeingefährliches Taubenfüttern“ einstellen.

Fotos überliefern sie meist mit ihrem Futtertransportfahrzeug. Das war bis 1944 ein hochrädriger altertümlicher Kinderwagen. Der wurde 1944 ein Bombenopfer. Das Nachfolgemodell war ein niedriger ausgedienter Kinderwagen aus Korbgeflecht. War er mit vollen Eimern beladen, konnte die Taubenmarie damit meist nur mithilfe von Passanten Gehsteigkanten überwinden. Gebeugt schob sie den Wagen täglich zu den gleichen Futterplätzen, wo sie die Tauben bereits erwarteten. Einen Hut – wie auf dem Denkmal dargestellt – trug Fräulein Schuhmann Sommer wie Winter. Fast stoisch ertrug sie Hänseleien von Kindern, in Rage kam sie jedoch, wenn jemand „ihre“ Tauben verscheuchte.

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