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Unser 4. Tag
25.08.2017

Ein Posthorn bläst zur Attacke in Kriegshaber

14 Bilder

Georg Rehm begutachtet Kitsch, Kunst und Kostbarkeiten. Der Andrang ist groß, sein Durchhaltevermögen ist größer. Wie in einer Zirkusarena folgt eine Nummer auf die nächste

Ein „Lexicon“ aus dem Jahr 1739! Ledereinband, relativ guter Zustand, wuchtiges Teil. Der Antiquitätenkenner, Auktionator und Kunstexperte Georg Rehm wiegt das gewichtige Buch in den Händen, blättert in dem Werk, entdeckt einen Kupferstich darin – und taxiert „aus dem Bauch heraus“ auf 150 bis 200 Euro. Dann zieht der Besucher noch ein anderes Teil aus der Tasche. Ein Posthorn, umwickelt mit einer Kordel. „Das ist von 1866“, meint er. Rehm, unterm AZ-Sonnenschirm an unserem mobilen Schreibtisch stehend und auf ein vielköpfiges Auditorium schauend, ist skeptisch. „In den letzten 50 Jahren sind viele Imitate hergestellt worden ...“, meint er und betrachtet das Posthorn genauer.

Dieses könnte tatsächlich ein Original sein. Wert? Auch so 150 bis 200 Euro. Wie das Horn klingt? Da lässt sich der Mann nicht lange bitten und bläst. Es klingt über den Platz, als greife eine ganze Kavallerie in einem alten Western an. Szenenapplaus vor dem alten Tramdepot in Kriegshaber, wo an diesem Dienstagnachmittag wie in einem Freilufttheater um die hundert Leute versammelt sind zur Kunstsprechstunde mit Georg Rehm. Kunstsprechstunde? Es sind am Ende fast vier Stunden, in denen Rehm ohne Pause fast 200 Objekte in Augenschein nimmt, sie kommentiert, begutachtet, einordnet, schätzt … Die Leute sind diesmal nicht nur aus Kriegshaber, sondern von überallher gekommen. In großen Taschen und Tüten, Kartons und Koffern, Rucksäcken und Plastikboxen, in Handtüchern und Kissenbezügen eingewickelt werden Schätze von daheim an unseren mobilen Schreibtisch gebracht. Erbstücke, Familiennachlass, Flohmarktkäufe, Wandschmuck, Vitrinenheiligtümer, Herzensangelegenheiten – Kitsch, Kulturgut, Krempel, Kostbares.

Stoff für einen Auktionskatalog

Wollte man alles inventarisieren, was da an diesem Nachmittag ausgepackt und vorgezeigt wird – es wäre Stoff für einen dicken Auktionskatalog. Kleine und riesige Ölbilder sind dabei, Tischuhren und Taschenuhren, altes Spielzeug, Vasen, Figuren, Fotoapparate und ein Bügeleisen, ein Rosenkranz, eine Kropfkette, Ringe, Tabakpfeifen, Bierkrüge, Kruzifixe und Madonnen, Bibeln und Feuerzeuge, eine Miniaturgeige und eine Buddhafigur …

Der Andrang ist groß, aber Georg Rehms Durchhaltevermögen ist noch größer. Alle kommen zum Zuge, auch wenn manche geduldig drei Stunden warten müssen, bis ihre Nummer aufgerufen wird. Aber es kann einem nicht langweilig werden an diesem Tag. Denn das Panoptikum der Dinge, die Geschichten, die dazugehören und Georg Rehms menschenfreundlich überbrachten, aber immer realistisch ehrlichen Taxierungen sind gute Unterhaltung. Viele Illusionen platzen hier an der Ulmer Straße wie Seifenblasen. Die Holzfigur, gotisch? „Nein, die ist sicher 20. Jahrhundert, Oberammergau, vorgefräst.“ Ein Landschaftsbild. Wertvoll? „Sie dürfen alles damit machen, aber nicht hoffen, Geld damit zu machen. Leider ganz schlechte Qualität.“

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Rehm braucht keine Lupe, nur fünf Sekunden

Ein Blechspielzeugvogel zum Aufziehen, der auf unserem Schreibtisch herumhoppelt und singt und singt. „Ist das ein Männchen?“, fragt jemand aus dem Publikum? „Ich hätte auf Weibchen getippt, weil wir ihn nicht abstellen können“, sagt der gut aufgelegte Experte. Hinter ihm quietscht es – unsere alte Tram, das größte Nostalgiestück an diesem Tag, fährt mit einigen unserer Gäste auf eine Tour durch Kriegshaber. Schon hat Rehm das nächste Stück in der Hand – ein blauer Freundschaftsbecher, Glas. „Wahrscheinlich aus dem bayerischen Wald, vor 30 Jahren hätte man dafür 150 Euro erzielt, heute nicht mal mehr die Hälfte“, sagt der Auktionator, hält das Stück nachdenklich gegen das Licht und schiebt nach: „Sie dürfen es ruhig mal putzen ...“ Die Frau lacht. „Steht bei mir im Keller.“ Schon wird das nächste Stück gereicht, eine große Vase. „Ist das Elfenbein?“, fragt erwartungsvoll die Besitzerin. Rehm braucht da keine Lupe und nur fünf Sekunden. „Nein, das ist Plastik, Kunststoff. Wenn Sie die anbrennen, werden Sie es riechen.“

Wie in einer Zirkusarena, in der eine Nummer der nächsten folgt, geht es in diesem Tempo weiter. Jemand packt ein großes Gemälde aus, das eine nackte Frau zeigt. Rehm: „Ein schönes Motiv ist das ja.“ Zwischenruf: „Für Männer vielleicht!“ Rehm: „Ich hoffe, dass die Frau besser aussah, als der Maler sie hier gemalt hat ...“

Überraschte Gesichter, strahlende Gesichter, zerknirschte Gesichter

Nicht alles kann geklärt und sicher identifiziert werden an diesem Nachmittag. Es gibt überraschte Gesichter, strahlende Gesichter („Was, so wertvoll?“), zerknirschte Gesichter, fröhliche Gesichter („Ich hätte es ja eh nie hergegeben!“), erstaunte Gesichter. Alles ist live – Freude und Enttäuschung.

Manchmal tauchen hinter den Dingen auch noch die abenteuerlichsten Geschichten auf. Da wird mit einem Satz Zeit und Raum überbrückt. Von unserem Schreibtisch geht es zurück in die 1930er Jahre nach Berlin, wenn Ekkehard L. erzählt, warum er mit dieser Kaminuhr zu uns gekommen ist. Ja, diese Kaminuhr stammt von seinem Onkel, der sie wiederum von der Familie Jandorf hat. Bei ihnen, diesen jüdischen Unternehmern in Berlin, die das Kaufhaus des Westens gegründet haben, bei ihnen hat der Onkel als Kammerdiener gearbeitet. Der Tempel des Konsums hat die Jandorfs reich gemacht, die Nationalsozialisten und die Nazi-Ideologie haben die Jandorfs aus Deutschland vertrieben. Herr L. erzählt weiter, dass die Villa der Jandorfs am Kleinen Wannsee ihnen über einen Strohmann von Heinz Rühmann abgekauft worden sei. Und die Kaminuhr, die jetzt an unserem mobilen Schreibtisch zu sehen ist, diese Uhr hat sein Onkel geschenkt bekommen, als die Jandorfs Mitte der 1930er Jahre aus Deutschland emigrieren mussten. Sie haben ihrem Personal wertvolle Abschiedsgeschenke vermacht.

Eine lebenslange Freundschaft

Oder die Miniaturgeige, die Ludwig Ogir aus Fischach gebracht hat, mit dieser Miniaturgeige verbindet sich ebenfalls die Familiengeschichte: Sein Vater rettete einem Italiener in Kriegsgefangenenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg das Leben. Daraus erwuchs eine lebenslange Freundschaft der Familien Rizzi und Ogir. Ein Zeichen dieser Freundschaft ist die Mini-Geige aus Cremona. Ludwig Ogir interessiert, ob sie aus Holz oder Plastik ist. „Es sieht so aus, als ob sie etwas Besonderes ist.“ „Aus Holz“, sagt Rehm, „hübsch, aber der Wert eher im Souvenirbereich.“

An diesem Dienstag kommt auch zur Aufführung: der Besuch der alten Dame. Wilhelmine Schäfer – 103 Jahre alt – ist aus der Jakobervorstadt zu uns gekommen. Sie trägt eine große Sonnenbrille, ist bester Laune, ihr vierzig Jahre jüngerer Mann Gerhard Beyl ist dabei. Sie hält nebenan auf der Terrasse des Café Link Hof. Und auch sie spricht Klartext: „Viele wollen in die erste Reihe, aber nur wenige gehören dorthin“, sagt sie und erzählt von ihrem Auftritt in der Fernsehsendung „Nachtcafé“. Rotzfrech sei sie gewesen. Was ist Liebe, habe sie der Moderator Michael Steinbrecher gefragt. „Da habe ich ihm zugerufen – Herr Steinbrecher, dann sagen Sie mir: Was ist Glück?“ Niedergekniet sei Steinbrecher nach der Sendung und habe ihr gesagt: Sie sei die Beste gewesen.

Eine Armeesperre in Kriegshaber

Nun stellt sich Hivso Ferhadbegovic vor, 89 Jahre alt, in Bosnien geboren, 1943 der 118. Jägerdivision beigetreten, im Krieg verwundet, 1947 in einem Not-Lazarett in Augsburg gelegen, nämlich der Volksschule in Kriegshaber. Und er fragt, ob es noch jemanden gibt, der sich an diese Zeit in der Schule erinnern kann. Überhaupt ist der lange Schatten des Zweiten Weltkriegs gleich ein paar Mal Thema an diesem Nachmittag. Etwa in den Ausführungen von Inge Beer, Jahrgang 1936, die von der amerikanischen Straßensperre 1945 berichtet. Mit ihren Eltern besuchte sie die Großmutter in der Fuggerei. Sie blieben über Nacht, schliefen zu viert in dem schmalen Doppelbett. Auf dem Rückweg wurden sie in Kriegshaber von den Amerikanern aufgehalten, die die Stadt nun eingenommen hatten und dort eine Straßensperre errichtet hatten. „Ich hatte Angst, dass wir nicht mehr nach Hause kommen“, sagt Beer. Nach Hause gehen unsere Besucher mit denselben Dingen, die sie mitgebracht hatten. Aber der Blick darauf wird von nun an vermutlich ein anderer sein. Niemand hat einen märchenhaften Glückstreffer gelandet. Kein unbekannter Picasso vom Dachboden, kein Millionenschmuck, keine Sensation. Dafür: viel Liebhaberwert.

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