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30 Jahre Mauerfall

27.10.2019

Servus Sachse! Wie drei Brüder dem Osten den Rücken kehrten

Drei Brüder, drei Lebenswege: Carsten, Christian und Simon Krauß.
Bild: Carsten Krauß

Plus Unser Autor stammt aus Zwickau. Wie zahlreiche Altersgenossen hat er die Heimat verlassen. Nun kehren viele Freunde zurück. Warum sind sie woanders nie heimisch geworden?

Das Wörtchen Servus ist eigentümlich. In Bayern kann man sich damit begrüßen und verabschieden. Weiter nördlich in Deutschland reden die Leute anders. Sie sagen Hallo, wenn sie sich begrüßen und Tschüss, wenn sie sich verabschieden. Rund 350.000 Pendler aus Deutschland sagen Sonntag ihren Lieben Tschüss und am Montag Servus zu ihren Kollegen.

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30 Jahre nach dem Fall der Mauer kommen noch immer viele von ihnen aus dem Osten nach Bayern, wo die Wirtschaft stark ist und das Geld stimmt. Genauer gesagt sind es 95.000. Sie stammen aus Erfurt, Chemnitz, Dresden, Halle oder Berlin. Die Älteren sagen dazu noch immer, dass sie im Westen arbeiten, obwohl Bayern im Süden liegt. Nicht wenige haben mehr als ihr halbes Berufsleben bayerischen Unternehmen gegeben und ungezählte Stunden auf der Autobahn verbracht.

Carsten: Bei der Arbeit wird er "Sachse" gerufen

Mein bester Freund ist auch einer dieser Pendler. Auf ein halbes Berufsleben kommt er noch nicht, aber seit 13 Jahren arbeitet er in Bayern. Zunächst heuert er in Straubing an, danach in einem Chemiewerk bei Rosenheim. Carsten ist Mitte 30, Schichtleiter, Techniker und wenn es um Fachkräfte geht, die überall fehlen, sind Leute wie er gemeint. Letztes Jahr ist er mit seiner Freundin wieder in die Heimat gezogen – nach Zwickau. Ihr Kind war da. Sie verließen ihr kleines Häuschen in Ottobrunn. Wer Kinder hat, weiß, dass es besser ist, Omas und Opas in der Nähe zu haben.

"Man kann die in der Heimat verwurzelte Familie nur schwer nach Bayern bringen", meint Carsten. Zu Hause machen die Kindergärten auch nicht um 14 Uhr zu, wie vielerorts im Freistaat. Es ist selbstverständlich, dass die Mütter arbeiten gehen. Ganz abgebrochen haben die beiden ihre Zelte im Münchner Umland noch nicht. Carsten hat ein WG-Zimmer. Vier Tage die Woche arbeitet er im Chemiewerk, dann geht es auf die Autobahn Richtung Nord-Osten oder "hoch", wie wir sagen, wenn wir miteinander telefonieren.

Er und seine Freundin sind mit ihrer Entscheidung nicht allein. Das erste Mal seit der Wiedervereinigung suchen im Osten die Firmen und der Staat massenhaft Leute. Carstens mittlerer Bruder Christian ist ebenfalls 2018 mit seiner Frau aus der Nähe von Osnabrück zurückgezogen. Sie haben eine kleine Tochter. Der Exodus aus Ostdeutschland ist seit zwei Jahren gestoppt. Das heißt, es gehen nicht mehr Menschen aus den neuen Ländern weg als aus den alten Ländern hinzukommen. Das liegt vor allem daran, dass es heute Arbeit gibt und niemand gezwungen ist, sein Glück woanders zu suchen. Verließen 2001 noch über 190.000 Menschen den Osten, waren es 2017 weniger als 90.000.

Zwickau ist die Stadt, aus der der Trabi kommt. Damit können die Leute überall in Deutschland etwas anfangen. Der größte Sohn der Stadt ist der Komponist Robert Schumann. Damit können weniger Leute etwas anfangen. Der Satz, dass auch Audi in Zwickau gegründet wurde, ist südlich von Oberfranken eine Überraschung.

Schumann zog Mitte des 19. Jahrhunderts in den Westen. Dort ging er elendig zugrunde. Die beiden Brüder Carsten und Christian sind weder in Bayern noch in Niedersachsen eingegangen. "Wir wollten einfach etwas anderes kennenlernen", sagt Carsten. Ihre Eltern ermutigten sie dazu. Sie haben nach der Wende ein Architekturbüro aufgebaut, sind fest verankert, aber halten die eigene Scholle nicht für den Nabel der Welt.

Im Werk wird Carsten "Sachse" gerufen. Das ist deutlich besser als Preuße. Denn eigentlich sind alle Deutschen nördlich der Landesgrenze "Preißn", wie er gleich am Anfang erklärt bekommen hat. Preißn sind für seine Kollegen unglückselige Gestalten, die in kargen Landstrichen wohnen. Sachsen und Bayern sind sich hingegen gar nicht so unähnlich. Es wird gut gegessen, vor allem Wurst und Fleisch. Die Menschen kippen viel Bier. Die Sachsen trinken im Schnitt 135 Liter pro Jahr, die Bayern kommen etwa auf die gleiche Größenordnung.

In den ersten Jahren wohnt Carsten in einer kleinen Wohnung beim Brunner-Bauern auf dem Dorf. Er freundet sich mit dem Sohn der Familie an, der ihn zu seinen Freunden mitnimmt. Die Landjugend feiert in einem ausrangierten Bauwagen, der unweit des Hofes steht. "Bauwoogn" steht draußen dran. Im Winter sorgt ein Kanonenofen für drückende Wärme. Dann steigt das Bier schneller in den Kopf. Carsten hätte sich dort ein ganzes Leben aufbauen können. Ein Haus bauen, Kinder kriegen, zum Stammtisch gehen. Wie man das so macht in Bayern auf dem Land. Nur in die katholische Kirche wäre er nicht eingetreten.

Es bleibt aber doch ein halbes Leben. "Die Bindung zu den alten Freunden, die ist halt fester." Also steigt er in das Auto und fährt. Im Jahr spult er 40.000 Kilometer ab. Der Wagen kennt die Strecke wie von selbst und die Flaschenhälse, wo die Karawane zum Stillstand kommt. Münchner Ring, Holledau und wenn es dann fast geschafft ist, die A72 bei Hof und Plauen. "Wenn es schlecht läuft, kann ich die Nachrichten im Radio mitsprechen", erzählt Carsten. Er fährt immer noch gerne Auto.

Christian: "Kauf bei einem Schützenfest niemals nur ein Bier"

Auch sein Bruder klemmt sich gerne hinter das Steuer. Es ist eine Eigenschaft, die für den Pendler äußerst nützlich ist. Das Städtchen Damme bei Osnabrück liegt von Zwickau 500 Kilometer entfernt. Christian musste seiner Frau versprechen, dass sie nach drei Jahren zurückgehen. "Es sind dann über fünf geworden", erzählt er. Seine wichtigste Integrationsregel hat auch mit Bier zu tun. "Kauf bei einem Schützenfest niemals nur ein Bier, wenn Du Dich anstellst, sondern gleich drei oder vier. Die verteilst Du dann." Die spröden Norddeutschen brauchen etwas, das ihre Zungen lockert.

Christian ist Maschinenbauingenieur und arbeitet bei einem Hersteller von Landmaschinen. Sein erstes Praktikum machte er dort vor zehn Jahren. "Du bleibst aber immer der Ossi", sagt er achselzuckend. Vor einigen Jahren bekam er zum Tag der Einheit von einem Kollegen eine Banane geschenkt. Die neuen Länder angeschaut haben nur wenige von ihnen.

Weil auch in Niedersachsen Fachkräfte fehlen, lassen sich die Firmen heute auf Sachen ein, die vor zehn Jahren undenkbar waren. Christian arbeitet drei Wochen im Monat von zu Hause aus und eine Woche im Werk. "Es war für mich ganz wertvoll, dass ich rausgekommen bin und es dort geschafft habe. Ich habe mich wohl gefühlt", sagt er. Aber der alten Heimat ein bisschen neues Leben einhauchen, ist ihm auch wichtig. Denn mit Ausnahme von Dresden und Leipzig ist Sachsen tatsächlich ein altes Land. Lebten dort 1990 noch 4,8 Millionen Menschen, sind es heute noch vier Millionen.

Vor allem in den Jahren des Niedergangs in den katastrophalen 90ern gingen die Guten und Jungen. Viele Frauen waren darunter, die ihre Kinder im Westen auf die Welt gebracht haben. "Die Jahrgänge, die jetzt in Rente gehen, sind doppelt so stark, wie die, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommen", mahnt Ministerpräsident Michael Kretschmer mit ernstem Gesicht. Im Wahlkampf vor der Landtagswahl hat er seine Landsleute darauf eingestellt, dass es ohne Zuwanderer nicht klappen wird, die Lücken zu schließen. Bei vielen Sachsen kommt das nicht gut an. Bei der Wahl Anfang September wurde die AfD zweitstärkste Kraft.

Es gibt 140.000 Pendler, die Sachsen verlassen, um zur Arbeit woanders hinzufahren. Gleichzeitig kommen 120.000 aus anderen Ländern. Die Landesregierung, die Städte und die Unternehmen bemühen sich um die verloren gegangenen Schäfchen. In diesem und im nächsten Jahr stellt Kretschmer dafür insgesamt zehn Millionen Euro zur Verfügung. Zwischen Weihnachten und Silvester, wenn die Pendler bei ihren Familien sind, werden Heimkehrer-Messen auf die Beine gestellt. Die Firmen stellen sich vor und hoffen, dass die Heimattreue verfängt. Sie muss es auch, denn beim Gehalt können sie mit der West-Konkurrenz nicht mithalten. Im Mittel zahlen Ost-Firmen pro Monat 850 Euro brutto weniger, wie die Arbeitsagentur ausgerechnet hat. Also zählen jene Faktoren, die Ökonomen die weichen nennen. Freunde, Familie, Freizeit gehören dazu, aber auch Kindergartenplätze und niedrigere Preise für Häuschen und Wohnungen.

Simon: "Man sieht den Leuten an, dass sie zufrieden sind"

Während mein bester Freund und sein mittlerer Bruder – Carsten und Christian – vergangenes Jahr zurückgekommen sind, hat sich der Jüngste der drei entschieden, wegzugehen. Simon zog es von Erfurt nach München. In der Landeshauptstadt Thüringens hatte er seinen Master in Architektur gemacht, in der Hauptstadt Bayerns verdient er jetzt sein Geld als Bauleiter. Seine Frau studiert in München Pharmazie. Sie haben ihren Beschluss keine Sekunde lang bereut.

In München ist die Wirtschaft viel stärker, die Stadt ist schön. Und erst das Umland mit Seen und Bergen. Baute er in Erfurt Projekte für eine Million Euro, ist es in Bayern das 20-fache. "Man sieht den Leuten hier an, dass sie zufrieden sind, dass sie Geld haben", sagt Simon. Knauserer und Knicker sind ihm noch nicht über den Weg gelaufen. "Die können ihr Leben genießen." Der Biergarten ist sein Beweis dafür. Seine Frau und er denken nicht daran, wieder kehrt zu machen. Eigentlich sollte er einmal das Büro seiner Eltern übernehmen. Simon hält sich alles offen. "Wenn Kinder kommen sollten, kann man noch einmal nachdenken."

Unser Special "30 Jahre Mauerfall": Alle Artikel finden Sie hier in der Übersicht.

Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, stellt unsere große Sonderbeilage zu 30 Jahren Mauerfall in Print und Digital vor. Diese Geschichten finden Sie darin.
Video: Axel Hechelmann
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