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Plötzlich wohlhabend

08.06.2020

Wie Newcastle United der reichste Klub der Welt werden könnte

Steht Newcastle United eine rosige Zukunft bevor? 80 Prozent des Klubs könnten bald in den Händen eines saudi-arabischen Staatsfonds liegen. Politiker und Menschenrechtler äußern allerdings Bedenken.
Bild: Www.imago-images.de

Saudi-Arabiens Kronprinz wird vorgeworfen, den Khashoggi-Mord in Auftrag gegeben zu haben. Nun will er die Engländer übernehmen – nicht allein aus sportlichem Interesse.

Die Fans von Newcastle United hatten in jüngster Vergangenheit selten Grund zum Feiern. Seit der Jahrtausendwende dümpelt der stolze Verein aus dem Norden Englands, dessen letzte Erstliga-Meisterschaft 93 Jahre zurückliegt, vornehmlich im Mittelfeld der Premier League umher. 2009 und 2016 musste er gar den Gang in die Zweitklassigkeit antreten – beide Male gelang jedoch immerhin der direkte Wiederaufstieg.

Einen Verantwortlichen für den chronischen Misserfolg haben die Anhänger der Magpies (deutsch: Elstern) längst ausgemacht: Besitzer Mike Ashley, der den Klub vor 13 Jahren übernommen hat. Die Vorwürfe: Ashley, Gründer des Sportwarenhändlers Sports Direct, habe in seiner Zeit als Eigentümer katastrophale Personalentscheidungen getroffen, Newcastle vor allem als Werbeplattform für sein Unternehmen genutzt und viel zu wenig Geld in die Mannschaft gesteckt. Rund um den heimischen St. James’ Park stehen wütende Proteste gegen den 55-Jährigen auf der Tagesordnung. Ashley selbst hat übrigens immer wieder bekräftigt, den Klub am liebsten wieder verkaufen zu wollen. Die Verhandlungen sind jedoch stets gescheitert. Bis jetzt.

Der Klub soll für 340 Millionen Euro den Besitzer wechseln

Denn das Ende der Ära Ashley könnte nun unmittelbar bevorstehen. Wie englische Medien berichten, soll sich der ungeliebte Klubboss mit einem Investoren-Konsortium auf einen Deal geeinigt haben. Für umgerechnet rund 340 Millionen Euro soll Newcastle United an die neuen Besitzer gehen. Soweit nicht ungewöhnlich: In England gibt es keine Vorschrift wie die 50+1 Regel, welche in Deutschland verhindert, dass Investoren die Entscheidungsmacht über die Strategie eines Fußballvereins übernehmen. Die Fans auf der Insel sind mittlerweile gewohnt, dass ihre Vereine Milliardären, Scheichs oder Oligarchen gehören. Und diese eben mehr oder weniger am sportlichen Erfolg interessiert sind.

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Und doch wird die Übernahme zum Politikum: Denn 80 Prozent der Anteile sollen künftig in den Händen des angeblich knapp 300 Milliarden Euro schweren saudi-arabischen Public Investment Fund (PIF) liegen. Dessen Vorsitzender: Kronprinz Mohammed bin Salman.

Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman soll in die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi verwickelt gewesen sein.
Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa

Als Verteidigungsminister und stellvertretender Premierminister hat der 34-Jährige großen Einfluss in Saudi-Arabien. Er gilt als skrupelloser und autoritärer Herrscher – auf Presse- oder Meinungsfreiheit legt er keinen Wert. Der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA ist sich sicher, dass bin Salman im Oktober 2018 die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul in Auftrag gegeben hat.

Khashoggis Verlobte wendet sich an Newcastle-Anhänger

Ist es moralisch vertretbar, dass ein Mann wie bin Salman bei einem englischen Fußballverein einsteigt? Im Mutterland des Fußballs regt sich Widerstand gegen den Deal. Mehrere Politiker haben ihre Bedenken geäußert. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat die Premier League dazu aufgefordert, die Übernahme zu stoppen. Khashoggis Verlobte Hatice Cengiz wandte sich via Twitter in einem offenen Brief an die Anhänger der Magpies: "Ich appelliere an euch, darüber nachzudenken, ob Mohammed bin Salmans Angebot für euren Klub und die Stadt wirklich der richtige Weg aus der Verzweiflung ist." Es dürfe nicht passieren, dass jemand einen Klub kontrolliert, der sich eigentlich wegen Mordes verantworten sollte.

Dass der Kronprinz bei Newcastle United einsteigen will, liegt wohl weniger an seiner Begeisterung für den Sport. Sondern vielmehr daran, dass er dadurch seinen Ruf in der westlichen Welt aufpolieren möchte. Im vergangenen Jahr stieg bereits Box-Superstar Anthony Joshua in der saudischen Hauptstadt Riad in den Ring, auch der italienische Fußball-Supercup fand dort statt. Andere Golfmonarchien sind seit der Jahrtausendwende einen ähnlichen Weg wie bin Salman gegangen: Paris Saint-Germain gehört der katarischen Herrscherfamilie, Manchester City eben jener aus Abu Dhabi.

Bei den Newcastle-Fans regt sich nur wenig Widerstand

Durch die Übernahme könnte Newcastle zum Verein mit den reichsten Besitzern der Welt werden – und mittelfristig in die Riege der europäischen Topklubs aufsteigen. Schon jetzt werden die Bayern-Spieler Lucas Hernandez und Philippe Coutinho mit den Magpies in Verbindung gebracht. Als Kandidat auf der Trainerposition gilt Ex-Tottenham-Coach Mauricio Pochettino.

Der Deal wird derzeit von der Premier League geprüft, was laut britischen Medien Formsache sein dürfte. Wie der Guardian berichtet, sorgt jedoch für Unmut, dass der saudische Staatsfonds hinter dem illegalen Streaminganbieter beoutQ stecken soll. Dieser überträgt auch Fußballspiele und bedient sich am Bildmaterial des katarischen Senders beinSports. Die beiden Staaten liefern sich einen erbitterten Streit.

Wirft man einen Blick in die sozialen Medien, scheinen sich die meisten Newcastle-Fans an der geplanten Übernehme durch den Kronprinz nicht zu stören. Im Gegenteil: Sie sind froh, dass es in der wirtschaftlich angeschlagenen Region zumindest mit ihrem Fußballverein wieder bergauf gehen könnte. Und dass Mike Ashley wohl bald Geschichte ist.

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