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Interview zur Grippewelle

20.03.2015

Experte gibt noch keine vollständige Entwarnung für die Region

Wer grippekrank ist, der hilft sich nicht nur mit den entsprechenden Medikamenten, auch Hausmittelchen werden oft angewandt.
Bild: Martina Diemand

Chefarzt Franz von Hoch verrät im Gespräch, wie das Wertinger Kreiskrankenhaus mit den Erkrankungen zurechtgekommen ist und was es noch erwartet.

Die Grippewelle hat in den vergangenen Wochen auch die Menschen im Zusamtal hart getroffen. Das hatte Auswirkungen auf die Mitarbeiter am Wertinger Kreiskrankenhaus. Wir haben Chefarzt Dr. med. Franz von Hoch (Facharzt für Innere Medizin/Kardiologie) gefragt, wie sich die aktuelle Situation darstellt und wann man sich gegen die nächste Grippe impfen sollte.

AZ: Ist die Grippewelle in der Region Wertingen endgültig vorbei?

Franz von Hoch: Wir haben glücklicherweise den Höhepunkt der Grippewelle überschritten. Sie flaut deutlich ab, es kommen deutlich weniger Patienten mit Influenza zur Aufnahme. Auch die „Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI)“ meldet einen Rückgang der Erkrankungsfälle. Für eine vollständige Entwarnung ist es aber noch zu früh.

Wie fällt Ihre Bilanz der Grippe 2014/2015 aus?

Wir haben die schwerste Grippewelle der letzten Jahre erlebt. Das betrifft sowohl den Schweregrad der Erkrankung, als auch den Verlauf, die Dauer der Erkrankung und die Anzahl der erkrankten Patienten.

Wie hoch schätzen sie den Anteil der Menschen, die grippekrank sind, aber nicht zum Arzt gehen?

Hierzu verlässliche Angaben zu machen ist schwierig. Auffallend ist aber ein Trend, dass Patienten sich heutzutage früher wegen Grippesymptomen zum Arzt oder auch in die Notaufnahme der Kliniken begeben. Dies ist in diesem Winter aber auch durch die außerordentlich schweren Verläufe der Grippeerkrankungen mitbegründet.

Waren und sind auch Ärzte, Pfleger und sonstige Mitarbeiter des Wertinger Krankenhauses von der Grippe betroffen?

Insbesondere medizinisches Personal, das ständig Kontakt zu vielen Patienten hat, ist besonders ansteckungsgefährdet – gerade während einer Influenza-Epidemie von derartiger Heftigkeit. Entsprechend waren und sind auch zahlreiche Mitarbeiter erkrankt, aber die übrigen Mitarbeiter haben die Ausfälle durch ein unglaubliches Maß an Mehrarbeit und Überstunden mit enormem medizinischem und menschlichem Einsatz kompensiert. Die Kreisklinik Wertingen konnte so die Versorgung der hohen Patientenzahlen sicherstellen und musste nicht über längere Zeit von der Notfallversorgung abgemeldet werden. Mein Dank geht an das gesamte Team unserer Klinik, das über viele Tage dauerhaft an die Belastungsgrenze gegangen ist und die Versorgung der zum Teil schwerkranken Patienten möglich gemacht hat.

Helfen die frühlingshaften Temperaturen, damit die restlichen Krankheitsfälle nun abklingen?

Die Grippe-Welle ist von der Jahreszeit abhängig und entsprechend bezüglich der Häufigkeit der Neuerkrankungen glücklicherweise wieder im Abklingen. Ein vollständiges Ende der Grippewelle zu verkünden ist sicher noch verfrüht.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der hauptbetroffenen Inneren Abteilung, der Notaufnahme und der Intensivstation?

Der zweite Bauabschnitt des Neubaus der Kreisklinik Wertingen eröffnete die Option, moderne und hocheffiziente Strukturen der Patientenversorgung umzusetzen. Die interdisziplinäre Notaufnahme mit zahlreichen Versorgungszimmern, Röntgeneinheit, modernsten Ultraschallgeräten und Computertomogramm schließt räumlich direkt an eine durch Monitore überwachte Kurzliegeeinheit an, dahinter liegt die Intensivstation und direkt daran anschließend eine „Intermediate Care Unit“ – eine Halbintensivstation, auf der in zehn Überwachungsbetten die Überwachung der wichtigsten Vitalfunktionen auch schwer kranker Patienten mit einer zentralen Monitoranlage sichergestellt ist. Die Patienten können so noch in der Notaufnahme einer sofortigen Diagnostik unterzogen werden und auf die Überwachungseinheiten weiterverlegt werden. Bei leichteren Erkrankungen werden die Patienten auf den übrigen Stationen verteilt.

Werden im Krankenhaus nun irgendwelche Konsequenzen gezogen?

Glücklicherweise wurden die wichtigen Abteilungsstrukturen sowie die Diagnostik- und Behandlungsabläufe bereits im Vorfeld bei der Umstrukturierung der internistischen Abteilung geschaffen. Die Wertinger Klinik hat in diesen Spitzenbelastungszeiten ihre Feuertaufe bestanden. Noch während der Aufnahme in den Nachtstunden wird der Patient in eine elektronische Liste aufgenommen, in der die weitere, noch ausstehende Diagnostik für den nächsten Tag festgelegt wird. Dies optimiert die Patientenversorgung, verkürzt zusätzlich die Liegezeiten der Patienten und erhöht so auch die Kapazität der Klinik. Wir werden weiterhin alles tun, um die Versorgungsqualität weiter zu optimieren.

Macht es Sinn, sich jetzt noch gegen Grippe impfen zu lassen?

Auch wenn die Diskussion des Sinns einer Grippeimpfung immer wieder kontrovers geführt wird – die Fachgremien sind sich einig: vor allem chronisch kranke, schwache oder ältere Mitbürger, Patienten mit Immunschwäche, aber einfach auch Menschen, die mit vielen Mitmenschen in Kontakt kommen tragen ein hohes Risiko, an einer schweren Grippe zu erkranken. Sie sollten sich impfen lassen, um ihr persönliches Risiko zu reduzieren. Durch die Impfung kommt es nur in höchst seltenen Ausnahmefällen zu einer relevanten Beeinträchtigung des Patienten, das Risiko einer schweren Grippeerkrankung ist ein Vielfaches höher. Die Impfung sollte im Herbst durchgeführt werden, je weiter der Winter fortgeschritten ist, um so geringer fällt das Erkrankungsrisiko aus. Die Entscheidung muss dann individuell getroffen werden.

Wie sieht es in der Notaufnahme in Wertingen aus? Im Zentralklinikum in Augsburg, so war zu hören, wurde die Kapazität zuletzt oft überschritten.

Auch die Notaufnahme in Wertingen arbeitete über viele Tage an der Belastungsgrenze, konnte aber aufgrund der interdisziplinären Struktur, der Möglichkeiten der raschen Diagnostik und der engen Vernetzung mit den Stationen die Patientenströme rasch weiterleiten. Mittlerweile hat sich die Situation wieder entspannt und es bestehen ausreichend Kapazitäten zur Versorgung unserer Patienten.

Franz von Hoch
Bild: Franz von Hoch
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