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Pfaffenhofen/Wertingen

26.03.2018

Kastanien spenden nach 130 Jahren noch Schatten

Mächtige Bäume stehen im Traditionsbiergarten Lagoi in Pfaffenhofen. Damit sie noch lange Schatten spenden können, hat Gastwirt Josef Straub bereits zum dritten Mal die 19 Kastanien und Linden sanieren lassen.

Im Pfaffenhofener Biergarten „Lagoi“ wurden 19 Bäume saniert. Eine alte Linde bekommt ein zweites Leben. Die Bäume waren einst aus einem ganz speziellen Grund gepflanzt worden. Auch ein Mammutbaum in Wertingen scheint gerettet. 

„Ein alter Baum ist was Schönes“, sagt Josef Straub. In seinen Worten klingt Sehnsucht durch, aber auch ein Hauch von Resignation und Verzweiflung. Vor drei Wochen erst hat sich auf dem Nachbargrundstück seines Biergartens „Lagoi“ ein Naturdrama abgespielt. Eine über 60 Jahre alte Linde wurde von Gemeindearbeitern umgemacht und damit für ihn eine Kindheitserinnerung für immer zerstört. „Der Baum war unser Spielplatz“, erzählt Josef Straub von einer schönen Zeit. In den Nachkriegsjahren, so erinnert er sich, hatten Flüchtlinge aus dem Sudetenland die duftenden Lindenblüten gepflückt, getrocknet und sich so mit Tee fürs ganze Jahr eingedeckt. Nun sei der Platz plötzlich öde und leer. „Es fehlt was“, bedauert der 75-jährige Gastwirt die allzu schnelle Säge und den Hang zur Radikalität. Baumfällen ist in seinen Augen modern geworden. Als die Arbeiter das erste Mal angerückt waren, konnte Josef Straub eine Fällung mit den Worten „der Baum bleibt stehen“ noch verhindern, erzählt er. Später sei Bürgermeister Hans Kaltner gekommen, um ihn zu überzeugen, dass von der Dorflinde eine Gefahr ausginge, weil ein dürrer Ast zu Boden gefallen war.

Jetzt steht Josef Straub in seinem eigenen Biergarten und schaut hinauf in den Himmel zu den Baumkraxlern. Immer wieder ist ein Knacksen zu hören, bevor Äste zu Boden fallen. Der Besitzer hat Baumpfleger beauftragt, eine Sanierung durchzuführen – bevor es mit der Biergarten-Saison los geht. Von Fällung ist hier überhaupt keine Rede.

Marco Hillenmeyer aus Wertingen setzt auf eine „nachhaltige Baumpflege“. Am Freitag hat er 19 Linden und Kastanien im Lagoi untersucht, Totholz herausgeschnitten und die Kronen eingekürzt. An einigen Hauptästen wurden Sicherungsseile angebracht. Die Erfahrung als Industriekletterer kommt dem Baumpfleger Hillenmeyer dabei zugute. Genauso wie Spezialkurse, die er in den vergangenen Jahren absolvierte, um sich weiterzubilden. Nicht selten holt er sich noch Rat von Baumbiologen und Förstern. Mit Felix Rehm steht ihm ein versierter Forst- und Fachagrarwirt für Baumpflege und -sanierung zur Seite. Eine alte Linde im Bereich des Ausschanks findet bei den Experten besondere Beachtung. Der Baum hat knorrige Äste, Schrunden und Höhlen – „ein Habitat“. Soll er deswegen weg? „Auf keinen Fall“, macht Hillenmeyer auf den Kotfund aufmerksam. Im Baum wohnen offensichtlich Fledermäuse. Die alte Linde ist damit zu einem sogenannten „Habitatbaum“ (siehe Info) geworden und bietet einen besonderen Lebensraum für weitere Lebewesen- Käfer etwa, Vögel und Insekten.

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Die Kastanien und Linden im Lagoi sind 132 Jahre alt und eng verwurzelt mit der Geschichte des Bierbrauens. 1886 hatte der Urgroßvater von Josef Straub einen Bierkeller bauen lassen und parallel dazu Kastanien und Linden gepflanzt. Diese sollten die Kühlung des Bieres mit unterstützen. Heute kommen Besucher im Sommer vor allem wegen der angenehmen Kühle unter den Bäumen.

Ortswechsel: Einen Tag später rücken die Baumpfleger in der Montessorischule in Wertingen an. 33 Bäume sollen dort unter die Lupe genommen werden. Der Geschäftsführerin Sonja Spiegler macht vor allem ein seltenes Exemplar im Garten Sorge: „Unser Mammutbaum sieht krank aus.“ Marco Hillenmeyer kann sie nach der Begutachtung beruhigen. Ein sanftes Zurückschneiden der Krone genügt, um den 50 Jahre alten Baum wieder in die Balance zu bringen.

Jetzt schnurren die Sägen und rattert der Häcksler. Die Arbeiter tragen um die Hüften schwere Seile, Gurte, Ketten, Werkzeuge und für alle Fälle ein Rettungsset. Marco Hillenmeyer ärgert sich über manchen Kollegen in seiner Branche. Viele seien oftmals gar keine Fachleute: Im Prinzip könne jeder Baumpflege betreiben, ob er es gelernt hat oder nicht. Er selbst hat als Quereinsteiger eine Reihe von Qualifikationen erworben und viel Geld in Geräte und Maschinen investiert.

Findet Hillenmeyer Baumhöhlen wie im Lagoi, holt er sich einen Experten, der eine Schall-Tomografie durchführen kann. So können der Holzzustand berechnet und die Verkehrssicherheit eines Baumes besser eingeschätzt werden.

„Bevor ein Baum sinnlos weggehackt wird, kann man noch viel tun“, so Hillenmeyer. Die Realität sei so facettenreich wie das Leben und die Bäume selbst. Ein alter, absterbender Baum könnte beispielsweise ein zweites Leben erhalten – als Habitat.

Für den Pfaffenhofener Gastwirt Josef Straub bedeutet es eine Wertschätzung, die Kastanien und Linden seiner Vorfahren zu pflegen. So werden die Bäume auch ihn einmal überleben.

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