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Tierschutz

26.07.2020

Auf einem Hof im Donau-Ries haben Schweine ein seltenes Glück

Manfred Vogl mit seinen Schweinen auf dem Hof in Pessenburgheim im Landkreis Donau-Ries.
Bild: Christof Paulus

Plus Viele Deutsche wären bereit, mehr für Fleisch zu zahlen. Die Regale sind dennoch gefüllt mit Billigfleisch. Ein schwäbischer Hof bricht aus dem System aus.

Jack könnte es schlechter gehen. Er lebt zwar weit weg von zu Hause, auch in Gefangenschaft, doch mit den meisten seiner Artgenossen würde er wohl nicht tauschen wollen. Jack ist ein Schwein. Viel größer als die meisten, die rosafarbene Haut schimmert nur selten unter seinem schwarzen Fell hindurch.

Eigentlich stammt Jacks Rasse aus der englischen Region Cornwall, er aber lebt im Landkreis Donau-Ries. Seine Heimat ist der Hof von Manfred und Bettina Vogl in Pessenburgheim, wo er mit rund 80 weiteren Säuen, Ebern und Ferkeln tobt, im Schlamm suhlt, und das rund um die Uhr im Freien. Es ist ein vergleichsweise glückliches Tierleben, allerdings auch endlich. Seit etwa vier Jahren gibt es Fleisch vom Paartaler Landschwein auf dem Hof der Vogls zu kaufen. Das Produkt ist das absolute Gegenteil jener Sorte Fleisch, die mit dem Tönnies-Skandal noch stärker in Verruf gekommen ist – aber dennoch weiter den Markt bestimmt.

Supermarkt-Ketten führen Kennzeichnung ein

Wie der genau aussieht, lässt sich in den Kühltheken der Supermärkte und Discounter besichtigen. Viele von ihnen, darunter Aldi, Edeka oder Kaufland, haben vor wenigen Monaten freiwillig ein Siegel auf vielen ihrer Produkte eingeführt. Damit kennzeichnen sie, aus welcher Art von Tierhaltung ihr Fleisch stammt.

Das Bild ist meist eintönig: viel rot, viele Einser, das untere Ende der Skala. In jeder Verpackung, die mit einem Siegel der Stufe Eins versehen ist, steckt Fleisch von einem Tier, das genau das gesetzliche Mindestmaß an Freiraum und Beschäftigung im Stall hatte. Sprich: 0,75 Quadratmeter – und so gut wie keinen Deut mehr. Bis zu Stufe Vier reicht die Skala, diese höchste Klasse findet sich fast nur in der Bio-Theke. Und erst ab hier haben Schweine etwa Zugang zu dem Gelände außerhalb ihres Stalls

Fast alle Schweine leben im Stall und haben keinen Platz

Bei Familie Vogl ist noch zu sehen, wie es war, wenn Schweine ein Leben lang den Stall nur verlassen konnten, um zur Schlachtbank geführt zu werden. Heute laufen die Tiere bloß ein paar Meter entfernt von dem Gebäude, in dem früher ihre Vorgänger hausten. Inzwischen steht dieser Stall auf dem Vogl-Hof leer. Die Einrichtung ist noch wie damals, Tröge und Futterboxen sind weiterhin da. Viele Dutzend Schweine hatten dort Platz – oder besser gesagt: passten hinein.

„Dahinter konnte ich nicht mehr stehen“, sagt Manfred Vogl. Statt Schweinen der Deutschen Landrasse besorgten er und seine Frau sich deshalb die großen, schwarzen Tiere aus England, die robust sind und auf ihrer Weide nicht mehr brauchen als einen Unterstand. Sie wachsen langsamer, auf jedes Tier kommen mehrere Quadratmeter Weidefläche. Erst nach einem Jahr müssen die Tiere zum Schlachter.

Dass in vielen Ställen die Tiere unter deutlich schlechteren Bedingungen leben, machen die Vogls ihren Kollegen nicht zum Vorwurf. „Jeder Landwirt versucht, sich ordentlich um seine Tiere zu kümmern“, ist Manfred Vogl überzeugt. Aber: Schwarze Schafe gebe es. Und: Die Betreiber der großen Agrarbetriebe seien in seinen Augen keine Landwirte – sondern Industrielle. Zugleich sei der Preiskampf enorm.

 

Die Fleischbranche wirft für Bauern fast nichts ab

„Tierschutz kostet Geld und höhere Standards sind derzeit für Landwirte kaum umsetzbar“, erklärt Claudia Salzborn. Sie ist Leiterin des Referats für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund (DTB). In der Regel läuft es am Markt so: Bauern verkaufen ihre Tiere an einen Schlachthof, über einen Metzger landet das Fleisch dann im Laden und schließlich auf dem Teller. Jeder will an den Tieren verdienen, so bekommen die Landwirte nur einen Teil des Geldes, das die Kunden im Laden zahlen. Die Folge: Viele versuchen, effektiver zu werden, Tiere schneller zu mästen, im Stall so viele wie möglich unterzubringen. Anders ginge es nicht, klagen Bauern.

Zu diesem System will der Vogl-Hof nicht mehr gehören. Die Familie züchtet, schlachtet und verkauft ihre Schweine in Eigenregie. Das sei ein hohes Risiko und sie verstehe, dass andere Bauern dieses scheuten, sagt Bettina Vogl. Früher habe der Schlachthof einmal im Monat mehrere Tiere abgeholt, dafür gezahlt und sich um alles weitere gekümmert. „Heute arbeite ich nicht nur auf dem Hof, sondern auch in der Vermarktung“, erklärt sie. Ein Kilogramm Schweinekotelett vom Vogl-Hof kostet 20 Euro, so mancher Metzger verlangt dafür bloß die Hälfte, Discounter bieten es teils für unter vier Euro an.

Seit Jahresbeginn fällt der Preis für Schweinefleisch. Wöchentlich meldet das Bundeslandwirtschaftsministerium, welche Summen die Schlachtbetriebe dafür abrufen. Seit die Tönnies-Schlachterei im Juni den Betrieb unterbrechen musste, weil 1000 Mitarbeiter an Corona erkrankt waren, hat sich der Preisverfall beschleunigt. Bei Tönnies kommen sonst wöchentlich mehr als 100.000 Schweine auf die Schlachtbank. Plötzlich fehlte den Bauern ein großer Abnehmer. Sie mussten daher versuchen, ihre Tiere loszuwerden – auch zu Ramschpreisen.

Tönnies-Skandal sorgt für Aufschrei über Billigfleisch

Dabei widerspricht die Preisentwicklung dem Zeitgeist. Denn der Corona-Skandal bei Tönnies machte nicht nur öffentlich, unter welch mangelhaften Bedingungen die Mitarbeiter des Unternehmens arbeiten, zu Billiglöhnen und auf engstem Raum ohne Chance, den Infektionsschutz einzuhalten. Die Vorfälle brachten auch die Probleme der Massentierhaltung zurück in die Öffentlichkeit. Politiker forderten ein Ende der Billigfleischproduktion. Und einer Umfrage des Forschungsunternehmens Civey zufolge würden fast 80 Prozent der Deutschen für Fleisch mehr zahlen, wenn sie damit bessere Arbeits- und Haltungsbedingungen bewirken könnten.

Wieso liegt in den Regalen trotzdem so viel Billigfleisch? Edeka-Sprecher Christian Strauß zum Beispiel sagt, das Unternehmen wolle seinen Kunden eine vielfältige Auswahl bieten. So erkläre sich, dass auch Fleisch aus Haltungsformen mit minimalen Anforderungen in der Theke liege. Jedoch wolle man das Angebot auf „den Stufen Zwei, Drei und Vier weiter auszubauen“. Kaufland strebe eine ähnliche Entwicklung an, teilt Sprecherin Anna Münzing auf Anfrage mit. Die Kunden achteten auf die Herkunft der Produkte, jedoch böte sowohl der „Beschaffungsmarkt als auch die Kundennachfrage aktuell nicht die Möglichkeit, 100 Prozent Fleisch aus Haltungsform Drei und Vier anzubieten“.

Tierschützer halten das meiste Fleisch im Supermarkt für verantwortungslos

Nach Ansicht der Tierschützer beginnt hier erst verantwortungsvolle Tierhaltung: „Die Stufen Eins und Zwei haben mit Tierschutz nichts zu tun und bleiben weit hinter dem zurück, was wir fordern“, sagt Tierschutzbund-Referentin Salzborn. Der Verband vergibt selbst ein Tierschutzlabel, dessen niedrigste Stufe etwa den Anforderungen der Stufe Drei in den Supermärkten entspricht. Produkte auf diesem Niveau würden jedoch extrem selten angeboten, stellt Salzborn fest. Was daran liege, dass man grundsätzlich „kaum Produkte mit höheren Tierschutzstandards“ finde. Der überwiegende Rest: Massenware zu Billigpreisen. Lediglich für Fleisch mit höchsten Ansprüchen gebe es noch einen überschaubaren Markt. Wenn Verbraucher aufs Tierwohl achten, dann seien sie nur selten zu Kompromissen bereit. Salzborn hofft, dass die jüngsten Skandale bei noch mehr Menschen dazu führen, höheren Wert auf die Herkunft ihres Fleisches zu legen. Zudem fordert der DTB, „dass Fleisch transparent gekennzeichnet werden muss: Der Verbraucher muss sehen, was hinter dem Produkt steckt, von der Züchtung bis zur Schlachtung“, sagt sie.

Für Familie Vogl ist klar: Standards als die, in denen ihre Tiere leben, halten sie für „nicht verantwortungsvoll“. Ihr Fleisch sei kein Luxusprodukt. Aber ihr Kundenstamm wachse, auch wenn sich ihr Schweineverkauf bisher noch nicht so rechne, wie sie sich das wünschen. Die Vogls sind Schweinebauern. Doch wenn Menschen weniger Fleisch essen würden, fänden sie das gut. „Wenn man nur ein- bis zweimal in der Woche Fleisch isst, dann kann man sich auch das Tierwohl leisten“, sagt Bettina Vogl.

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26.07.2020

Gut, dass wir solche Vorbilder unter den Bäuerinnen und Bauern haben.

Die Landwirtschaft muss runter von dem Holzweg billig und Masse. Darf nicht weiter auf Export und Wachstum ausgerichtet werden. Und wir Kunden können durch Essen von weniger aber dafür besserem (und damit teurerem) Fleisch den Wandel der Landwirtschaft fördern.

Raimund Kamm

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