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03.02.2020

Düstere Finanzprognosen: Das Geschäft der Crash-Propheten mit der Angst

Steht die Finanzwelt vor dem Kollaps? Mehrere Ökonomen legen das nahe. So wie Verschwörungstheoretiker in der Ein-Dollar-Note Symbole der Illuminaten sehen.
Bild: Imago Images

Plus Sie sagen einen Aktien-Absturz voraus und das Scheitern des Euro: Die düsteren Prognosen dreier Ökonomen sind gefragt. Ist das alles nur Panikmache?

Sie tragen passend zu ihren düsteren Prognosen dunkle Hemden. Sie wissen, wann es den Bach runter geht. Früher appellierten sie noch an ihr Publikum, umzukehren, und warnten: „Sonst knallt’s.“ Nun sind sie überzeugt: „Es wird knallen.“ Was erstaunlich ist: Die Bestseller-Autoren Marc Friedrich und Matthias Weik können ziemlich genau angeben, wann es wirtschaftlich „bum“ macht. So nennen sie ihr jüngstes Buch, das noch düsterer als all die ohnehin düsteren Vorläufer wirkt: „Der größte Crash aller Zeiten“.

Der Superlativ ist ihre Währung, es gibt nichts außer Schwarz oder Weiß. Schon, weil Grau keine Bestseller schreibt. Das strikte Befolgen des Prinzips brachte den Crash-Propheten zuletzt Platz vier auf der Sachbuch-Bestsellerliste des Spiegel ein, zwischenzeitlich landeten die beiden sogar Platz auf eins.

Friedrich und Weik prognostizieren das Scheitern des Euro „bis spätestens 2023“

Sachlichkeit ist keine Kernkompetenz der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich (Jahrgang 1975) und Weik (Jahrgang 1976). Ihr Werk dient nicht als Fundgrube für Differenzierungen, es ähnelt eher einer Kampfschrift der Ausschließlichkeit. Nur eine apokalyptisch wirkende Kostprobe: „Der größte Crash aller Zeiten steht uns bevor, und wir können ihn nicht mehr verhindern!“ Aufkommender Widerspruchsgeist mancher Leser erfährt rasch eine ernüchternde Therapie: „Es ist nicht die Frage, ob der Crash kommt, sondern wann.“ Die Autoren lassen es ihren Lesern kalt den Rücken runterlaufen, prognostizieren sie doch das Scheitern des Euro „bis spätestens 2023“. Es dauere nicht mehr lange, bis der größte Crash aller Zeiten über uns komme.

Der finanzielle Kollaps wird kommen, prophezeien die Bestseller-Autoren Marc Friedrich (links) und Matthias Weik.
Bild: Christian Stehle, Asperg

Das pessimistische Manifest kommt an. Die Urheber des Ganzen machen eine Show daraus. Friedrich spricht bei einer Veranstaltung in Tübingen schnell wie einst Hitparaden-Mann Dieter Thomas Heck, nur dass die Stimme des drahtigen Baden-Württembergers höher ist. Seine Augen funkeln, er lächelt ausdauernd, wirkt verblüffend gut gelaunt angesichts der bevorstehenden Grausamkeiten – ein schwer erklärbarer Kontrast. Die Welt in ihrer kapitalistischen Form habe ihren Gipfel erreicht, predigt sein finster dreinblickender Kompagnon Weik mit tieferer Stimme. Er verkneift sich Späßchen wie Friedrich. Manchmal zieht Weik die Lippe nach einer aus seiner Sicht besonders gelungenen Provokation nach oben und lässt einen Hauch von Lächeln aufschimmern.

„Das sagt einem ja sonst keiner“, meint einer der Zuschauer

Ein Team der ARD ist gekommen, um zu ergründen, warum die Bücher der Schwarzdenker den Nerv vieler Bürger treffen. Die Reporterin fragt die in den Saal strömenden Gäste immer wieder: „Was führt Sie hierher? Angst?“ Einer sagt, er habe Angst, das Erarbeitete zu verlieren. Dabei steht Deutschland trotz der sich weltweit eintrübenden Konjunktur wirtschaftlich immer noch gut da. Kein Land der Welt erwirtschaftet so viel Exportüberschuss. In eine Rezession ist man nicht gestürzt, auch weil die Bürger tapfer konsumieren und sich insofern als Optimisten erweisen. Nur 2,426 Millionen Menschen haben offiziell keinen Job. Die Arbeitslosenquote liegt bei – historisch betrachtet – niedrigen 5,3 Prozent, und die Autos werden immer dicker. Doch der Mann mit der Angst vor dem sozialen Abstieg fühlt sich in den Händen von Friedrich und Weik bestens aufgehoben: „Das sagt einem ja sonst keiner.“

Friedrich jedenfalls genießt das Auftreten vor Publikum und stellt den Zuschauern reihenweise rhetorische Fragen. Er weiß also schon, was sie wahrscheinlich antworten werden: „Glauben Sie, ist das Scharlatanerie oder Populismus? Wie ist die Stimmung im Volk in Tübingen?“ Keine Reaktion. Dann legt er nach und will wissen: „Wer glaubt, dass die Finanzkrise ausgestanden ist?“ Der Autor blickt durch den Saal und stellt befriedigt fest: „Niemand hebt die Hand.“ Nun macht Friedrich einen seiner Scherze und meint, wissend um die Kritik an ihm und Weik: „Sie sind alles Demagogen.“ Gelächter im so grünen und bürgerlichen Tübingen.

Dann geht es um den Euro und die Null-, ja Strafzinsen. Es gebe kein Geld mehr aufs Sparbüchle. „Heilig’s Blechle“, ruft Friedrich. Für einen Schwaben wie ihn sei das natürlich schlimm. Nun haben die beiden Erfolgsautoren ihrem Publikum reichlich Angst eingejagt und auch festgestellt, den Volksparteien laufe das Volk davon. Ehe jedoch Depressionen aufkommen, probiert es Friedrich bei dem Untergangs-Vergnügungsabend wieder mit Heiterkeit, als wolle er an Heinz Erhardt Maß nehmen, der einmal blödelte: „Wer sich selbst auf den Arm nimmt, erspart anderen die Arbeit.“

Friedrich jedenfalls verspricht den Zuschauern, sie würden am Ende froh sein, dass der Crash komme. Dann setze nämlich eine Phase der Katharsis ein, also allgemeiner Läuterung. Wie sich der Reinigungsprozess exakt vollzieht, behalten die Ökonomen für sich. Vielleicht lässt sich daraus 2024 ein neues Buch machen. Wie wäre es mit dem Titel: „Das größte Glück aller Zeiten. Unser mega-geiles Leben nach dem Euro“?

Das Autoren-Duo betont: Die Botschaft muss unters Volk

Als dann ein Mann von dem Düster-Duo wissen will, ob er sein Geld für die Veranstaltung zurückbekomme, wenn 2023 der Crash ausbleibe, und den beiden vorhält, „Cash mit Crash“ zu machen, entgegnet Friedrich ganz ernst: „Uns geht es um die Sache, wir wollen Mitmenschen helfen.“ Sie hätten sogar nichts dagegen, wenn Bürger das Buch kopieren und nicht kaufen. Die Botschaft müsse unters Volk. Dabei ist der große Erfolg von Friedrich und Weik nicht nur auf Euro-Kritik zurückzuführen. Die Verfasser rühren noch mehr Zutaten unter, um ein allgemeines Unbehagen zu erzeugen: Da wird auf Politiker wie Ex-Bundespräsident Joachim Gauck („Komiker“) oder EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen eingedroschen: „Wie kann jemand befördert werden, der in seinem Job komplett versagt?“

Die Texter lieben Säbel und haben eine Abneigung gegen das Florett. Entsprechend flüssig liest sich das Buch. Folglich liege der Euro auf dem Sterbebett, und es werde nie wieder Zinsen im System der Planwirtschaft der Notenbanken geben.

Was für Wutbürger die Lektüre noch um einige Aggro-Kalorien nahrhafter macht, ist das allgemeine auf knapp 400 Seiten geschürte deutsche Unwohlsein: Da sitzen die Menschen nach Beobachtung der Autoren muffelig und wie Zombies auf ihre Smartphones starrend in den Straßenbahnen. Grüßen im öffentlichen Raum werde als Affront verstanden, und im Supermarkt gebe es nicht eine, sondern 50 verschiedene Joghurtsorten, was Weik aufstößt. Armes Deutschland! Wer da keine schlechte Laune bekommt, dem ist nicht mehr zu helfen. Früher habe eine Spülmaschine 15 und heute nur noch vier Jahre gehalten.

Die Gesellschaftskritiker lassen ihre Leser und Zuhörer nicht alleine. Sie raten ihnen zur Stimmungsaufhellung, Edelmetalle wie Gold, Diamanten, Wald, Aktien, ja sogar Whiskey und Bitcoins zu kaufen. Im Notfall sei es nicht verkehrt, zu Hause genug zum Essen und zum Trinken zu haben. Damit nicht genug der Vorbereitungen für den Ernstfall: Barreserven solle man nicht auf Konten parken, sondern „in Form von physischen Banknoten in Tresoren und Schließfächern“, heißt es wirklich im Buch. Spaßmacher Friedrich kann sich in Tübingen die Bemerkung nicht verkneifen, bei einem Vortrag in Göppingen seien morgens die Geldautomaten leer gewesen.

Der renommierte Wirtschaftswissenschaftler Marcel Fratzscher findet all das nicht witzig. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung – kurz DIW – spricht von „Crash-Demagogen“, die ihre Bücher und eigenen Finanzprodukte verkaufen wollten: „Ihnen geht es offensichtlich nicht um Aufklärung, sondern um Panikmache.“ Fratzscher empfiehlt, deren Aussagen „zu ignorieren und sich seriösen Debatten über die wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zu widmen“.

Max Otte will kein Crash-Prophet sein

Das mit dem Ignorieren ist schwer, gerade wenn sich die Bücher der Crash-Propheten bestens verkaufen und ein Mann wie Max Otte beim Fonds Kongress in Mannheim einen riesigen Saal füllt. Der Professor, Ökonom und Fondsmanager ist ein wirklich erfolgreicher Crash-Prophet, hat er doch wie nur wenige andere Experten die Finanzmarktkrise der Jahre 2008 und 2009 vorhergesagt. Es lohnt sich, sein sachliches und kundiges Buch von 2006 noch einmal zu lesen. Er war jedenfalls damals so klug, sich nicht genau auf das Jahr festzulegen, in dem es kracht: „Ich kann Ihnen nicht sagen, ob der Crash im Jahr 2008 kommt. Vielleicht sei es schon 2007, vielleicht auch 2009 oder 2010 der Fall.“ Mit derart prognostischer Bescheidenheit könnte Otte heute kaum an die Spitze der Bestsellerlisten stürmen.

Otte hat sich verändert. Sein neues Werk „Weltsystem Crash“ ist ruppiger und politisch-radikaler als das Vorgänger-Buch. Da stänkert der Konservative noch eine Portion muffeliger gegen den „Mainstream“ hierzulande. Dies gipfelt in der Erkenntnis des 55-Jährigen, die Deutschen hätten unter Kanzlerin Angela Merkel eine erstaunliche Neigung zum wirtschaftlichen Selbstmord entwickelt. Als Belege für die nationale Suizidthese führt er die Energiewende, die Öffnung der Grenzen für Migranten und die Offensive gegen das Herzstück der deutschen Wirtschaft, die Autoindustrie, an.

Natürlich werden ähnlich wie bei Friedrich und Weik die Medien attackiert. Erstaunlich nur, wie alle drei Autoren auf die Gunst der Presse Wert legen. Otte erwähnt mit einem raunzenden Unterton in Mannheim, er sei nach langer Medienabstinenz wieder von einem Sender eingeladen worden. Die Distanz mancher Journalisten zu dem Ökonomen mag auch daran liegen, dass er Kuratoriums-Vorsitzender der Desiderius-Erasmus-Stiftung ist, die „ideell der AfD nahesteht“, wie es auf der Internetseite der Organisation heißt.

Otte weist es jedenfalls von sich, ein Crash-Prophet zu sein. „Ich bin Asset-Manager“, sagt er mit schwarzer Augenklappe. Der Vermögensverwalter hat sich verletzt und meint trocken, das sei weder die „Antifa“, also die Antifaschistische Aktion, noch seine Ehefrau gewesen. Jedenfalls stehen die Namen von Otte wie von Friedrich und Weik in Verbindung mit Fonds. Ersterer rühmt sich auf seiner Homepage der guten Wertentwicklung des von ihm beratenen Produkts. Das Autoren-Duo hebt hervor, Ideengeber der Friedrich & Weik Wertefonds zu sein. Sie seien jedoch weder Fondsmanager noch griffen sie ins Tagesgeschäft ein, betonen die beiden. Anlagen-Profi Otte scheint sich auf alle Fälle auf den nächsten Crash sogar zu freuen: „Denn in der Krise kann man Schnäppchen machen.“ Cash mit Crash eben.

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