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EZB-Sitzung
20.07.2021

Was das neue Inflationsziel der EZB für das Sparen bedeutet

Die Politik der EZB ist weiter sehr umstritten.
Foto: Boris Roessler, dpa

Die Europäische Zentralbank hat ihr Ziel für die Geldentwertung angepasst. Es sind glatte zwei Prozent, zeitweise kann aber deutlich mehr toleriert werden. Was das für die Sitzung am 22. Juli bedeutet.

Wenn sich diesen Donnerstag, den 22. Juli, der Rat der Europäischen Zentralbank trifft, um über die Leitzinsen zu entscheiden, dürfte das Gremium rund um Präsidentin Christine Lagarde besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Europäische Zentralbank hat sich nämlich kürzlich eine neue Strategie gegeben. Sie will nicht nur den Klimaschutz stärker in ihrer Geldpolitik berücksichtigen und die gestiegenen Preise selbstgenutzter Immobilien in die Berechnung der Inflationsrate miteinbeziehen, die EZB hat auch ein neues Inflationsziel beschlossen. Künftig könnte sie deutlich höhere Inflationsraten tolerieren. Für klassische Sparerinnen und Sparer bedeutet dies nichts Gutes.

Bisher hatte die EZB das Ziel einer Inflationsrate von unter, aber nahe zwei Prozent. Die neue Strategie sieht eine Rate von glatten zwei Prozent vor. Was nach einer Kleinigkeit klingt, ist in Wirklichkeit eine deutliche Lockerung. Das neue Ziel soll nämlich „symmetrisch“ sein, erklärte die Zentralbank. Das bedeutet, dass die EZB nach einer längeren Zeit mit niedrigen Inflationsraten unter zwei Prozent auch längere Zeiträume mit mehr als zwei Prozent Geldentwertung tolerieren könnte, nehmen Ökonominnen und Ökonomen an. Früher hätte sie dann bereits einschreiten müssen.

Jens Weidmann: "Vorübergehend Inflationsraten um 4 Prozent möglich"

Das Thema ist hochaktuell, denn die Inflationszahlen ziehen derzeit stark an. „Neuerdings haben wir wieder eine Diskussion um Inflation in Deutschland“, sagt Ralf-Joachim Götz, Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung. Lag die Inflationsrate in der Corona-Krise in Deutschland 2020 bei nur 0,5 Prozent, ist sie im Juni 2021 bis auf 2,3 Prozent gestiegen. Die Bundesbank geht für das laufende Jahr noch von deutlich höheren Raten aus: Im Schnitt könnten sich die Verbraucherpreise in diesem Jahr nach Berechnungen der Bundesbank kräftig um 2,6 Prozent erhöhen. „Dabei sind zum Jahresende vorübergehend Inflationsraten um 4 Prozent möglich“, sagte kürzlich Bundesbank-Chef Jens Weidmann. Auf europäischer Ebene könnte die Entwicklung ähnlich sein.

Bisher hätte die EZB bei Inflationszielen über zwei Prozent eingreifen und zum Beispiel die Zinsen erhöhen oder Anleihekäufe zurückfahren müssen. „Oberstes Ziel der EZB ist nach wie vor die Sicherung der Geldwertstabilität“, erklärt Götz. Mit dem neuen, symmetrischen Inflationsziel kann sich die Zentralbank seiner Ansicht nach mehr Zeit lassen. „Es gibt mehr Luft als bisher“, sagt Götz. „Wahrscheinlich wird die EZB jetzt auch dann nicht eingreifen, wenn die Inflation eine Zeit lang über 2,5 Prozent liegt“, vermutet er. In einer Analyse geht die Commerzbank von Ähnlichem aus: „Da das neue Preisziel keine Obergrenze mehr darstellt, kann die EZB ihre ultra-expansive Geldpolitik noch länger fortsetzen als mit dem bisherigen Ziel“, schreibt die Bank.

Ralf-Joachim Götz, DVAG-Chefvolkswirt: "Reale Enteignung der Sparer"

Das Problem für Sparerinnen und Sparer: Durch die lockere Geldpolitik ist der Sparzins praktisch auf null gefallen, für größere Beträge verlangen die Banken häufig Strafzinsen. „Die EZB hat durch ihre Politik den Preis des Geldes für absehbare Zeit außer Kraft gesetzt“, sagt Götz. „Es wird für längere Zeit dabei bleiben, dass wir keine nennenswerten Zinsen in Deutschland haben werden“, sagt er. Auch die Commerzbank rechnet nicht vor 2024 mit einer ersten Zinserhöhung durch die EZB.

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Während die Zinsen am Boden sind, nagt eine höhere Inflation am Wert des Geldes. „Sparer, die keinen Zins mehr bekommen und für höhere Beträge teilweise Strafzinsen zahlen müssen, könnten sich da schon fragen, ob eine Inflationsrate von zwei Prozent das Richtige ist“, gibt Götz zu bedenken. „Dies ist tatsächlich eine reale Enteignung der Sparer“, warnt er.

Bisher geht die Bundesbank davon aus, dass Sondereffekte die Inflation in diesem Jahr stark steigen lassen – zum Beispiel die Rückkehr zum normalen Mehrwertsteuersatz oder die Einführung des CO2-Preises, der sich auch auf das Tanken auswirkt. Für die Folgejahre geht die Bank nur noch von Inflationsraten von 1,8 Prozent (2022) und 1,7 Prozent (2023) aus. Gleichzeitig gibt aber Ökonom Götz zu bedenken, könnten höhere CO2-Abgaben, höhere Energiepreise oder striktere Bauvorschriften zugunsten des Klimaschutzes das Leben für längere Zeit teurer machen.

Commerzbank warnt vor Blasen an Finanz- und Immobilienmärkten

Bisher bleibt den Sparenden nur, auf andere Anlageformen auszuweichen. Vor allem Aktienanlagen und Immobilien waren über die letzten zehn Jahre lukrativ und haben zu guten Wertzuwächsen geführt. Doch auf Dauer könne die lockere Geldpolitik der EZB auch auf diesen Gebieten zu Fehlentwicklungen führen, warnt die Commerzbank. Diese berge das Risiko, dass es in ein paar Jahren zu „gefährlichen Blasen an den Finanz- und Immobilienmärkten“ kommen könne.

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