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Interview

27.05.2020

Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger: "Wir rutschen tiefer in die Krise"

Rainer Dulger steht dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall vor, der regelmäßig Verhandlungen über Lohnerhöhungen mit der IG Metall führt.
Bild: Jan Hosan

Exklusiv Rainer Dulger ist überzeugt, dass Firmen der Metall- und Elektroindustrie solange wie möglich an Mitarbeitern festhalten. Was nun Konsumgutscheine bewirken können.

Herr Dulger, wie geht es Ihrem Unternehmen, dem weltweit tätigen Heidelberger Dosierpumpen-Hersteller ProMinent?
Rainer Dulger: Auch wir sind von der Krise betroffen, aber in geringerem Maße als etwa ein Automobilzulieferer. Bisher konnten wir als Gesamtunternehmen Kurzarbeit weitgehend vermeiden, weil wir mit einem relativ guten Auftragsbestand vom alten ins neue Jahr gegangen sind, aber dieser beginnt nun auch abzubröckeln. Wir sind breit aufgestellt und sind in ganz unterschiedlichen Branchen tätig – in der Nahrungs- und Getränkebranche oder der öffentlichen Wasserversorgung beispielsweise läuft es weiterhin gut, in anderen hat sich die Lage aber dramatisch verschlechtert, etwa was Schwimmbäder, die Hotellerie, Tierparks oder Kreuzfahrtschiffe betrifft. Deshalb sind wir bei unserer deutschen Vertriebstochter seit einigen Wochen in Kurzarbeit.

Wie tief steckt die Metall- und Elektroindustrie, also damit auch die Autobranche und der Maschinenbau, in der Rezession?
Dulger: Die Folgen der Corona-Pandemie treffen alle Unternehmen unserer Branche. Und die Corona-Krise trifft uns immer härter. Das zeigt eine aktuelle Blitzumfrage von Gesamtmetall unter 1400 Mitgliedsfirmen. Demnach sehen sich 40 Prozent der Betriebe stark oder sehr stark in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit eingeschränkt. Vor einer ähnlichen Umfrage vor einem Monat waren noch ein Drittel der Firmen derart von der Corona-Krise gebeutelt. Es ist also ganz klar: Wir rutschen immer tiefer in eine Krise, die sich dramatischer entwickelt als die Finanzmarktkrise in den Jahren 2008 und 2009.

Wie lange können besonders von der Krise betroffene Betriebe noch an den Beschäftigten festhalten? Folgt auf die Kurzarbeit eine Entlassungswelle?
Dulger: Die deutsche Metall- und Elektroindustrie hat sich schon 2019 in einer Rezession befunden. So ist die Zahl der Beschäftigten seit Mai 2019 in unserem Wirtschaftszweig zurückgegangen, wenn auch nur in einem geringen Ausmaß. Nun sind viele unserer Betriebe massiv unterausgelastet. Bis jetzt mussten nur vier Prozent unserer mehr als 25.000 Unternehmen, die knapp vier Millionen Menschen beschäftigen, zum Mittel der Entlassung greifen.

Das sind vergleichbar wenige Entlassungen angesichts der Wucht der Krise.
Dulger: Ja, das zeigt, dass die meisten Betriebe mit aller Macht an ihren Beschäftigten festhalten, solange es irgendwie geht. Allerdings schließen jetzt schon fast 35 Prozent der von uns befragten Unternehmen nicht aus, dass sie doch zum Instrument der Kündigung greifen müssen, wenn die Krise noch länger anhält. Aber dennoch sind rund 65 Prozent der Firmen-Verantwortlichen optimistisch, dass sie nach heutigem Stand ohne Kündigungen auskommen. Mitarbeiter sind in der Metall- und Elektroindustrie ein hohes Gut. Wir achten sehr auf sie.

Wie lange währt der Treueschwur?
Dulger: Wenn die Lage so schlecht bleibt, muss man irgendwann die Kapazitäten anpassen, weil sonst das Unternehmen kaputt geht. Deshalb wäre es unseriös zu sagen, dass wir so einfach durch die Krise durchschippern und keine Arbeitsplätze verloren gehen. Wir werden Beschädigungen hinnehmen müssen und wir werden Entlassungen erleben. Dennoch bleiben wir grundsätzlich optimistisch und versuchen mit aller Macht, also bis zum Eintreten massiver Schäden, unsere Mitarbeiter zu halten, auch wenn wir gerade nicht ausgelastet sind.

Ist die Kurzarbeit ein gutes Instrument, um die Mitarbeiter in dieser schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu halten?
Dulger: Ja. Im Moment nutzen knapp 60 Prozent unserer Mitglieds-Unternehmen das Instrument der Kurzarbeit. Damit befinden sich schätzungsweise rund 1,5 Millionen unserer Mitarbeiter in Kurzarbeit. Wenn es noch schlechter kommt, könnte diese Zahl auf bis zu zwei Millionen ansteigen. Damit wäre in etwa jeder zweite Beschäftigte unserer Industrie von Kurzarbeit betroffen. Zum Vergleich: Während der Finanzmarktkrise in den Jahren 2008 und 2009 waren von rund 3,6 Millionen Beschäftigten knapp eine Million in Kurzarbeit.

Viele Unternehmer verhalten sich anders als noch nach der Rezession im Jahr 1993 vorausschauend und scheuen wie bereits 2008 und 2009 Entlassungen.
Dulger: Das ist typisch für eine überwiegend mittelständisch geprägte Industrie wie unsere.

Dennoch: Droht 2021 dann nicht doch nach dem Auslaufen der Kurzarbeit in vielen Betrieben eine Entlassungswelle, auch im Zuge von Insolvenzen?
Dulger: Ich bleibe Optimist und fange nicht an schwarz zu malen. Aber Fakt ist: Ohne Einnahmen kann kein Unternehmen auf der Welt durchhalten. Wenn Kunden nicht mehr unsere Güter nachfragen, sind Pleiten unvermeidbar. Eine echte Normalität kehrt erst dann wieder ein, wenn es einen Impfstoff oder deutlich verbesserte Therapie-Maßnahmen gibt. Danach werden wir uns als deutsche Industrie weltweit wieder behaupten können. Dafür brauchen wir aber ein konsequentes Belastungs-Moratorium.

Das klingt medizinisch. Was verstehen sie darunter?
Dulger: Selbst wenn die Wirtschaft wieder anläuft, es einen Impfstoff gibt und die Menschen kräftiger konsumieren, also etwa Autos kaufen oder Kreuzfahrten buchen, brauchen wir ein solches Moratorium, um das Tal der Tränen verlassen zu können. Hier ist der Staat gefordert: Wir brauchen die 40-Prozent-Obergrenze für Sozialabgaben, keine Steuererhöhungen und keine zusätzliche Bürokratie. Auch wenn die Kassen nach der Krise leer sind, müssen wir solche zusätzlichen Belastungen ausschließen. Wir sollten auf den Standort Deutschland achten.

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Achten Merkel & Co. derzeit ausreichend auf den Standort Deutschland?
Dulger: Ja, das tun sie. Alle Maßnahmen der Regierung zur Stabilisierung der Wirtschaft sind sinnvoll, auch wenn sie viel Geld kosten. In einer solchen Sondersituation ist es gerechtfertigt Schulden zu machen.

So zufrieden mit der Arbeit der Bundesregierung waren sie 2019 nicht. Damals nannten sie Wirtschaftsminister Peter Altmaier eine „Fehlbesetzung“ in diesem Amt. Hat er in der Krise an Statur gewonnen?
Dulger: Ja, Herr Altmaier hat an Statur gewonnen. Er hat wie die Regierung Profil gezeigt. Es wurde seitens des Staates schnell und angemessen gehandelt. Wir können auch stolz auf unsere Kanzlerin sein. Ich fühlte mich in den letzten Wochen gut und vernünftig regiert. Das gilt auch für die Landesregierungen, die noch Zusatzpakete aufgelegt haben. In großen Runden haben sich Politiker die Sorge und Nöte der Unternehmer und Beschäftigten angehört und haben entsprechend darauf reagiert. Und wir können auf unser Gesundheitssystem stolz sein. Meine vielen internationalen Geschäftspartner beneiden mich um das gute Krisenmanagement unserer Regierung und unser Gesundheitssystem. Jetzt müssen wir zusehen, wie wir wieder vernünftig aus der Krise herauskommen.

Das kann etwa durch ein von Gewerkschaftern wie IG-Metall-Chef Hofmann gefordertes breites Konjunktur-Programm gelingen, das sich nicht nur auf die Autoindustrie konzentriert. Was soll die Bundesregierung hier nächste Woche auf den Weg bringen?
Dulger: Ich bin nicht oft einer Meinung mit IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, aber in diesem Fall schon. Wir brauchen ein solches breites Konjunkturprogramm, gerade auch um die Kaufzurückhaltung vieler Verbraucher zu überwinden. Zu so einem Konjunkturprogramm gehört auch eine Autoprämie. Eine solche Autoprämie wirkt am breitesten in die Wirtschaft hinein. Ansonsten bin ich ein großer Fan von positiven Signalen an Verbraucher und Unternehmer, also Steuervorteilen für Menschen, die konsumieren oder verbesserten Abschreibungsmöglichkeiten für Unternehmer, die investieren. Hier befinden wir uns in einem guten Dialog mit der Regierung.

 

Wie sollen diese Vorteile für konsumwillige Bürger konkret aussehen?
Dulger: Ich stelle mir hier etwa Konsumgutscheine über einen bestimmten Betrag vor, bei denen man weniger Steuern zahlen muss, wenn man einkauft. Diesen Betrag sollen Bürger erhalten, egal, ob sie sich Einrichtungsgegenstände, Kleidung oder ein neues Auto kaufen, ja ins Restaurant gehen oder ein Wohlfühlwochenende im Hotel verbringen. Hauptsache, das Geld kommt wieder unter die Leute. Wir brauchen so ein breites und solidarisches Deutschland-Paket. Dabei dürfen wir nicht Busunternehmer und Schausteller vergessen, die massiv unter der Krise leiden. Wir wollen also keine reine Auto-Ego-Nummer.

Bei allen Notwendigkeiten und allem Patriotismus: Retten wir uns in Deutschland derzeit zu Tode? Die Steuerlöcher werden ja zu Steuerkratern.
Dulger: Alle Unterstützungsmaßnahmen kosten viel Geld. Wir müssen jedoch einer Pandemie so viel Geld entgegen setzen. Wir können deshalb froh sein, dass wir in den vergangenen Jahren auf der Schuldenbremse standen und an der schwarzen Null festgehalten haben. Nun haben wir den Freiraum, wieder Schulden aufzunehmen. Wenn unsere Unternehmen auch dank der staatlichen Unterstützungsleistungen am Markt wettbewerbsfähig bleiben, können wir die Schulden auch wieder zurückzahlen.

Schaffen wir das?
Dulger: Da mache ich mir keine Sorgen. Wir verfügen über eine leistungsfähige Industrie. Wir werden nach der Krise aus den Schulden wieder rauswachsen, wenn die Wirtschaft nicht zusätzlich mit Steuern, Sozialabgaben und Bürokratie belastet wird.

Können wir uns dann in Corona-Zeiten schöne Dinge wie eine Grundrente überhaupt noch leisten?
Dulger: Die Grundrente konnten wir uns nie leisten, denn die langfristigen Kosten sind enorm. Vor allem aber ist die Grundrente aus meiner Sicht eine misslungene Konstruktion – ungerecht, unwirksam dort, wo sie helfen soll, und teuer. Wir sollten uns von der Grundrente verabschieden.

Wenn wir in fünf Jahren auf das schlimme Jahr 2020 zurückblicken, wie fällt dann die Analyse aus?
Dulger: Wir werden dann hoffentlich festhalten, dass wir die Krise im Vergleich zu anderen Nationen wieder einmal gut bewältigt haben. Das liegt an unserem starken Mittelstand und dem hohen Industrieanteil. Und natürlich ist das auch das Resultat eines sehr guten Gesundheitssystems, das zwar teuer, aber leistungsfähig ist. Das sind alles auch Resultate der Sozialen Marktwirtschaft. Wir werden diese Krise überwinden und auf einiges stolz sein können. Doch eines lehrt uns die Krise vor allem: Demut.
 

Zur Person: Rainer Dulger, 56, ist seit 2012 Präsident des mächtigen Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. Das von Dulgers Vater gegründete Heidelberger Unternehmen ProMinent ist Weltmarktführer auf seinem Gebiet. Die Firma mit gut 2500 Mitarbeitern hat ihren Aufstieg Dosierpumpen zu verdanken.

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