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Interview

13.05.2020

Sexarbeit in der Corona-Krise: "Für manche geht es ums nackte Überleben"

Trotz des Verbots bieten manche Sexarbeiterinnen ihre Dienste auch während der Corona-Krise an - entweder auf dem Straßenstrich oder in Privatwohnungen.
Bild: Boris Roessler, dpa (Symbolbild)

Plus In der Corona-Krise ist Prostitution verboten. Die Sprecherin des Berufsverbands erklärt, warum einige Sexarbeiterinnen dennoch gezwungen sind, ihre Dienste anzubieten.

Frau Bleier Wilp, wegen Corona ist Prostitution momentan verboten. Wie stellt sich die Situation der Sexarbeiter dar?

Susanne Bleier Wilp: Es ist eine sehr schwierige Situation für fast alle in der Branche. In der Prostitution gibt es generell strukturelle Probleme, wie Armut oder Obdachlosigkeit. Durch Corona verschärfen sich diese Probleme - und das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa. Generell sollte man dabei jedoch zwischen drei Gruppen von Sexarbeiterinnen unterscheiden.

Die wären?

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Bleier Wilp: Es gibt hauptberufliche Sexarbeiterinnen, die eine Steuernummer und einen festen Wohnsitz in Deutschland haben und damit Anspruch auf staatliche Grundsicherung. Sie sind in der Krise zumindest existenziell abgesichert. Dann gibt es nebenberufliche Prostituierte, die durch ihre Tätigkeit beispielsweise ihr Gehalt aufstocken möchten. Die dritte Gruppe besteht aus Sexarbeiterinnen, die weder über eine Krankenversicherung, noch über eine Steuernummer oder einen festen Wohnsitz verfügen und keinen Anspruch auf staatliche Grundsicherung oder Corona-Soforthilfe haben. Dazu zählen viele Migrantinnen, die in Deutschland und Europa von einer Stadt in die nächste reisen. Manche von ihnen sind auf der Straße gelandet.

Wie wird diesen Menschen nun geholfen?

Bleier Wilp: Speziell für diese Gruppe - knapp 80 Prozent der Sexarbeiterinnen in Deutschland kommen aus dem Ausland - haben wir vom Berufsverband einen Notfallfonds aufgesetzt. Schließlich weiß niemand, wie lange die Krise noch andauert. Von diesem Fonds wird auch eifrig Gebrauch gemacht - bis jetzt haben wir schon mehr als 100 Prostituierte finanziell unterstützt.

Wegen der Corona-Pandemie sind Grenzen geschlossen. Es gab Berichte, wonach Sexarbeiterinnen in Deutschland festsitzen.

Bleier Wilp: Eine große Anzahl konnte noch rechtzeitig in ihre Heimatländer zurückreisen, vor allem nach Osteuropa. In Europa halten sich aber auch viele Sexarbeiter aus anderen Ländern auf, zum Beispiel aus Südamerika. Der Flugverkehr ist momentan am Boden - die können also gar nicht zurück. Sie behelfen sich mit Couchsurfing, manche dürfen weiter in den Bordellen wohnen. Da gibt es aber keine allgemeingültige Regelung - die Betreiber müssen bei den Städten anfragen, ob das möglich ist.

"Die Nachfrage nach käuflicher Liebe ist weiterhin hoch"

Gibt es viele Frauen, die trotz des Verbots ihrer Arbeit weiter nachgehen?

Bleier Wilp: Ich glaube, das ist nur ein sehr kleiner Teil. Diese Frauen haben in der momentanen Situation keinerlei Einnahmen und keinen Anspruch auf Sozialleistungen - für manche geht es schlichtweg ums nackte Überleben. Die Mehrzahl arbeitet jedoch nicht, wobei einige langsam ungeduldig werden.

Wo bieten sich Sexarbeiterinnen weiterhin an?

Bleier Wilp: Dadurch, dass Bordelle und Laufhäuser geschlossen sind, bleiben nur noch Privatwohnungen oder der Straßenstrich. Aber auch dort ist die Zahl der Frauen stark reduziert, wie mir Sozialarbeiter berichtet haben. Wenn die Sexarbeiterinnen erwischt werden, droht ein hohes Busgeld von bis zu 5000 Euro.

Ist in Zeiten von Corona käufliche Liebe überhaupt gefragt?

Bleier Wilp: Die Nachfrage ist sogar weiterhin hoch. Viele Menschen denken leider nicht mit dem Kopf und sind bereit, Risiken einzugehen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar.

Welche Alternativen bieten sich für Sexarbeiterinnen sonst, um in der aktuellen Situation Geld zu verdienen?

Bleier Wilp: Es ist ja momentan generell schwer, an Jobs zu kommen. Eine Möglichkeit wäre, auf die Webcam auszuweichen. Dafür muss man aber auch über das Know-how und das technische Equipment verfügen. Und damit lässt sich höchstens ein Taschengeld verdienen. In der Branche arbeiten echte Profis, die sich einen Stammkunden-Stamm erarbeitet haben.

Nicht nur die Sexarbeiterinnen befinden sich in finanzielle Nöten. Auch Bordellen fehlen gerade die Einnahmen.

Bleier Wilp: Auch für sie ist die Lage natürlich desaströs. Viele Betreiber müssen selbst Miete zahlen und haben nicht so viele Rücklagen. Im schlimmsten Fall müssen sie wegen der Corona-Krise schließen.

"Sind dabei, ein Hygiene-Konzept zu entwickeln"

Wann schätzen sie, dass Prostitution wieder erlaubt sein könnte?

Bleier Wilp: Ein festes Datum weiß ich natürlich nicht. Es wird aber gemunkelt, dass es erst im Herbst wieder weitergehen kann. Das hängt aber auch von den Stufenplänen der einzelnen Bundesländer ab. Ich gehe davon aus, dass unsere Branche mit die letzte sein wird, in der es überhaupt zu Lockerungen kommt. Wahrscheinlich sind die erst möglich, wenn wir in ein Leben ohne Social Distancing zurückgefunden haben. Unser Verband engagiert sich aber dafür, dass erotische Massagen früher wieder erlaubt werden. Es ist allerdings auch klar, dass wir nicht so eine Lobby wie beispielsweise die Automobil-Industrie haben.

Corona wird wohl auch dann nicht aus der Welt sein. Wie könnte das Infektionsrisiko dennoch gesenkt werden?

Bleier Wilp: Wir sind dabei, ein Hygiene-Konzept zu entwickeln. Was genau darin festgelegt ist, kann ich noch nicht sagen. Desinfektion müsste aber wohl Standard sein und ein Maskenschutz wäre ebenso sinnvoll. Den gibt es ja auch bei anderen körpernahen Dienstleistungen.

Zur Person: Susanne Bleier Wilp ist Pressesprecherin und Vorstandsmitglied des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen.

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