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Migräne

23.11.2015

Wie man Migräne besser bekämpfen kann

Vor allem viele Frauen leiden unter Migräne.
Bild:  Daniel Modjesch (dpa)

Ärzte beginnen, den heftigen Kopfschmerz immer besser zu verstehen. Sie hoffen auf neue, wirksamere Medikamente. Und vielleicht kann auch der Darm bei der Behandlung helfen.

Wenn Marius Röder (Name geändert) ein Flimmern im Auge bekommt, weiß er: Es ist wieder so weit. Er weiß, jetzt bleiben ihm nurmehr wenige Minuten, um sich „in Sicherheit zu bringen“, wie er sagt – sprich, sich einen ruhigen Ort zu suchen, wo er sich von der Umwelt abschirmen und hinlegen kann. Denn dann beginnt er, der Schmerz, der ihn für Stunden oder gar Tage außer Gefecht setzen kann, zunächst als diffuser Druck im Kopf, der immer stärker und schließlich stechend wird – und, vor allem, lange auf hohem Niveau bestehen bleibt. Migräne!

Es ist ein böser Kopfschmerz, der Millionen Bundesbürger plagt. Nach Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) leiden zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung daran, Schätzungen gehen von 350.000 Attacken täglich aus. Frauen sind bis zu dreimal häufiger betroffen als Männer. Und es sind vor allem jüngere Menschen, Menschen, die mitten im Berufs- beziehungsweise Familienleben stehen, die sich mit dem Problem herumschlagen müssen. Einem Problem, das immer wieder kommt. Denn meist verläuft die Migräne episodisch mit mehrmals monatlich auftretenden Attacken.

Kleiner Teil wurde durch Behandlung schmerzfrei

Wenn die Attacke kommt, kann man Schmerzmittel nehmen – gebräuchliche Schmerzmittel wie Aspirin oder Ibuprofen. Es sind unspezifische Schmerzmittel, nicht speziell für Migräne erdacht und daher nicht immer mit optimaler Wirksamkeit und auch mit Nebenwirkungen behaftet. So war es ein großer Fortschritt, als Anfang der 1990er Jahre mit den sogenannten Triptanen erstmals migränespezifische Medikamente auf den Markt kamen. Sie haben sich als „Segen für Migräniker“ herausgestellt, sagt der Neurologie-Chefarzt des Bezirkskrankenhauses Günzburg, Professor Gerhard Hamann. Für manchen Patienten sei es schon eine Beruhigung, für den Notfall solch ein Mittel in der Tasche zu haben.

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Seit der Einführung der Triptane hat man lange nichts mehr Neues zur Therapie der Migräne gehört. Das ändert sich gerade. Es tut sich wieder etwas, was vielversprechende Medikamente betrifft. Im Mittelpunkt stehen ein Eiweißmolekül, das bei Migräne eine Schlüsselrolle spielt, und monoklonale Antikörper, die dessen Wirkung hemmen können. Das Eiweißmolekül nennt sich CGRP, wird im Verlaufe von Migräneattacken aus Nervenzellen freigesetzt, sensibilisiert für Schmerzen und erweitert die Blutgefäße, was das Schmerzempfinden noch verstärkt. Die Antikörper, die derzeit gegen das Molekül entwickelt werden, gibt es in zwei Formen, so der Präsident der DMKG, Professor Andreas Straube (München): zum einen solche, die sich gegen das CGRP selbst richten, und andere, die die Andockstellen – Rezeptoren – für das CGRP auf den Zelloberflächen und somit seine Wirkung blockieren.

Die Erkenntnisse über das CGRP und die Rolle, die es bei der Entstehung der Migräne spielt, haben zu einer „Zeitenwende“ im Verständnis der Krankheit geführt, sagt Straube. Das Molekül gilt als wichtigster Botenstoff im Krankheitsgeschehen. Schon früher hat man versucht, dagegen vorzugehen. Man hat es, berichtet Straube, mit sogenannten „small molecules“ versucht, die zwar wirksam waren, aber zu Schäden an der Leber führten. Daher kamen sie nie auf den Markt. Die Antikörper dagegen, die man derzeit erforscht, werden nicht in der Leber abgebaut, sondern im Blut von Enzymen gespalten. „Die Verstoffwechselung der Antikörper ist eine komplett andere“, betont Straube.

Und: „Wir wissen, dass sie wirken“, sagt er über die Mittel, die ein bis zweimal pro Monat infundiert werden müssen. In den bisherigen Studien habe man durchwegs signifikante Effekte gesehen. Bei Patienten mit episodischer Migräne und sechs bis acht Kopfschmerztagen pro Monat sei die Zahl dieser Tage durch die prophylaktische Gabe der Antikörper um durchschnittlich zwei gesunken. Das Erstaunliche dabei, so Straube: während manche Patienten überhaupt nicht auf die Therapie angesprochen hätten, sei ein kleiner Teil von ihnen durch die Behandlung komplett schmerzfrei geworden.

So glaubt Straube zwar nicht, dass mit den Antikörpern, sollten sie in wenigen Jahren auf den Markt komen, alle Probleme gelöst sein werden – „aber für einzelne Patienten können sie ein absoluter Durchbruch sein“. Zumal sie bisher kaum nennenswerte Nebenwirkungen gezeigt hätten – auch keinen Effekt auf den Blutdruck wie die zur Migräne-Vorbeugung oft eingesetzten Betablocker. Und auch Neurologie-Chefarzt Hamann sieht in den Antikörpern gerade für schwere Migräniker, die bislang nur schlecht behandelt werden könnten, eine „potenziell hervorragende Alternative für die Zukunft“.

Migräne: Darmbakterien beeinflussen die Gesundheit des Gehirns

Es gibt noch einen weiteren neuen Aspekt in der Migränetherapie: den Darm. Forscher befassen sich in jüngster Zeit intensiv mit dem Thema Darm und Gehirn, und das nicht nur, was die Migräne angeht. „Darmbakterien beeinflussen die Gesundheit des Gehirns, dies ist derzeit Gegenstand moderner neurologischer Forschung“, teilte die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) Ende September mit. Jeder Mensch beherberge in seinem Darm-Inneren eine Wohngemeinschaft von etwa 100 Billionen Bakterien – die Darmflora, moderner auch Mikrobiota oder Mikrobiom genannt. Diese individuelle Lebensgemeinschaft von Keimen könne schützen, aber auch krank machen, heißt es. So gebe es etwa Zusammenhänge zwischen Darmflora und Multipler Sklerose oder Darmflora und Schlaganfall. Des Weiteren könne der Vermutung von Forschern nach eine gestörte Darmflora leichte Entzündungsreaktionen fördern – und auf diesem Wege auch Alterungsprozesse und geistigen Abbau, so die DGN.

Beim jüngsten Deutschen Schmerzkongress in Mannheim wurde nun auch eine „Migränetherapie aus dem Bauch heraus“ vorgestellt. Demnach sollen Probiotika – Zubereitungen mit lebenden Mikroorganismen, die in ausreichender Zahl verabreicht einen vorbeugenden oder therapeutischen Effekt auf den Körper haben – Migräneattacken reduzieren. Wobei das aber alles noch nicht richtig bewiesen sei, wie DMKG-Präsident Straube erklärt. Doch dass Migräne oftmals mit einer Magen-Darm-Symptomatik einhergehe, das sei bekannt. Übelkeit etwa sei ein grundsätzliches Symptom bei Migräne, möglich seien aber zum Beispiel auch Erbrechen oder – in den Stunden vor einer Attacke – ein starker Stuhldrang.

Zudem habe man in den vergangenen Jahren erkannt, dass Darmbakterien sich nicht einfach nur im Darm tummeln, sondern auch eine Funktion haben. Neu sei dabei die Erkenntnis, dass Darmbakterien über die Stoffe, die sie produzieren, Gehirnzellen beeinflussen könnten. Inzwischen gebe es eine – wenn auch kleine – Studie, die zeige, dass es durch die Gabe von Probiotika eine gewisse Besserung der Migräne geben könne, so Straube. „Das beweist noch nichts“, schränkt der Experte ein, „aber die Überlegung lautet: Wenn man entzündliche Vorgänge im Darm durch Probiotika reduzieren kann, werden auch weniger Migräneattacken ausgelöst.“ Hierzu würden sicher noch weitere Studien folgen.

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