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70 Jahre Kriegsende

30.04.2015

Auf den Spuren ihrer Mutter: Französin besucht JVA Aichach

„Ein ergreifender Tag“: Marie-José Garel-Masconi besuchte 70 Jahre nach Kriegsende die JVA Aichach.
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„Ein ergreifender Tag“: Marie-José Garel-Masconi besuchte 70 Jahre nach Kriegsende die JVA Aichach.
Bild: Niklas Molter

Auf den Tag 70 Jahre, nachdem dort ihre Mutter befreit wurde, besucht eine Französin die JVA Aichach. Marie-José Garel-Masconi geht den Schicksalweg ihrer Mutter nach.

„Standen die Gefängnismauern damals schon dort, wo sie heute stehen?“, will Marie-José Garel-Masconi wissen. Die 67-jährige Französin steht mit ihren Begleitern Annette und Robert Gilly auf dem Gelände der JVA Aichach. Einst war dort ihre Mutter Lucie Primot-Masconi, eine französische Widerstandskämpferin, inhaftiert.

Es ist der 28. April 2015. Auf den Tag genau vor 70 Jahren befreiten amerikanische Soldaten die Häftlinge, die zum Ende der Nazi-Zeit im Aichacher Gefängnis einsaßen. Unter ihnen: Masconis Mutter. Drei Jahre lang war sie verschwunden gewesen. Ein Verräter hatte ihre Widerstandsgruppe in Frankreich auffliegen lassen, die SS verhaftete die junge Frau. Fortan wurde sie in unterschiedlichen Gefängnissen gefangen gehalten: Trier, Köln, ganz zum Schluss Aichach.

70 Jahre später: Masconi sieht sich die JVA Aichach an

Dort steht nun ihre Tochter. Im Gefangenentrakt sieht sich Masconi eine der Zellen an, die sich dort Tür an Tür aneinanderreihen: Bett, Schrank, Tisch, einige wenige Quadratmeter. Masconi betritt den Raum kurz, blickt sich um. Zu der Zeit, in der ihre Mutter inhaftiert war, seien in einer Zelle bis zu drei Gefangene untergebracht gewesen, erläutert Konrad Meier, der Leiter der heutigen JVA Aichach.

Meier führt die Besuchergruppe durch das Gefängnis. Durch den Verwaltungsbereich, die Außenanlagen, die Kirche. Masconi erkundigt sich immer wieder nach Details. Ob die Häftlinge im Gefängnis eine Ausbildung machen könnten, will die ehemalige Rektorin einer Realschule bei Straßburg etwa wissen.

Zwei Stunden zuvor, im Aichacher Rathaus: „Ich freue mich, hier zu sein“, sagt Masconi. „Wir hoffen, dass Aichach für Sie nicht zu negativ belegt ist“, antwortet Bürgermeister Klaus Habermann. „Nein, nein“, entgegnet die Französin. Sie fühle sich vielmehr geehrt, zu Gast zu sein. Daran, dass es zu ihrem Besuch kam, hat Heimatforscher Horst Lechner großen Anteil.

Er habe vor eineinhalb Jahren ein Buch im Stadtarchiv entdeckt, sagt er. Es trug den Titel „Les Roses d’Aichach“, „Die Aichacher Rosen“. Die Autorin: Marie-José Garel-Masconi, die in dem Buch den Schicksalsweg ihrer Mutter erzählt. Lechner fasste den Entschluss, das Werk ins Deutsche zu übertragen. Ein Briefwechsel zwischen dem Deutschen und der Französin entspann sich. Dann folgte die Einladung nach Aichach.

"Ich wollte ihren Weg nachgehen"

Am Dienstag sitzen Masconi und Lechner nun im Büro von Bürgermeister Habermann. Lechner zeigt der 67-Jährigen Bilder aus den 1940er-Jahren. „So ähnlich muss man sich es vorstellen, als der Zug Ihrer Mutter ankam“, sagt er und reicht Masconi ein Foto. Den Bahnhof, das Erste, das ihre Mutter von Aichach sah, sieht sich die Französin im Anschluss an ihren JVA-Besuch selbst an: „Ich wollte ihren Weg nachgehen und mir ein Bild machen von den Orten, an denen meine Mutter gelitten hat.“

Als diese kurz vor Kriegsende in Aichach inhaftiert war, war Masconi selbst noch gar nicht geboren. Ihre Mutter habe ihren Vater erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kennengelernt, erzählt die Französin im Rathaus. Ihr Vater sei im KZ Buchenwald inhaftiert gewesen: „Er hat darüber nie gesprochen.“

Im Gegensatz zu ihrer Mutter: Als ältestes von drei Kindern, der Vater im Algerienkrieg, war Masconi bereits im jungen Alter Ansprechpartnerin für die Mutter. Diese hatte während ihrer Haft Tagebuch geführt. Die Erzählungen begleiteten Masconi durch ihre Kindheit. Nach dem Tod ihrer Mutter begann sie dann 2005, sie niederzuschreiben.

Warum Masconi vier Rosen kauft

Ihr Buch nannte Masconi „Die Aichacher Rosen“ – nach einer Erzählung ihrer Mutter: Als diese nach ihrer Befreiung im Park spazierte, entdeckte sie einen Rosengarten. „Ich hatte diesen wundervollen Duft vergessen“, schrieb Primot-Masconi daraufhin ihrer Mutter, Garel-Masconis Großmutter.

Bevor Masconi Aichach gestern in Richtung Frankreich verlässt, geht sie noch in eine Gärtnerei. Dort kauft sie vier Duftrosen – für ihre drei Kinder und für sich. „Es fühlt sich an, als hätte ich etwas vollendet“, sagt sie. Nun sei sie bereit, sich auch andere Gedenkstätten anzusehen, etwa jene, an denen der Weg ihres Vaters vorbeiführte.

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