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Aichach

25.01.2019

Das Bunte Wohnzimmer in Aichach schließt

Mit Beginn des Jahres haben die ehrenamtlichen Organisatoren des Bunten Wohnzimmers den wöchentlichen Treffpunkt in den Caritas-Räumen vorerst eingestellt. Die Macher wollen das Projekt dennoch nicht völlig aufgeben. (von links) Manfred Zeiselmair, Marion Zott, Abiir aus Somalia, Erna Wörle, Ulrike Stepp, Rita Rösele, Anna Moser, David aus dem Irak.
Bild: Vicky Jeanty

Nach drei Jahren wird der interkulturelle Treffpunkt in Aichach eingestellt – vorerst. Die engagierten Helfer schließen eine Wiederbelebung nicht aus

Nostalgie hört sich anders an. Obwohl es um das – vorläufige – Aus des interkulturellen Treffpunkts „Das Bunte Wohnzimmer“ geht, geht es in der Tagesstätte der Caritas an der Münchner Straße hoch her. Alle sechs Helfer des „Bunten Wohnzimmers“, die an diesem Nachmittag da sind, wollen ihre Geschichten erzählen. Jeder erinnert sich an das besondere Beisammensein mit den Menschen aus Syrien, Afghanistan, Somalia oder Nigeria. Drei Jahre lang haben sie mit ihrem Projekt der multikulturellen Vielfalt Raum und Zeit gegeben. Mit Beginn dieses Jahres legten die Ehrenamtlichen eine Verschnaufpause ein und stellten den Betrieb vorläufig ein.

Eine ganze Reihe hoch motivierter ehrenamtlicher Mitglieder des Asylkreises Aichach hatte bereits im Dezember 2015 zum ersten Treffen in das „Bunte Wohnzimmer“ im Caritas-Gebäude geladen. „Wir wurden mit offenen Armen aufgenommen“, erzählt Manfred Zeiselmair. Der Tagesstätten-Raum bot ausreichend Platz für über 40 Personen. Eine perfekt ausgestattete Küche stand zur Verfügung. Hier wurde die sogenannte Willkommenskultur handfest umgesetzt. Das „Bunte Wohnzimmer“ wurde zu einer Art Refugium für all jene, die ihre fern Heimat verlassen mussten und in Aichach heimisch werden wollten.

Ein Flyer gab die Zielrichtung an. „Wir wünschen uns ein buntes Miteinander für unsere und in unserer Heimat“, stand darauf. Das war auch ein Appell an die Einheimischen, bei Kaffee, Tee und Kuchen die neuen Mitbürger in freundlicher Umgebung kennenzulernen. Diese Gelegenheit habe leider ein sehr überschaubare Zahl Aichacher genutzt, meint Manfred Zeiselmair. Dafür hätten diese sich auf vielfache Weise eingebracht.

Dennoch – die bunte Idee zündete. An manchen Donnerstagen waren bis zu 50 Leute im Café, bestens betreut von mindestens zehn Helfern. Gelegentlich wurde das „Wohnzimmer“ zum Sprechzimmer: Die Erwachsenen brauchten Hilfe beim Ausfüllen von Formularen, es galt, Termine bei Ämtern oder Ärzten zu machen, zu trösten und zuzuhören. Eine Helferin kümmerte sich eigens nur um die Kinder. Die Gäste kamen aus den Unterkünften in Aichach und Unterwittelsbach, vereinzelt aus Kühbach, Inchenhofen und Pöttmes. Viele von ihnen knüpften im „Wohnzimmer“ die ersten Kontakte zu Landsleuten, ganz zu schweigen von den Tagesstätten-Klienten, die besonders von den Donnerstags-besuchern profitierten. Manfred Zeiselmair bestätigt die Beobachtung der Caritas-Leiterin Rosa Straub: „Sie sind viel offener Fremden gegenüber und haben eine andere Einstellung ausländischen Menschen gegenüber.“

Die Euphorie über das spontan angenommene Projekt hielt lange an. Die Ehrenamtlichen buken fleißig Kuchen für die wöchentlichen Treffen, bei denen sich alle wie in einem vertrauten Familienverbund bewegten. Es wurden Geburtstage gefeiert, man tanzte gemeinsam, der Nikolaus bescherte die Kleinen. Engere Kontakte ergaben sich öfters über die Kinder, die als erste schnell Deutsch lernten und in der Schule gleichaltrige deutsche Freunde fanden. Im Lauf der Monate aber schrumpfte der anfangs große Helferkreis auf einen kleinen, harten Kern zusammen. Der Zeitaufwand stieg, die aufwendige Betreuung und Bestückung des „Wohnzimmers“ blieb am Ende knapp zehn unermüdlichen, treuen Ehrenamtlichen überlassen. Hinzu kam, dass auch der Zulauf der Gäste weniger wurde. Viele besuchten Deutschkurse, hatten eine Arbeit gefunden oder waren umgezogen. Die gute Vernetzung innerhalb der Gemeinschaften bewirkte, dass sie sich untereinander halfen und viele Behördengänge zunehmend selbstständig meisterten. Eine bemerkenswerte positive Entwicklung in Sachen Integration, wie die Helfer betonen.

Aktuell gilt die Parole: „Bei Bedarf können wir jederzeit wieder loslegen.“ Der harte Kern sei allzeit bereit, sagt Zeiselmair im Namen seiner Mitorganisatorinnen. Aichachs Bürgermeister Klaus Habermann, der das Projekt von Anfang an befürwortet und auch die Tagesstätte als Ort der Begegnung vorgeschlagen hatte, habe ihm sein Bedauern über das vorläufige Aus ausgedrückt, so Manfred Zeiselmair. Dennoch: „Wir wollten aufhören, bevor sich das Ganze zu Tode läuft“, sagt er. Rita Rösele ergänzt: „Alles hat seine Zeit. Wir können Hilfe auch in anderen Richtungen leisten“. Diese neue Hilfe nimmt bereits eine junge Frau aus Somalia an diesem Nachmittag in Anspruch. Sie hat ihr Lehrbuch für den Deutsch-Kurs mitgebracht und lässt sich von Ulrike Stepp bei den Aufgaben helfen. Gerade bei Nachhilfe dürfte der Bedarf groß sein, so die Helfer. Noch ist aber offen, wann und wie der bunte Helferkreis wieder zur Tat schreitet.

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