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Aichach

26.05.2019

Kult-Stadtarbeiter Ali: Das macht Hermann Merz heute

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3 Bilder
Im Juni 2016, an seinem 65. Geburtstag, erhielt Hermann Merz viele Glückwünsche.
Bild: Alexander Andres

Mehr als ein Vierteljahrhundert hat Hermann Merz, genannt Ali, die Aichacher Innenstadt sauber gehalten. Seit Ende 2016 ist er in Rente. Viele fragen sich, wie es ihm heute geht.

Da sitzt er jetzt also, der Ali, hier in seinem bequemen Fernsehsessel und hat die Hände in den Schoß gelegt. Er grinst zufrieden; es ist dieses spitzbübische, ihm ganz eigene Lachen, das die Aichacher so gut von ihm kennen. Dass er aber die Hände in den Schoß legt, dürften sich viele kaum vorstellen können, so wie sie den Ali in Erinnerung haben. Denn seine Hände und Füße hat Hermann Merz, wie er tatsächlich heißt, aber kaum genannt wird, immer gerührt. Für die Stadt, ihre gute Stube und die Sauberkeit dort.

Hermann Merz hat über ein Vierteljahrhundert zum Aichacher Stadtplatz gehört – fast so wie das Rathaus und die Tore und die Passanten. In seiner signalorangefarbenen Arbeitskluft war Merz nicht zu übersehen, wenn er mit seinem Handkarren samt Besen und Kehrschaufel übers Pflaster zog. Seit 1990 war er als Stadtarbeiter für die Reinigung der Innenstadt zuständig. Ende 2016 war Schluss. Der Ali, den jeder so nennen durfte, ging in Rente. Vergessen in Aichach ist er nicht. In Unterhaltungen kommt immer wieder die Frage auf: „Was macht eigentlich der Ali?“

Ja, was macht er? Im Moment nichts, und das gefällt Hermann Merz ganz gut. Er lebt seit über zwei Jahren im Caritas-Seniorenheim St. Theresia in Mering. Das Aichacher Urgestein so weit weg? Wer annimmt, dass das nicht passt, sollte den Ali besuchen. Er lässt keinen Zweifel zu. „Do geht’s ma guad“, sagt er schlicht. Ein kariertes Hemd hat er an, eine bequeme dunkelblaue Hose. Nach dem Mittagessen hat er sich ausgeruht. Jetzt hat er Zeit für den Besuch. Am Vorabend haben die Heimbewohner gekegelt. „Do hob i erst g’wonna gestern“, erzählt Merz und freut sich noch immer.

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Stadtarbeiter Ali erzählt

Seinen signalorangefarbenen Anzug zieht der Ali heutzutage nicht mehr an. „Den brauch i nimma“, sagt er. Nicht einmal im Fasching hat er sich dazu überreden lassen, noch einmal in die Arbeitskluft zu steigen. Das erzählt Katharina Graßer, deren Mutter die Frau von Alis inzwischen verstorbenem Bruder ist. Ihr Mann, Edmund Graßer, ist Alis Großcousin. Dieser hat die Betreuung für Ali übernommen, als dessen Versorgung aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr möglich war. Weil damals kein Platz im Aichacher Spital frei war, kam Ali damals ins Meringer Heim, wo Katharina Graßer früher als Pflegerin und heute als Betreuerin der Bewohner arbeitet. Er hat sich so gut eingewöhnt, dass er nicht zurück nach Aichach wollte, als später dann wieder ein Platz im Spital frei wurde.

Seine Heimatstadt ist trotzdem präsent bei Hermann Merz. An der Wand hängt die wunderbar gelungene Schwarz-Weiß-Aufnahme vom Stadtarbeiter Ali, die der Aichacher Fotograf Alexander Andres gemacht hat und die auf der Facebookseite unserer Zeitung im Sommer 2015 eine Riesenresonanz auslöste. Es ist auch ein Foto zu finden, das Merz mit dem lachenden Stadtpfarrer Herbert Gugler vor einem FC-Bayern-Schal zeigt. Den Platz zwischen den Fotos zieren Blumenranken und fliegende Vögel. Die hat sich Ali ausgesucht. Auf dem Bett mit Tagesdecke sitzt ein weißer Bär, der ein Kissen mit Kaninchenmotiv im Schoß liegen hat, am Fenster steht ein Tischchen, es gibt einen Kühlschrank, Kommoden, einen Kleiderschrank. „Da bin ich ganz allein herin“, sagt Merz und hört sich stolz an. Neben seinem Sessel lehnen Walking-Stöcke an der Wand. Wenn’s nicht regnet wie an diesem Tag, geht er gern draußen im Park spazieren. Ali nennt ihn einen „Mordsgarten“. Jeden Morgen kann er ausschlafen, bis 9.30 Uhr hat er Zeit zum Frühstücken. Am Vormittag beteiligt er sich an den Beschäftigungsangeboten. Er hilft beim Gemüseschneiden und beim Kuchenbacken. Nur kehren will er nicht mehr. Das alles hört sich so an, als ob sich Hermann Merz auf Dauerurlaub befindet. Diese Einschätzung bringt ihn herzhaft zum Lachen und er nickt eifrig.

Als Aichacher Stadtarbeiter hatte der Ali kaum Zeit für Müßiggang. Es schien, als ob er immer im Dienst war. Egal ob einer am Freitag auf dem Wochenmarkt einkaufte oder am Sonntagmorgen zum Semmelnholen auf den Stadtplatz kam – er traf fast immer den Ali an. Mit seinem charakteristischen schlurfend-trippelnden Gang war er unterwegs, langsam und beständig, sorgfältig und fleißig. Er übersah keinen vollen Abfalleimer und keine achtlos weggeworfene Zigarettenschachtel. Dass er auch an Sonn- und Feiertagen Dienst schob, „des hot dem Habermann schon passt“, erinnert sich Merz an die Anerkennung des Aichacher Bürgermeisters. Seine Arbeit erledigt heutzutage meist eine Kehrmaschine. Das weiß der Ali. Hin und wieder bekommt er Besuch aus Aichach. Deshalb ist er informiert, auch wenn er nicht lesen und, „leider“, wie Katharina Graßer sagt, auch nicht schreiben kann.

Ali: Das plant Hermann Merz für die Zukunft

Hermann Merz hört ihr aufmerksam zu, während er entspannt im Sessel sitzt. Viele Worte über sich selbst machen, das ist seine Sache nicht. Er sagt bloß, dass es ihm „einwandfrei“ geht. Dass er „Zucker“ hat und sich manchmal beim Gehen schwertut, ist für ihn nicht der Rede wert. Dass er schlafen kann „wia a Ratz“, dagegen schon. Inzwischen geht es auf 15 Uhr zu. Dann gibt es Kaffee und Kuchen.

Da ist der Ali immer dabei. Er ist gern unter Menschen. „I mog oi“, sagt er. Das war auch in Aichach so, und das ist der Grund, warum er hier fast schon so etwas wie ein „Star“ war. Ali grüßte alle Menschen, er war leutselig und freundlich und kam mit jedem ins Gespräch. Er plauderte ein paar Worte, lachte und zog wieder weiter mit seinem Handkarren.

Jetzt aber mit seinen bald 68 Jahren hat der Ali die Hände in den Schoß gelegt. So wird er heute Abend wieder im Sessel sitzen, wenn „seine“ Bayern das DFB-Pokalfinale bestreiten. Sehen kann er das Spiel in seinem großen Flachbildfernseher, den ihm die Graßers geschenkt haben. Er ist sein ganzer Stolz. „Do kimmt der nächste Pokal“, sagt der Ali und freut sich schon.

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