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Notfallunterkunft

03.09.2015

Sie behandeln die Folgen der Flucht

Beim Fiebermessen bringt Thomas Winter vom Roten Kreuz den achtjährigen Masam und seine Mutter Fayrza Nowrozy aus Afghanistan zum Schmunzeln.
Bild: Andreas Schmidt

Sanitäter des Roten Kreuzes kümmern sich um kranke Asylbewerber. Warum ein kleiner Junge trotz seiner Verletzung nicht mehr weinen kann

Von Andreas Schmidt

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Friedberg. Irgendwie ist benutztes gestapeltes Geschirr in der Friedberger Asyl-Erstaufnahmeunterkunft umgefallen – ausgerechnet auf den Kopf eines Fünfjährigen. Er kriegt eine Schnittwunde an der Lippe und Kratzer im Gesicht ab. Rotkreuz-Sanitäter behandeln ihn und wundern sich, weil keine Tränen fließen. Jemand übersetzt, was die Mutter auf Arabisch gesagt hat: „Mein Kind weint nicht mehr. Wir kommen aus dem Krieg.“ Und sie fügt noch die Frage an: „Wissen Sie, was Krieg ist?“

Die Antwort darauf muss Rotkreuz-Rettungssanitäter Georg Lehmacher schuldig bleiben. Er kennt zwar die Fernsehbilder aus Syrien. Von dort kommen die meisten der 263 Flüchtlinge, die in dieser Woche in der Sporthalle des Gymnasiums in Friedberg untergebracht sind. Wie sie den Krieg erlebt haben, das können die beiden jeweils diensthabenden Sanitäter aber höchstens erahnen und sich nicht wirklich ausmalen. In der Sanitätsstation neben der Turnhalle tun sie ihr Bestes, um oft Folgen der Flucht zu behandeln.

Sie behandeln die Folgen der Flucht

Die Flüchtlinge sind den haupt- und ehrenamtlichen Rotkreuzmitarbeitern dankbar für die Hilfe. Dies spürt Rettungsdienstleiter Thomas Winter. In dem Container der Rotkreuzbereitschaft Pöttmes gibt es einen Aufenthaltsraum für die Helfer und einen Behandlungsraum. Darin geht es seit Samstag täglich zu wie in einem Taubenschlag, wie Einsatzleiter Winter sagt. Meistens sind es über 40 Patienten am Tag und bis in die Abendstunden hinein.

Ein typischer Fall ist der achtjährige Masam Nowrozy aus Afghanistan, den Winter gerade untersucht. Er schaut in den geöffneten Mund des Jungen, hört ihn ab und misst Fieber. Tatsächlich ist die Temperatur von Masam erhöht. Einige der Flüchtlinge sind stark erkältet. Der Rettungsdienstleiter geht davon aus, dass dies mit den schlechten Bedingungen während der Flucht zusammenhängt. Viele der Neuankömmlinge sind über die Balkan-Route gekommen. Da mussten sie teils im Wald auf dem feuchten Boden schlafen, hat Winter gehört. Die Rotkreuzler behandeln auch Wunden. Manche Asylbewerber haben sich die Füße wund gelaufen. Bei einem Flüchtling ging es um eine länger nicht versorgte klaffende Platzwunde am Bein. Er war an einer Grenze mit einer Metallstange geschlagen worden.

An diesem Vormittag haben Rettungsdienstleiter Winter und die langjährige Sanitätshelferin Magda Deutsch Dienst in dem Container. Beide erinnern sich an das deutsche Wendejahr 1989. Sie waren auch damals im Einsatz, als der Rotkreuz-Kreisverband längere Zeit über hundert Flüchtlinge aus der DDR unterbrachte. Das hat aus ihrer Sicht Ähnlichkeit mit der heutigen Situation und doch sind die Herausforderungen ganz andere.

Für Rettungssanitäter Lehmacher war es einer seiner bisher anstrengendsten Dienste, so nah dran an Menschen, die aus Kriegsgebieten kommen. Ihm spukt noch immer die Frage der Flüchtlingsmutter im Kopf herum: „Wissen Sie, was Krieg ist?“

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