1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg Land)
  3. Acht Jahre auf Niere gewartet: Das neue Leben kam gut gekühlt

Region Augsburg

13.03.2014

Acht Jahre auf Niere gewartet: Das neue Leben kam gut gekühlt

Achtung, menschliches Organ: In einer solchen Box kam die neue Niere für Herbert U. in Augsburg an.

Acht Jahre lang hatte Herbert U. auf eine neue Niere gewartet. Seit drei Monaten arbeitet sein Körper wieder ohne Dialysegerät. Doch der Weg vom Spender zum Empfänger ist weit.

Sein neues Leben kam in aller Früh. Der Anruf riss ihn sogar aus dem Schlaf: Es gab eine Niere für ihn. Acht Jahre hatte Herbert U. (Name geändert) auf diesen Anruf gewartet. Acht Jahre, geprägt von Krankenhausaufenthalten, halb durchwachten Nächten am Dialysegerät und strengsten Auflagen beim Essen. Wie sein geliebter Matjessalat schmeckt, wusste er nur noch aus der Erinnerung. Seine Urlaube plante er nach Lage der Dialysezentren im Ausland.

Heute, wenn Stiftungen rund um den Erdball den Weltnierentag begehen, steht Herbert U. kurz vor seinem ganz persönlichen Jubiläum: Fast auf den Tag genau seit drei Monaten kann sein Körper wieder alleine arbeiten, sind die Nächte an der Blutreinigungsmaschine Vergangenheit. Der Anrufer, der den 60-Jährigen im Dezember 2013 geweckt hatte, war Dr. Florian Sommer, Chirurg am Transplantationszentrum des Klinikum Augsburg.

Die Angehörigen werden immer gefragt

Auch er erinnert sich noch gut an den Tag der Transplantation. Gegen 5.30 Uhr an jenem Dezembermorgen hatte die länderübergreifende Organvermittlungsstelle Eurotransplant ihm die Niere eines kurz zuvor für hirntot erklärten Spenders angeboten. Dessen Familie hatte das Organ für einen anderen freigegeben. „Selbst, wenn beim potenziellen Spender ein Organspendeausweis vorliegt, werden seine Angehörigen befragt“, betont Sommer. So könne man etwa feststellen, ob eine Person ihre Einstellung zur Spende in den Wochen vor ihrem Tod geändert habe, erklärt der Chirurg. Auch grundsätzlich könnten die Angehörigen ihr Veto einlegen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Tun sie das nicht, sondern stimmen der Organentnahme zu, nimmt die Vermittlungsstelle Eurotransplant ihre Arbeit auf. Sie vergleicht die medizinischen Daten des Spenders mit denen von derzeit mehr als 15000 Menschen auf ihrer Warteliste. Rund 11000 von ihnen leben in Deutschland. Allein 8000 hoffen hierzulande nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) auf eine neue Niere.

Koffer stand bereit

Auf die Dialyse angewiesen sind noch weitaus mehr Menschen: „Nur 15 bis 20 Prozent der Dialysepatienten in Deutschland stehen auf der Warteliste“, betont Sommer. Ist das Risiko zu hoch oder schätzt der Arzt die Erfolgsaussichten als zu gering ein, kommt eine Transplantation nicht infrage. Bei Herbert U. aber waren alle Voraussetzungen erfüllt. Körperlich und mental hatten die Ärzte im Transplantationszentrum ihn auf diesen Tag vorbereitet. Die Niere anzunehmen, war für ihn keine Frage. „Packen Sie Ihren Koffer“, habe Sommer am Telefon zu ihm gesagt.

Herbert U. musste nicht packen: Seit acht Jahren stand sein Koffer bereit. Acht Jahre, damit hat U. ziemlich genau die durchschnittliche Wartezeit auf eine Niere hinter sich gebracht. Wäre er nicht ans Telefon gegangen – Sommer hätte ihn von der Polizei suchen lassen können, um seine Chance auf eine neue Niere zu wahren. Während der Transplantationskandidat daheim mit seiner Frau noch einen schnellen Kaffee trank, wurde anderswo die Nierenentnahme aus dem Körper des hirntoten Spenders vorbereitet.

Es muss schnell gehen

Spricht auch nach der sogenannten Kreuzprobe – einem Abgleich der Gewebedaten von Spender und Empfänger – nichts gegen eine Transplantation, entnimmt ein extra angereistes Team der DSO das Organ aus dem Körper des Spenders. Dann muss es schnell gehen. 77 Prozent der Spenderorgane werden der DSO zufolge per Auto zum Transplantationsort gebracht. Empfindliche Organe wie Herz und Lunge – sie dürfen nur maximal sechs Stunden auf Eis gelagert außerhalb des Körpers verbringen – würden meist in Charterflügen befördert. Auch der Transport im Frachtraum eines Linienflugs oder im Zug sei möglich, werde aber nur selten genutzt.

Trotz Sondertransport kam Herbert U. viel früher im Klinikum an als seine neue Niere. Zwischen sieben und acht Uhr morgens – gut zwei Stunden nach dem Anruf – war er in der Notaufnahme, wurde auf die Intensivstation verlegt und dort auf die Transplantation vorbereitet. Völlig normal, erklärt sein Arzt. „Es kommt vor, dass der Patient mehrere Stunden auf der Intensivstation liegt. Wir stellen damit sicher, dass er in gutem Allgemeinzustand und transplantabel ist.“

Herbert U.s Niere kommt in einer Kühlbox. Temperatur: vier Grad. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit des Chirurgen. „Ich gehe in den OP und präpariere das Organ, prüfe die Gefäße und versichere mich, dass keine Verletzungen vorliegen“, sagt Sommer. Etwa eine halbe Stunde dauere das. Stellt der Arzt einen Mangel fest, kann er das Organ auch kurz vor der Transplantation noch ablehnen. Bei Herbert U.s Niere muss er das nicht. Kurz nach 18 Uhr wird der 60-Jährige auf seinem Krankenbett in den Operationssaal geschoben. Angst hat er nicht: „Ich wusste, nach der Operation geht es mir besser. Nach der Operation sind endlich alle Einschränkungen vorbei.“ Auch sein Arzt ist nicht nervös: „Eine Nierentransplantation ist für uns ein Routineeingriff. Operativ sind wenige Komplikationen zu erwarten.“

Endlich wieder Matjessalat

Tatsächlich läuft alles nach Plan. Weniger als neun Stunden nach der Entnahme nimmt die Niere im Körper von Herbert U. ihre Arbeit auf. Um Mitternacht erwacht er in einem neuen Leben. Einem Leben, in dem er das Krankenhaus nicht viel häufiger sieht als ein Gesunder. In dem er sich seine Urlaubsorte selbst aussucht. In einem Leben mit Matjessalat.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren